+
Protest gegen die Verrücktheiten der Elite.

Verbrannte Sorgen

Spiel mit dem Feuer

In Kalifornien entledigen sich die Reichen und Mächtigen ihrer Sorgen, indem sie eine Menschenpuppe verbrennen. Von Marcus Klöckner

Von MARCUS KLÖCKNER

Sommerzeit, Ferienzeit - das gilt auch für die US-amerikanische Machtelite. Im idyllischen Sonoma County in Kalifornien strömen auch dieses Jahr wieder die Reichen und Mächtigen zusammen. Ob ehemalige oder kommende US-Präsidenten, ob milliardenschwere Industriemagnaten, Hollywoodgrößen oder namhafte Militärs: Im Bohemian Grove trifft sich bis zum 27. Juli, streng bewacht, was in den USA Rang und Namen hat.

Bohemian Grove ist der Name eines elf Quadratkilometer großen Areals, das dem 1872 gegründeten Bohemian Club gehört. Der Club, der ursprünglich nur Künstler umfasste, hat sich im Lauf der Zeit zu einer der exklusivsten Adressen der US-Elite entwickelt.

Die Wartezeit auf die Mitgliedschaft beträgt mehrere Jahre; Mitglied wird nur, wer von mindestens zwei anderen Mitgliedern vorgeschlagen wird. In der Vergangenheit gesellten sich Persönlichkeiten wie George W. Bush, Donald Rumsfeld, Alan Greenspan und Henry Kissinger zu dem Treffen. Auch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) war einmal im Bohemian Grove zu Gast, wie er in seiner Biographie schreibt. Zur aktuellen Zusammenkunft gibt es noch keine Teilnehmerliste.

Unter dem Motto "Webende Spinnen kommt nicht hierher" dient das Club-Gelände dem Amüsement der Mächtigen. Das Motto soll daran erinnern, dass Arbeit im Bohemian Grove nichts verloren hat. Theaterstücke werden aufgeführt, es wird gelacht, getanzt und vor allem: getrunken.

Verkleidet als Hohepriester

Doch was auf den ersten Blick lediglich nach einer großen Sause der US-Elite aussieht, bekommt auf den zweiten Blick einen bizarren Beigeschmack. Die "Verbrennung der Sorgen" heißt ein Ritual, das zum festen Bestandteil im Bohemian Grove gehört. Von einer Holztribüne aus verfolgen die gut 2000 Mitglieder des Clubs ein Ritual, bei dem vor einer 15 Meter großen Eulenstatue aus Stein mit Roben und Kapuzen als Hohepriester verkleidete Personen eine Menschenpuppe auf einem Altar verbrennen.

Das Ritual, so heißt es, symbolisiere die Entledigung der schweren Last, die die Mitglieder aufgrund ihrer Verantwortung täglich auf ihren Schultern trügen. Durch die Verbrennung der Puppe würden, symbolisch gesprochen, die Sorgen der Elite eliminiert.

In einem Grundlagenwerk über den Bohemian Club hat sich der US-amerikanische Soziologe Professor G. William Domhoff mit dem Ritual auseinandergesetzt. Sein Fazit: Das Ritual dient der sozialen Kohäsion, soll heißen: es schweißt die Elite zusammen.

Diejenigen, die dieser Elite kritisch gegenüberstehen,finden das Feuerritual bedenklich - machen es sich die Politiker da nicht ein bisschen zu leicht mit ihrer Verantwortung? Und was passiert sonst noch so an geheimen Absprachen und Übereinkünften, ohne dass sie der demokratischen Kontrolle unterlägen? Im Internet kursieren wilde Verschwörungstheorien.

Der Heidelberger Ritualforscher Jan Snoek findet, man müsse bei der Bewertung von Ritualen vorsichtig sein; wilde Spekulationen seien fehl am Platz. Pfarrer Ferdinand Rauch, Beauftragter für Sekten und Weltanschauungsfragen in Fulda, sagt, "wahrscheinlich ist es einfach nur eine etwas exzentrische Zeremonie der US-amerikanischen Elite".

Eine fundierte Analyse der Geschehnisse im Bohemian Grove erfordere eine eigene Untersuchung, saht Snoek. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Bohemian Club kein großes Interesse daran hat, sich analysieren zu lassen. Nicht umsonst ist Diskretion das oberste Gebot unter den Mitgliedern. Und so wird die Elite auch in diesem Jahr das tun, was sie schon immer in ihrem exklusivem Sommercamp getan hat: essen, trinken, lachen und zwischendurch mit etwas Feuer spielen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion