+
Die Kandidaten Ralf Stegner (r-l), Gesine Schwan, Boris Pistorius, Dierk Hirschel, Hilde Mattheis, Christina Kampmann, Michael Roth, Saskia Esken, Norbert Walter-Borjans, Klara Geywitz, Olaf Scholz, Karl Lauterbach und Nina Scheer.

SPD-Vorsitz

Das SPD-Rennen

  • schließen

Wie steht es zur Halbzeit um die Kandidaten für den Parteivorsitz? Eine Checkliste von Andreas Niesmann.

Wenn die Suche nach einer neuen SPD-Spitze ein Marathon ist, dann sind die Teilnehmer gerade bei Kilometer 21 – knapp die Hälfte ist geschafft. In Berlin fand am Dienstag die zwölfte von 23 Regionalkonferenzen statt. Bei den ersten gab es noch Überraschungen: Favoriten floppten eher, andere wussten Chancen zu nutzen. Aber die Konferenzen allein werden nicht den Ausschlag geben. Die SPD hat 430 000 Mitglieder, nur eine Minderheit wird die Kandidaten live erleben. Niemand kann deshalb seriös prophezeien, wie das Rennen um den Vorsitz ausgeht. Aber es gibt Anhaltspunkte:

Hilde Mattheis / Dierk Hirschel

Die Bundestagsabgeordnete und der Verdi-Bereichsleiter stehen am weitesten links in der Kandidatenriege. Mattheis hat sich einen Namen als Chefin des Parteiforums Demokratische Linke (DL21) gemacht, ist aber selbst vielen Linken zu radikal. Das Team tritt für Umverteilung ein. 

So läuft es: Die Auftritte sind besser als erwartet. Mattheis macht souverän Programm, nur Ökonom Hirschel redet sich manchmal in Rage. 

Unterstützer? Bei Prominenten bislang Fehlanzeige. Nominiert wurde das Kandidatenpaar von neun Kreisverbänden aus Ost wie West. Mattheis darf darauf hoffen, einige Stimmen aus dem Forum DL21 zu mobilisieren. 

Chancen? Trotz halbwegs gelungener Auftritte gelten Mattheis und Hirschel als chancenlos. Vor allem am linken Flügel hofft mancher auf einen Rückzug zugunsten eines anderen Paares. Wer die streitlustige Mattheis kennt, weiß aber, dass die Chancen dafür nicht allzu groß sind.

Nina Scheer / Karl Lauterbach

Der Gesundheitsexperte und die Umweltpolitikerin haben zwei Kernbotschaften: Konsequent gegen den Klimawandel und raus aus der Koalition. Scheer will eine deutlich ökologischere SPD, Lauterbach ein gerechteres Gesundheitssystem.

So läuft es: Zu Beginn hatte das Duett Probleme im Zusammenspiel. Jetzt ist das besser. Es gibt regelmäßig viel Beifall für die Forderung nach einem sofortigen Ende der Koalition. 

Unterstützer? Nominiert wurden Scheer und Lauterbach von sieben SPD-Unterbezirken aus NRW und Schleswig-Holstein. In der Hauptstadt ist der Rückhalt gering. Lauterbach wird zu machohaftes Auftreten nachgesagt. 

Chancen? Die Kandidaten selbst glauben, es bis in die Stichwahl schaffen zu können – nicht zuletzt dank einer koalitionsfeindlichen Basis. Unter Sozialdemokraten in der Hauptstadt hört es sich eher nach dem Gegenteil an.

Petra Köpping / Boris Pistorius

Niedersachsens Innenminister und Sachsens Integrationsministerin stehen für einen eher rechten Kurs und den starken Staat – vor allem in Sicherheitsfragen. In der SPD wollen sie die Rolle der Kommunalpolitiker stärken. 

So läuft es: Das Duo ist bislang eine Enttäuschung. Zu Beginn wurden sie als Mitfavoriten gesehen, aber selbst bei seinen Heimspielen in Hannover und Oldenburg konnte Pistorius nicht punkten. Das Duo hat außerdem die größte Fehlquote an Auftritten. 

Unterstützer? Formal ist die Unterstützung aus der SPD für das Duo riesig. Die Landesverbände Niedersachsen, Sachsen und Thüringen haben Pistorius und Köpping nominiert, dazu alle niedersächsischen Bezirke und zig Kreisverbände. Allerdings war die Kandidatenkür in Niedersachsen wegen des langen Zögerns von Ministerpräsident Stephan Weil so holprig, dass mancher die Stütze für nur halbherzig hält. 

Chancen? Wollen Köpping und Pistorius im Favoritenkreis bleiben, werden sich noch deutlich steigern müssen, um es in die Stichwahl zu schaffen.

Gesine Schwan / Ralf Stegner

Die Berliner Politikprofessorin und der Vordenker der SPD-Linken wollen einen Parteitag über die Koalition abstimmen lassen. Langfristig streben die beiden ein rot-rot-grünes Bündnis an.

