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„Ich war am Limit“: SPD-Politiker Michael Roth spricht über seine Seelenkrise

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Von: Martin Benninghoff

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„Bei psychischen Erkrankungen ist es nach wie vor so, dass man schlimme Vorurteile ausräumen muss“, sagt Roth. medio tv/Schauderna
„Bei psychischen Erkrankungen ist es nach wie vor so, dass man schlimme Vorurteile ausräumen muss“, sagt Roth. © medio.tv/Schauderna

Der SPD-Politiker Michael Roth spricht im FR-Interview über sein Seelenleben: Wie geht es ihm nach der Auszeit? 

Herr Roth, als Sie sich krank und erschöpft fühlten, haben Sie die Frage „Wie geht es Ihnen?“ als herausfordernd empfunden. Sie wollten nicht mehr schauspielern müssen, dass alles in Ordnung sei. Jetzt, nach ihrer vierwöchigen Auszeit trotzdem die Frage: Wie geht es Ihnen?

Danke, mir geht es gut. Der Monat Auszeit – ich sage ausdrücklich: Auszeit, nicht Urlaub – hat mir persönlich sehr viel gebracht und gutgetan. Ich bin unendlich dankbar, dass ich das machen durfte. Klar: Nicht jeder Selbstständige oder Arbeitnehmer hat diese Möglichkeit. Es gibt auch viel zu wenige Hochleistungsberufe, bei denen wir kritisch nachfragen, was macht das eigentlich mit den Menschen? Ob das ein Krankenpfleger ist oder eine Lehrerin. Zu mir kann ich nur sagen: Der Jahreswechsel, bis ins Frühjahr hinein, das waren die schwierigsten und schlimmsten Monate. Durch meine Behandlung hat sich vieles zum Besseren gewandelt. Heute bin ich wieder leistungsfähig, motiviert und angstfrei.

Wie hat sich Ihre Erkrankung gezeigt?

Ich habe unter einer mentalen Erschöpfung und Angstzuständen gelitten. Wobei meine Therapeutin und ich der Erkrankung nie einen Namen gegeben haben, das war erst mal zweitrangig. Sie hat mich aus der Umlaufbahn geworfen. Das war schlimm. Spätestens nach einer furchtbaren Weihnachtspause war mir klar: So kann es nicht weitergehen. Ich war nicht mehr in der Lage, einfachste Entscheidungen zu treffen, so etwas wie: Kaufe ich Rotkohl oder Weißkohl? Koche ich oder lasse ich es bleiben? Es waren kleine Dinge, über die ich jetzt lachen kann. Aber damals war mir überhaupt nicht zum Lachen zumute. Ich versuchte stets, meiner Arbeit so gut es geht nachzugehen. Nach der Weihnachtspause traf ich mit meinem Team die Verabredung, dass es nicht mehr maßgeblich ist, was andere meinen, was ich machen müsste, sondern was ich schaffe. Doch das hat offenbar nicht ausgereicht.

Wie lange hat die Erkenntnis reifen müssen: Ich brauche professionelle Hilfe?

Viel zu lange. Es war ja nicht zum ersten Mal, dass ich ein mentales Tief durchlief. Aber wie so oft habe ich versucht, die Probleme ganz aus eigener Kraft wieder in den Griff zu bekommen. Ich hatte mir erhofft, dass die Ruhe der Weihnachtspause dazu ausreicht. Aber es wurde immer düsterer und dunkler. Am Neujahrstag sagte ich zu meinem Mann und Freunden: Ich brauche Hilfe! Wer meint, diese Erkrankung alleine mit seinem Umfeld oder seiner Familie in den Griff zu bekommen, der mutet sich und seiner Umgebung viel zu viel zu. Ich kann nur allen raten, sich in solch einer Situation professionelle Hilfe zu suchen. Gott sei Dank fand ich diese über einen privaten Kontakt schnell. Das war ein echter Glücksfall! Vielen ergeht es anders, weil es nicht genügend therapeutische Angebote gibt.

Ich war mental erschöpft, hatte Angstzustände.

Michael Roth

Als Michael Roth um Worte und Fassung rang

Eine Szene ist mir in Erinnerung: Ende März saßen Sie in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ und waren angesichts von Bildern aus der Ukraine, die eingespielt wurden, überraschend emotional und den Tränen nahe – zumindest für einen Profipolitiker kam das überraschend. War das der Ausdruck Ihrer damaligen labilen Verfassung?

Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Emotionalität ist auch nichts Anstößiges. Politik ohne Emotionen und Empathie ist ein hohles Nichts. Mich haben die Bilder aus der Ukraine sehr mitgenommen und erschüttert. In dem Moment, als ich diese Bilder der ermordeten Kinder sah, spürte ich ganz besonders mein Limit. Ich rang um Worte und Fassung. Ich dachte in dem Moment, jetzt schmeißt du die ganze Sendung. Da merkte ich, wie dünn mein Fell doch geworden ist. Und als Politiker braucht man ja eigentlich ein ziemliches dickes Fell. Die Diskussion darüber im Netz machte mich einigermaßen fassungslos. Manche meinen offenbar, Emotionalität sei der Rationalität hinderlich. So als müsste man sein Herz erst ausschalten, bevor man das Hirn einschaltet. Dass man bei Themen wie Krieg und Frieden seine Emotionalität zurückfahren müsse, um die Lage nüchtern analysieren zu können, halte ich für Quatsch. Aber vielleicht ist das ja der Grund, warum die deutsche Politik bisweilen ziemlich kalt und empathielos rüberkam.

Früher hätte man gesagt, Sie gehen mit Ihrer Erkrankung offen um. Aber ist dieses Enttabuisieren noch nötig? Auch andere Spitzenpolitikerinnen und -politiker wie Peter Tauber oder Sahra Wagenknecht haben über ihr Ausgebranntsein gesprochen und geschrieben. Sind wir nicht schon ein Stück vorangekommen?

Offenkundig sind wir noch nicht viel weiter. Ich muss klarstellen: Ich bin nicht missionarisch tätig. Aber ich wollte ehrlich sein und den Menschen nicht länger vorgaukeln, dass alles in Ordnung ist. Seitdem fühle ich mich deutlich besser. Ich bin wieder mit mir im Reinen. Es war erst an zweiter Stelle meine Absicht, anderen Menschen Mut zu machen, sich ihrer eigenen Erkrankung zu stellen. Aber es ist nötig: Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da hat Peter Struck zunächst nicht offen über seinen Schlaganfall gesprochen, sondern über eine Kreislaufschwäche. Heutzutage kann eine Politikerin wie Manuela Schwesig ganz offen mit ihrer schweren Krebserkrankung umgehen. Aber bei psychischen Erkrankungen ist es nach wie vor so, dass man schlimme Vorurteile ausräumen muss. Auch in meinem Umfeld hat es niemanden gegeben, der sonderlich erfreut darüber war, dass ich das öffentlich mache.

Aus welchen Gründen?

Es gab nicht wenige, die gesagt haben, meine weitere Karriere sei gefährdet. Wer soll denn so jemandem wie mir, der mal an seine Grenzen geraten ist, noch eine neue anspruchsvolle Aufgabe anvertrauen? Man kennt ja den Spruch: Wem es in der Küche zu heiß ist, der sollte sie möglichst verlassen. Aber um mal im Bild zu bleiben: Wer sich mal so richtig verbrannt hat, der wird danach viel bewusster, ja vielleicht sogar besser kochen, eben weil er seine Grenzen kennt. Am Ende sind Politiker auch nur Menschen, wir haben alle unsere Stärken und Schwächen – und es kann einem auch mal nicht gut gehen. Sich das einzugestehen, kann die Distanz zwischen Bürgerinnen und Bürgern und Politikern abbauen helfen.

Michael Roth und sein Neun-Punkte-Plan

Sie haben sich selbst sehr konkret vorgenommen, wie Sie Ihr Leben ändern müssen – eine Art Neun-Punkte-Plan. Was gehört dazu?

Beim Mittagessen, bei Terminen und Gesprächen ist das Handy jetzt komplett tabu. Wenn ich meine Ruhepause habe, und seien es nur 20 Minuten, dann bleibt das Handy in der Tasche. Auch dass ich mir morgens und abends sage, wofür ich dankbar sein kann, gehört dazu. Und ich frage mich jetzt regelmäßig: Was tut mir gut? Brauche ich das wirklich? Es ist eben eine Reise zu mir selbst. Ich weiß natürlich, dass weder der Beruf noch die Familie ein Wünsch-dir-Was sind. Es sollte da eine Reflexion eintreten: Ich habe viel gelernt über meine Grenzen und meine Möglichkeiten. Jetzt bin ich weitestgehend wieder da, und man muss mit mir rechnen. Das ist für die einen eine Freude und für andere eine Drohung (lacht) .

Sie sprechen Smartphones an. Vorher waren Sie in den sozialen Medien sehr aktiv. Haben Sie während Ihrer Auszeit nichts nachgelesen, nichts gegoogelt, nirgendwo gescrollt – und sich über keinen Tweet aufgeregt?

Ob Sie es glauben oder nicht: fast gar nicht. Während der Auszeit habe ich die drei Apps Facebook, Instagram und Twitter auf meinem Handy komplett gelöscht. Am Anfang habe ich noch Deutschlandfunk gehört, ein Nachrichtenmagazin und eine Tageszeitung oberflächlich studiert. Ich habe kein Fernsehen mehr gesehen. Es hat in diesen vier Wochen auch keinen Kontakt mit meinem Büro gegeben, mit Ausnahme eines einzigen Telefonats kurz vor meinem Wiedereinstieg. Es gab zugegebenermaßen ein paar Momente, da ist es mir schwergefallen.

Zur Person

Michael Roth , geboren am 24. August 1970 im hessischen Heringen, Politologe und SPD-Politiker, sitzt seit 1998 im Bundestag. Von 2013 bis 2021 war er Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Er gilt als ausgewiesener Experte für Außenpolitik. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr trat er als Spitzenkandidat für die hessische SPD an. Seit 15. Dezember 2021 ist Roth Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags.

Im Juni 2022 wurde bekannt, dass er sich wegen psychischer Probleme eine vierwöchige Auszeit nimmt. osk

Ukraine-Krieg und SPD haben Michael Roth nicht krank gemacht

Als Außenpolitiker fiel Ihre Auszeit ausgerechnet in die Zeit des Ukraine-Krieges. War es da nicht umso schwieriger, nicht mehr mitzureden und abzuschalten? Eskapismus in Kriegszeiten – schwierig.

Ja, das war schwierig. Als Mensch, der nach dem Fall der Mauer auf „Peace forever“, ein Leben ohne Krieg, hoffte und das auch für eine reale Vision hielt, bin ich natürlich wie viele ganz schön auf die Schnauze gefallen. Ich weiß, das ist nichts gegen das Schicksal der Menschen in der Ukraine: Aber auch mich hat dieser Krieg an mein Limit gebracht. Für eine weitreichende militärische Aufrüstung und Waffenlieferungen einzutreten, ist auch mir nicht leichtgefallen. Die Konflikte innerhalb der SPD waren für mich nicht einfach. Ich möchte jedoch klarstellen: Mich haben nicht der Krieg oder meine eigene Partei krank gemacht. Aber meine Kräfte waren wohl nur noch begrenzt vorhanden, das hat sich schon gezeigt. Manche Kolleginnen und Kollegen haben mir Zuspruch gegeben. Das hat auch geholfen.

Sie sind schon seit 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages. Wie hat sich die Arbeit der Politikerinnen und Politiker seither gewandelt?

Gerade in den sozialen Medien ist der Ton viel rauer geworden. Man muss sich viel mehr mit Lügen, Wut, Drohungen und Aggression auseinandersetzen. Es ist manchmal echt grauenhaft. Das bleibt bei vielen nicht in der Kleidung hängen. Es war noch vor einigen Jahren leichter, Diskussionen faktenbasiert zu führen. Auseinandersetzungen sind wahnsinnig anstrengend geworden. Wenn Sie bei Social Media immer mehr Follower haben, und man spürt, wie manche Thesen fliegen – dann zieht man daraus auch Anerkennung. Aber bisweilen bleiben bei all der Zuspitzung Maß und Mitte auf der Strecke, wenn nur noch pointiert und polarisiert wird. Aber ich gehöre jetzt definitiv nicht zu den Politikern, die sich damit brüsten, komplett aus den Social-Media-Kanälen auszusteigen. Das hat etwas Weltabgewandtes – und ob das Politikern guttut, bezweifele ich sehr. Aber man muss nicht alles lesen und schon gar nicht zu allem seinen Senf abgeben.

Das heißt, selbst wenn man sich für unabkömmlich hält: Loslassen geht und hilft immer?

Klar. Einfach mal durchatmen, gnädig mit sich selbst und anderen sein, das hilft. Und man wird damit viel weniger anfällig für Verletzungen. Wenn man sich mal gut begründet zurückzieht, dann kommt man gestärkt zurück an seinen Platz. Man sollte keine Angst davor haben, zu sagen: Ich bin dann mal weg. Also, es geht (lacht). (Interview: Martin Benninghoff)

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