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Michael Roth und Christina Kampmann.

SPD-Vorsitz

„Die SPD muss wieder die Heimat der Weltverbesserer und Mutmacherinnen sein“

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Christina Kampmann und Michael Roth sprechen im Interview über ihre gemeinsame Kandidatur für den SPD-Vorsitz.

Christina Kampmann, die auf einem Bauernhof in Ostwestfalen aufwuchs, ist Verwaltungswirtin, war Bundestagsabgeordnete und Ministerin in NRW. 

Der Staatsminister im Auswärtigen Amt Michael Roth stammt aus einer hessischen Bergmannsfamilie, ist Politikwissenschaftler und seit 1998 im Bundestag. Beide gehören dem linken Flügel der Sozialdemokraten an. 

Sie fordern die Abschaffung der Schuldenbremse, eine Digitaloffensive und einen entschiedenen Kampf gegen Kinderarmut.

Anfang Juli 2019 gaben sie ihre gemeinsame Kandidatur als SPD-Vorsitzende bekannt.

Frau Kampmann, Herr Roth, Sie gelten als die frischen Kandidaten um den SPD-Vorsitz, gehen aber mit Themen wie Gleichberechtigung nicht unbedingt mit neuen Zielen ins Rennen. Ihrem Mitbewerber Olaf Scholz hingegen wird vorgeworfen, er könne als Vertreter der großen Koalition die Partei nicht erneuern. Wie kommt das zustande?
Kampmann: Bei den Regionalkonferenzen erhalten wir viel Zuspruch. Viele Mitglieder wünschen sich einen echten Aufbruch mit frischen Gesichtern, die unbelastet sind von den Konflikten und Fehlern der Vergangenheit. Viele Genossinnen und Genossen spüren, dass die Partei an einem Scheidepunkt steht. In Umfragen liegen wir bei rund 15 Prozent. Da können wir nicht einfach so weitermachen wie bisher. Wir beide stehen als jüngstes Team im Wettbewerb. Wir stehen aber auch für unsere Ideen: Wir haben Konzepte vorgelegt für den Klimaschutz, gegen Kinderarmut, für die digitale Zukunft mit ihren gravierenden Veränderungen der Arbeitswelt. Wir wollen aber auch die Partei reformieren, beispielsweise indem wir mehr Menschen aus der kommunalen Familie in den Vorstand einbinden. Und die SPD muss familienfreundlicher und digitaler werden.
Roth: Die SPD wird nur dann wieder mehrheitsfähig, wenn sie die Partei der Geschlechtergerechtigkeit wird. Wir haben vor allem bei jungen Frauen massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Ihnen wollen wir wieder attraktive Angebote machen: Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, Abschaffung von § 219a, entschiedener Kampf gegen Sexismus und ein Paritätsgesetz im Bund. Für die SPD ist das existenziell und ganz und gar nicht unmodern, solche Fragen der Gleichstellung in den Mittelpunkt zu stellen. 

Sie haben jetzt einige Detailfragen beantwortet. Was ist denn Ihre darüberliegende Botschaft, das vielzitierte Narrativ?
Roth: Unsere SPD muss wieder die Heimat der Weltverbesserer und Mutmacherinnen sein, die Partei der Hoffnung. Dafür müssen wir zusammenhalten: Unsere wunderbare Partei, unser Land und Europa. Wir müssen Courage zeigen gegen die Feinde der Demokratie und Freiheit. Und wir müssen in der Partei wieder anständig miteinander umgehen. Da haben wir in den vergangenen Jahren massive Fehler gemacht. Wir treten dafür ein, dass die Solidarität, für die wir nach außen eintreten, auch in den eigenen Reihen wieder glaubhaft vorgelebt wird.

Die 23 Regionalkonferenzen beleben die innerparteiliche Debatte. Oder bestätigt die SPD die Kritik, wonach sie sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt?
Kampmann: Nein, die SPD geht mit diesem Prozess ein großes Wagnis ein. Es ist doch großartig, dass wir zum ersten Mal ein offenes, transparentes Verfahren bei der Wahl der Parteispitze haben: Nicht einige wenige entscheiden in den Hinterzimmern, sondern alle Mitglieder haben das Wort. Und es funktioniert! Wir kommen in volle Hallen, das Interesse ist riesig. Wir erleben eine lebendige, diskussionsfreudige Partei. Und bei den Regionalkonferenzen drehen wir uns doch nicht nur um uns selbst. Wir sprechen über die Themen, die alle Menschen in unserem Land beschäftigen: Klimaschutz, Mobilität, Digitalisierung, Europa oder die Zukunft des Sozialstaats.