So läuft es: Zu Beginn wurden Schwan und Stegner mit viel Häme bedacht – vor allem im Netz. Live aber punkten sie mit Schlagfertigkeit und Selbstironie. 

Unterstützer? Acht Kreisverbände haben dem Duo ihr Placet gegeben, vor allem aus Schleswig-Holstein, aber auch aus Bayern und Brandenburg. Stegner kann auf die Unterstützung einiger Parteilinker setzen, Schwan mobilisiert unter Intellektuellen. 

Chancen? Manch einer in der SPD glaubt, dass es Schwan und Stegner in die Stichwahl schaffen. Andere Genossen zweifeln eher daran und verweisen darauf, dass Stegner vor der schleswig-holsteinischen Landtagswahl 2012 schon einmal ein Basisvotum verlor.

Christina Kampmann / Michael Roth

Der Außenstaatssekretär und die Landtagsabgeordnete aus Nordrhein-Westfalen stehen für einen moderaten Linkskurs. Sie fordern eine Abschaffung der Schuldenbremse und ein Investitionsprogramm. Zwei Plätze im Parteivorstand wollen sie Basismitgliedern reservieren, die per Los bestimmt werden. Über die Koalition wollen sie ein neues Mitgliedervotum abhalten. 

So läuft es: Selbst Gegner räumen ein, dass Kampmann und Roth derzeit die professionellste Kampagne führen. Die beiden wirken unverbraucht – das kommt an der Basis gut an. Kritiker werfen dem Duo aber vor, dass manche seiner Forderungen wie auswendig gelernt wirke und der Show-Effekt eine zu große Rolle spiele. 

Unterstützer? Nominiert wurde das Duo vom SPD-Bezirk Hessen-Nord und zwei hessischen Unterbezirken. Auch unter den Bundestagsabgeordneten des Berliner Netzwerks gibt es Anhänger, etwa Innenexpertin Eva Högl. Ex-NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat die Kandidatur ebenfalls begrüßt. Die SPD in Kampmanns politischer Heimat Ostwestfalen ist dagegen auffallend still. 

Chancen? Kein Duo polarisiert aktuell mehr als Kampmann/Roth. Neutrale Bewertungen der Kandidatur sind von Sozialdemokraten derzeit praktisch nicht zu hören. Die Genossen sind entweder nur begeistert oder nur entsetzt. Kampmann und Roth werden inzwischen bessere Chancen als noch zu Beginn des Prozesses eingeräumt. 

Saskia Esken / Norbert Walter-Borjans

Der frühere Finanzminister von Nordrhein-Westfalen und die Bundestagsabgeordnete aus Baden-Württemberg gehen mit einem klassisch linken SPD-Kurs ins Rennen. Sie wollen das Steuersystem umbauen und die Abgaben für Vermögende sowie Spitzenverdiener erhöhen. Als Bürgerschreck taugen Walter-Borjans und Esken aber nicht. Aus SPD-Sicht ist ihre Kandidatur womöglich die unproblematischste. 

So läuft es: Das Duo ist als letztes ins Rennen gestartet. Zu Beginn surfte man auf einer Sympathiewelle – aber das war mal. Liegt auch daran, dass die Auftritte noch nicht sitzen. Vor allem Walter-Borjans fremdelt mit dem auf Zuspitzung abzielenden Format. 

Jan Böhmermann ist nun SPD-Genosse - und will weiter Chef werden

Unterstützer? Der große und wichtige Landesverband Nordrhein-Westfalen hat das Duo nominiert, plus drei Kreisverbände aus NRW. Noch wichtiger dürfte die Unterstützung von Juso-Chef Kevin Kühnert sein. Das inzwischen ausgeschiedene Duo Simone Lange und Alexander Ahrens hat seine Anhänger ebenfalls zur Unterstützung des Teams Walter-Borjans/Esken aufgerufen. 

Chancen? Unter den linken Kandidaten gelten Walter-Borjans und Esken als Favoriten. Wenn die Auftritte besser werden, sollte es wohl für die Stichwahl reichen. Allerdings besteht die Gefahr, dass sich die Linken gegenseitig Stimmen abjagen.

Klara Geywitz / Olaf Scholz

Der Bundesfinanzminister und die Ex-Generalsekretärin aus Brandenburg wollen mit Verlässlichkeit punkten. Linksruck ist mit diesem Duo nicht drin. 

So läuft es: Als Scholz ins Rennen einstieg, war die Überraschung groß. Dieses Momentum haben die beiden jedoch nicht für sich genutzt. Ihre Auftritte sind solide, Begeisterung entfachen sie nicht. 

Unterstützer? Nominiert wurden Scholz und Geywitz vom Landesverband Hamburg sowie Kreisverbänden in Schleswig-Holstein und Brandenburg. Auch Prominente wie der parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, gehören zu ihren Unterstützern.

Chancen? Scholz und Geywitz gelten intern weiter als Favoriten. Scholz wird ein Bekanntheits- und Amtsbonus zugestanden. Nahezu alle anderen Kandidaten glauben, in der Stichwahl gegen dieses Duo antreten zu müssen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion