1. Startseite
  2. Politik

„Unselig“: Ausgerechnet Nahles schimpft über Rente mit 63

Kommentare

Laut Andrea Nahles schicken große Unternehmen ihre Mitarbeitenden gerne früher in Rente. In einem Interview kritisiert die Vorstandsvorsitzende der Agentur für Arbeit diese „unselige“ Praxis.

Nürnberg – Ausgerechnet Andrea Nahles spricht sich gegen vermeintlich frühe Renten aus. Dabei führte die Chefin der Bundesagentur für Arbeit 2014 selbst die Rente mit 63 ein, als sie noch Bundesarbeitsministerin der SPD war. In einem Interview mit der Rheinischen Post sagte sie vergangene Woche: „Die unseligen Frühverrentungen nehmen zu.“

Dabei bezieht sie sich auf Programme von Unternehmen, die ihren Lohnabhängigen eine frühere Rente ermöglichen wollen. Eine Praxis, die in vielen großen Unternehmen üblich ist. So können ältere Angestellte entweder teilweise oder ganz mit dem Arbeiten aufhören, bevor die gesetzliche Regelaltersgrenze erreicht wird.

Nahles: Früherer Renteneintritt führe zu Fachkräftemangel

Unternehmen würden durch diese Praxis versuchen, ältere Angestellte frühzeitig loszuwerden, lautet ein Vorwurf von Kritiker:innen. Jüngere Menschen gelten in der Marktwirtschaft als produktiver. Zudem verdienen ältere Angestellte durch ihre Altverträge in manchen Fällen besser, als Kolleg:innen, die neu eingestellt werden. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht seien Frühverrentungsprogramme kontraproduktiv, so Nahles. „Gerade die erfahrenen Fachkräfte brauchen wir doch so lange wie möglich im Arbeitsmarkt.“

Andrea Nahles gibt die Zahl der Arbeitslosen bekannt.
Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit. © dpa/(Archivbild)

Der Blick auf die Zahlen zeigt auch: Die Beschäftigungsquote ist gestiegen. Bei 63-jährigen Männern hat sie sich seit 2015 sogar von 25 auf 50 Prozent verdoppelt. So arbeiten aktuell 1,3 Millionen Menschen arbeiten auch über das Rentenalter hinaus, so Nahles. Sie appelliert an die Unternehmen, diese Entwicklung zu fördern. Befragungen hätten gezeigt, dass rund 90 Prozent der Menschen, die über das Rentenalter hinaus arbeiten, in ihrem bisherigen Betrieb weiterarbeiten. „Hier sehe ich ein erhebliches Arbeitskräftepotenzial: Wenn mehr Arbeitgeber im individuellen Gespräch mit ihren älteren Mitarbeitern klären würden, wie sie weiterbeschäftigt werden könnten, würden sicher noch mehr ältere Arbeitnehmer im Job bleiben als bisher“, sagte die Arbeitsagentur-Chefin.

Diskussion um höheres Renteneintrittsalter: Politik skeptisch

Kritiker:innen halten diese Entwicklung allerdings nicht für wünschenswert. So würden Reallohnverluste dafür sorgen, dass immer mehr Menschen über das Renteneintrittsalter hinaus arbeiten müssten, um sich das Leben überhaupt zu leisten. Auf der anderen Seite argumentieren Befürworter:innen eines höheren Renteneintrittsalters, dass viele Berufe heutzutage länger ausgeübt werden könnten, auch mit Blick auf die steigende Lebenserwartung. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm erntete vergangene Woche Kritik für ihren Vorstoß, das Renteneintrittsalter bei steigender Lebenserwartung automatisch anzuheben.

Die Politik erteilt dieser Idee bisher eine Absage. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Die Politik braucht den Mut zu differenzierten Lösungen. Man kann nicht pauschal das Rentenalter erhöhen.“ Selbst der arbeitsmarktpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Pascal Kober, sprach sich zumindest vorsichtig gegen den Vorstoß aus: „Die Erhöhung des Renteneintrittsalters kommt allenfalls mit längeren Übergangsfristen in Betracht, denn Menschen planen ihre Rentenphase langfristig“, sagte er den Funke-Zeitungen.

Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich gegen eine Anhebung des Renteneintrittsalters ausgesprochen. „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir es jetzt nicht mehr nötig haben, das Renteneintrittsalter immer weiter anzuheben“, sagte er vergangene Woche in Erfurt. Länger zu arbeiten müsse freiwillig sein. Andrea Nahles selbst hat sich bisher nicht für ein späteres Renteneintrittsalter ausgesprochen. Allerdings ist sie in der Vergangenheit in ihrer Rolle als Agenturchefin durch Aussagen aufgefallen, die sich als wirtschaftsliberal einordnen lassen können. Die Forderung junger Leute nach einer besseren Work-Life-Balance kommentierte sie Anfang des Jahres mit: „Wir sind nicht die Agentur für Freizeit.“

Rente ab 63: Mit Abschlag in den Ruhestand

Das Renteneintrittsalter wird aktuell bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Ab dem Geburtsjahr 1947 wird die Altersgrenze bis 2023 um einen Monat pro Jahr erhöht. Ab kommendem Jahr wird die Altersgrenze für Menschen ab Jahrgang 1956 in Zwei-Monats-Schritten angehoben. Für Versicherte ab dem Geburtsjahr 1964 soll dann die Regelaltersgrenze von 67 Jahren gelten. Dabei gibt es aber Ausnahmeregelungen, wie zum Beispiel für Bergleute, die früher abschlagsfrei in Rente können.

Die Rente mit 63 sieht so aus: Wer mindestens 35 Jahre lang Beiträge in die Rentenkasse eingezahlt hat, kann mit einem Abschlag in Rente gehen. Dieser beträgt 3,6 Prozent für jedes Jahr des vorzeitigen Austritts aus dem Berufsleben. Diese Kürzungen können durch zusätzliche Beitragszahlungen allerdings ganz oder teilweise ausgeglichen werden.

Auch interessant

Kommentare

Teilen