Die SPD tut sich schwer mit der großen Koalition. Sie, Herr Roth, müssen die Ziele dieses Bündnisses als Europaminister im Auswärtigen Amt vertreten. Gleichzeitig kritisieren Sie als Kandidat die große Koalition. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um?
Roth: Wer uns wählt, bekommt 100 Prozent Kampmann/Roth. Deshalb werde ich mein Amt als Europa-Staatsminister niederlegen, wenn wir die SPD führen sollten. Die Regionalkonferenzen sind ein Wettbewerb um die besten Ideen für die Partei und unser Land. Worum es aber nicht gehen sollte: Wer ist der Moses, der die SPD am schnellsten ins gelobte Land der Opposition führt. Ob es weiter geht mit der großen Koalition, hängt maßgeblich davon ab, ob wir uns für die verbleibenden zwei Jahre mit der Union auf ehrgeizige Projekte verständigen können. Das sind für uns deutliche Fortschritte beim Klimaschutz, in Sachen Europa und im Kampf gegen Kinderarmut. Emotional verstehe ich alle Mitglieder, die wegen schlechter Wahlergebnisse und Umfragen unzufrieden sind. Aber die große Koalition ist nicht der einzige Grund, warum es der SPD derzeit so schlecht geht. Die Ursachen dafür liegen viel tiefer. 

Jan Böhmermann ist nun SPD-Genosse - und will weiter Chef werden

Die SPD muss sich wie andere Mitbewerber in einer veränderten Parteienlandschaft zurecht finden. Sie setzen sich für ein Bündnis mit linken Kräften ein. Wie soll das gelingen mit einer schwächelnden Linkspartei und Grünen, die sich mit vielen Ihrer Themen schwer tun?
Kampmann: Wir müssen offener und selbstbewusster werden. Wir schließen nur eine Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch aus. Alles andere müssen wir offener diskutieren. Wir wollen aber die SPD zuerst zu eigener Stärke führen. Wir können nur mit anderen koalieren, wenn wir wissen, was wir wollen.

Roth: Ich ermutige die SPD, sich stärker in Europa umzuschauen. Wir müssen kreativer und mutiger werden. Wir müssen aber auch kompromissfähiger werden, um stabile progressive Mehrheiten zu schmieden. 

Wohin sollen die Sozialdemokraten in Europa schauen? Nach Dänemark?
Roth: Ich schaue gerne nach Portugal, wo es die Sozialisten nach einer schweren wirtschaftlichen Krise geschafft haben, dem Land wieder Jobs und soziale Stabilität zu geben. Sie haben sich getraut, eine Minderheitsregierung zu bilden. Sie haben auch mit Linken kooperiert, aber die zentralen außen-, sicherheits- und europapolitischen Fragen mit anderen Mehrheiten vorangebracht. Wir können auch von Schweden lernen. Dort macht uns die sozialdemokratisch geführte Regierung vor, wie man eine feministische Außenpolitik macht. Selbstverständlich muss die SPD für Sicherheit einstehen. Aber eine Einwanderungspolitik wie in Dänemark, die auf Abschottung setzt, kann für uns kein Vorbild sein.

Rechtspopulistisches und rechtsextremes Gedankengut ist erstarkt. Was sind für Sie die Ursachen dafür?
Kampmann: Nicht erst die Wahlen in Brandenburg und Sachsen haben gezeigt, dass die AfD nicht nur Menschen wählen, die sich abgehängt fühlen. Als ältestes Bündnis gegen Rechts muss die SPD künftig wieder die Heimat derjenigen sein, die gegen die Feinde der Demokratie aufstehen. Als Parteivorsitzende wollen wir uns dafür einsetzen, politische Bildung wieder stärker in Schulen zu verankern. Initiativen gegen Rechts, die vor Ort ganz wichtige Arbeit leisten, brauchen eine verlässliche langfristige Finanzierung. Außerdem sprechen wir uns für unabhängige Beschwerdestellen aus, weil es auch institutionellen Rassismus gibt.
Roth: Wir lieben ja bunte, vielfältige Gesellschaften, auch wenn das gelegentlich anstrengend ist. Aber es fehlen immer öfter Orte der Verständigung. Früher war das die Nachbarschaft, der Verein, die Kirchengemeinde oder der Betrieb, wo Sorgen ausgetauscht wurden. Diese Orte werden weniger wichtig oder wandern ab in eine digitale Welt - vermeintlich ohne Regeln, dafür mit ganz viel Hass und Verschwörungstheorien. Wir müssen also wieder Orte schaffen, wo man zusammenkommt, sich verständigt und gemeinsam nach Antworten sucht.

Interview: Andreas Schwarzkopf

Die Kandidatinnen und Kandidaten für den SPD-Vorsitz

  • Christina Kampmann und Michael Roth 
  • Nina Scheer und Karl Lauterbach
  • Gesine Schwan und Ralf Stegner
  • Petra Köpping und Boris Pistorius
  • Hilde Mattheis und Dierk Hirschel
  • Klara Geywitz und Olaf Scholz
  • Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

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