+
Terroristen, Rechtsextreme und Kriminelle kapern die Chats von Computerspielen.

Onlineforen

Das Spiel mit dem Hass

  • schließen

Millionen Menschen weltweit nutzen Onlinespiele – darunter sind auch rechtsradikale und islamistische Extremisten. Sie haben damit einen direkten Draht in viele Jugendzimmer.

Bis zum Hakenkreuz sind es nicht viele Klicks. Man braucht dazu keinen besonderen Browser, keine spezielle Software. Es begegnet einem einfach so, beim Computerspielen. Man muss auch nicht viel Zeit investieren, um Menschen zu finden, die sich „Adolf Stalin“ nennen oder einen Totenkopf einschließlich SS-Runen als Profilbild haben. Denn das alles spielt sich nicht in irgendwelchen versteckten Ecken des Darknets ab, sondern auf Steam – einer der größten und populärsten Spieleplattformen der Welt.

Millionen Menschen kaufen auf Steam und ähnlichen Plattformen ihre Videospiele, haben ein Profil, um sich per Internet mit anderen Computerspielern zu vernetzen und sich mit Hilfe der Chatfunktion mit Menschen aus aller Welt über die Lieblingsspiele auszutauschen.

Doch zwischen Gesprächen über Strategien und Tricks beim Spielen mengen sich immer häufiger auch Parolen über Hass auf Muslime. Oder es wird IS-Ideologie verbreitet. Das Perfide ist: Die Hassbotschaften in den Spielen erreichen die Köpfe der jungen Menschen sehr direkt und dennoch beiläufig – und sind gleichzeitig oft unterhalb des Radars der Sicherheitsbehörden und Eltern. Experten warnen bereits davor, dass sich die Spiele-Chats zum wichtigen Rekrutierungswerkzeug von politischen Extremisten entwickelt haben.

Auf der Spieleplattform Steam, aber auch auf sogenannten Imageboards wie 8chan und 4chan ist über die Jahre eine rechte Subkultur herangewachsen. Von vielen unbemerkt sind derartige Foren zum Treffpunkt für Extremisten aller Art geworden. Vor allem Rechte nutzen aber auch immer öfter die Spiele-Chats und die Foren als ihre Bühne.

Der Attentäter von Christchurch, der 50 Moscheebesucher ermordet hat, war ein Teil einer solchen Online-Gemeinschaft – und als solcher wurde er auch von ihr gefeiert. Es gab Steam-Gruppen, die sich „dem wundervollen Terroranschlag in Neuseeland auf Moslems“ widmeten. Auf dem – mutmaßlichen – Spieleprofil des Täters hinterließen Gratulanten Glückwünsche. Für sie reiht er sich ein in eine sogenannte „Heldengalerie“, zu der für sie auch der norwegische Massenmörder Anders Breivik gehört. Tatsächlich filmte der Christchurch-Attentäter seine Tat mit einer Helmkamera in der Ego-Shooter-Optik vieler Computerspiele – und übertrug sie live für seine Zirkel in den Foren und sozialen Netzwerken.

Breivik war auch Vorbild für David Sonboly, den Attentäter am Olympia-Einkaufszentrum in München. Der 18-Jährige erschoss am fünften Jahrestag von Breiviks Massenmord neun Menschen, alles Jugendliche mit südländischem Aussehen. Auf Steam fand er Gleichgesinnte, Breivik-Fans, sie schaukelten sich offenbar gegenseitig in Gewaltfantasien hoch. Bis einer ernst machte. Oder eigentlich sogar mehrere: Einer von Sonbolys Chatpartnern wiederum tötete im Dezember 2017 drei Menschen an einer High School in New Mexico, USA.

Manchmal fließt auch Geld – und im Gegenzug wird man in interne Chatgruppen aufgenommen: So war es im Fall des Christchurch-Attentäters. Er spendete Anfang 2018 den österreichischen Identitären 1500 Euro und kam in den Mailverteiler des Alpenland-Rechtsextremen Martin Sellner, wie dieser nun einräumte. Am Mittwoch erfuhr das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) aus dem Innenausschuss des Bundestages, dass der spätere Massenmörder im September 2017 auch viermal der rechtsextremistischen Géneration Identitaire Geld überwies. Sie hat ihre Wurzeln in Frankreich, ist aber auch in anderen Ländern aktiv. Die Spenden betrugen insgesamt 2200 Euro.

Ob München, Utøya oder Christchurch: „Die Rolle von virtuellen Plattformen ist bei diesen Taten nicht hoch genug einzuschätzen“, sagt Florian Hartleb. Die Attentäter handelten zwar letztlich alleine, erklärt der Politikwissenschaftler und Autor. Sie lebten im realen Leben auffallend isoliert, das heißt aber nicht, dass sie keinen Austausch hatten. Sie verbrachten einen Großteil ihres Lebens online – wo sie sich politisch radikalisierten. Auch auf Plattformen wie Steam finden sie Gleichgesinnte aus der ganzen Welt, tauschen etwa Gewaltfantasien aus. Ihnen geht es nicht so sehr um die konkrete Planung von Anschlägen, auch nicht um die Beschaffung von Waffen – das passiert woanders, etwa wie bei Sonboly auf entsprechenden Foren im Darknet.

Gaming-Plattformen sind dabei in einer besonderen Position – gerade weil sie auf den ersten Blick nichts mit den berühmt-berüchtigten Foren wie 4chan und 8chan zu tun haben. Während „Keine Moderation, keine Regeln“ Teil der Identität der Imageboards ist, ist Steam eigentlich eine harmlose Gaming-Plattform – zugehörig zu einem kommerziellen Unternehmen namens Valve. Selbst Nutzer sind deshalb oft arglos – was nicht nur Extremisten, sondern auch Menschen ausnutzen, die Kontakt zu Kindern suchen.

Tatsächlich, sagt der Politikwissenschaftler Maik Fielitz vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Uni Hamburg, war nach Christchurch die positive Resonanz auf der Plattform vergleichsweise überschaubar. Image Boards wie 8chan spielen bei der Verbreitung rassistischer, hasserfüllter Botschaften wohl eine größere Rolle: Sie sind ein Hort von – nicht nur rechter – Kreativität, deren Trends sich von dort über das Internet, auf Twitter, Youtube oder Facebook verbreiten, erklärt Fielitz.

Dabei wirkt die Kontrolle bei den Gaming-Plattformen trotz strenger Nutzungsrichtlinien nicht besonders engagiert. „Steam wird immer erst dann aktiv, wenn der öffentliche Druck steigt“, sagt Fielitz. So hat der US-amerikanische Konzern laut Fielitz viele der Pro-Christchurch-Attentat-Gruppen geschlossen. Doch ein engagiertes Durchgreifen – oder klares Bekenntnis – gegen rechte Propaganda sieht anders aus.

Laut der US-amerikanischen Spielewissenschaftlerin Megan Condis ist es kein Zufall, dass ausgerechnet Videospielnutzer für rechte Botschaften überdurchschnittlich oft empfänglich sind. Sie sagt: Die Videospielkultur ist ein besonders attraktiver Ort für Rekrutierungen. Denn obwohl viele – sehr unterschiedliche – Menschen spielen, versteht man unter „Gamern“ landläufig noch immer vor allem weiße, heranwachsende Nerds. „Viele selbst ernannte Gamer haben sich dieses Klischee zu eigen gemacht und fühlen sich so, als ob die Spiele-Welt ihnen gehört“, sagt Condis. Genau dieses Anspruchsgefühl nutzen die Rechten aus. Es ist eine Rekrutierung durch Normalisierung. Heißt: Gamer werden nicht einfach auf „offener Straße“ angesprochen und auf einen Schlag mit der ganzen Ideologie konfrontiert, stattdessen führt man sie sukzessive über Memes, also Bilder und Symbole mit kleinen Botschaften, Ironie und Witze ein. Wer sich dafür empfänglich zeigt, kann langsam rekrutiert werden.

Denn der Hass der Online-Rechten spricht eine eigene Sprache. Ihre Kommunikation ist an die Voraussetzungen des Internets angepasst, durchsetzt mit Ausdrücken und Bildern, die für Außenstehende nicht so einfach zu dechiffrieren sind. Auch der Attentäter von Christchurch beherrschte dies.

Ein Beispiel für dieses Spiel mit den verschiedenen Ebenen ist „Pepe der Frosch“ – eigentlich ein Meme eines gemalten Frosches mit einer eher unpolitischen Bedeutung, das von den neuen Rechten zum rassistischen Hasssymbol umgedeutet wurde. „Nach innen gerichtet ist klar, dass damit rassistische Botschaften versendet werden“, sagt Fielitz. Aber nach außen kann man sagen: Das ist doch nur ein spaßiges Bild eines Froschs, das keine politische Bedeutung hat.

Dieses Changieren zwischen Spaß und bitterem Ernst, zwischen Überzeugung und Provokation ist Absicht. „Es ist eine bewusste Strategie von rechten Akteuren, um sich einerseits distanzieren zu können und gleichzeitig Jugendliche in ihr rechtes Weltbild zu ziehen“, sagt Fielitz.

In Deutschland scheint das Problem bisher nur von wenigen ernst genommen zu werden. „In Sicherheitskreisen herrscht noch immer die Meinung vor, dass Gruppen nur dann gefährlich sind, wenn sie auf die Straße gehen und eine feste Struktur haben“, sagt Fielitz. Das ist bei den rechten online Radikalisierten aber oft nicht der Fall. Zwar gibt es auch hier Gruppen, die sich in geschlossenen Zirkeln zu gezielten Internetkampagnen koordinieren. Oft bleibt es aber bei beiläufiger, regelmäßiger Propaganda, die unentdeckt nachwirkt.

Verfassungsschützer warnen vor den Netzwerken in den Spiele-Chats – und fordern mehr Befugnisse für die Onlineüberwachung. Die Dienste wollen auch Zugang zu verschlüsselten und geschützten Chats bekommen. Der Entwurf des Verfassungsschutzgesetzes sieht Onlinedurchsuchungen und Quellen-Telekommunikationsüberwachung vor.

Doch an den Plänen gibt es heftige Kritik. „Die These eines Erblindens der Sicherheitsbehörden ohne das Mittel der Onlinedurchsuchung ist mindestens irreführend“, sagt Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz. Schon jetzt läsen die Behörden in Chats und auch im Darknet mit und setzten verdeckte Ermittler ein. Sonbolys Waffenlieferant etwa wurde durch verdeckte Ermittler der Zollfahndung verhaftet und vor Gericht gebracht. Die mutmaßlichen Rechtsterroristen von „Revolution Chemnitz“ – acht Mitglieder sitzen in Karlsruhe in Untersuchungshaft – gingen durch einen Zufall ins Netz. Nachdem ein Mitglied der Gruppe wegen Körperverletzung verhaftet wurde, fand man auf seinem Telefon eine Chatgruppe namens „Planung der Revolution“.

Statt neue Gesetze zu beschließen, müsse der Verfassungsschutz operativ neu aufgebaut werden, „um verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen und Vernetzungen von Rechten und Rechtsextremen besser in den Blick nehmen zu können“, sagt von Notz. „Sie sind eine echte Gefahr für unsere freiheitliche Demokratie geworden.“

Autorinnen: Anna Schughart und Jan Sternberg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion