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Fahne auf Halbmast: Spanien steckt in der Krise. Doch von Griechenland, Irland oder Portugal distanzieren sich die Spanier.

Spanien und die Euro-Krise

In Spaniens Unis wird selbst am Licht gespart

Der Bundestag entscheidet heute über Hilfe für Spanien - die Kanzlerin wird dabei Rückendeckung auch aus der Opposition bekommen. Der deutsche Literaturwissenschaftler Hans Christian Hagedorn lehrt an einer spanischen Universität und erlebt die Krise in Spanien hautnah mit: Kürzungen, Entlassungen, Schließungen, "wohin man schaut", sagt er.

Der Bundestag entscheidet heute über Hilfe für Spanien - die Kanzlerin wird dabei Rückendeckung auch aus der Opposition bekommen. Der deutsche Literaturwissenschaftler Hans Christian Hagedorn lehrt an einer spanischen Universität und erlebt die Krise in Spanien hautnah mit: Kürzungen, Entlassungen, Schließungen, "wohin man schaut", sagt er.

Der in Bremen geborene Hans Christian Hagedorn, 48, ist Professor an einer spanischen Universität. Seit Abschluss des Studiums in Münster lehrt er Literaturwissenschaft an der Universidad Castilla-La Mancha in Ciudad Real. Er lebt 200 Kilometer nördlich in der Hauptstadt Madrid. Die Krise und was sie vor allem für junge Spanier bedeutet, erfährt er sehr direkt.

Herr Hagedorn, heute stimmt der deutsche Bundestag über die Spanien-Hilfe ab. Kommen die Spanier damit klar, künftig von der EU abhängig zu sein?
Spanien fühlt sich nicht abhängig. Für die Spanier handelt es sich bei den Finanzhilfen nur um Kredite für den Bankensektor. Sie distanzieren sich auch klar von Griechenland, Irland oder Portugal, die komplett unter den Rettungsschirm schlüpfen mussten. Allerdings sind die Spanier erschrocken und wütend, und es ist ihnen klar, dass sie die Situation rasch in den Griff bekommen müssen.

Die Spanier sind den Deutschen traditionell wohlgesonnen. Hält die Sympathie an?
Die Sympathie für die Deutschen ist ungebrochen. Pauschalkritik wird allerdings nicht mehr schweigend hingenommen, sondern als Arroganz gewertet. Wenn deutsche Politiker behaupten, in Spanien werde weniger gearbeitet als in Deutschland, dann reagieren die Spanier erbost. Allgemein begegnen sie den Deutschen weiterhin mit großem Wohlwollen. Man freut sich über die deutschen Touristen, und in Politik und Wirtschaft, Bildung und Wissenschaft gilt Deutschland als großes Vorbild.

Wie wirkt sich die Krise an Ihrer Universität aus?
Die Lage im Bildungssektor ist prekär. Wohin man schaut: Kürzungen, Streichungen, Schließungen, Entlassungen, dazu die drastische Anhebung der Studiengebühren. Viele der jungen, nicht verbeamteten Dozenten müssen gehen – ohne Chance auf einen neuen Job. Selbst bei der Beleuchtung wird gespart, die Hälfte der Fahrstühle steht still. In der Universitätsbibliothek gibt es keine Buchankäufe mehr, sogar das Fernleihesystem ist aus Kostengründen eingefroren. Besonders hart sind die Einschnitte in der Forschung: Projekte werden kurzerhand gestoppt, Labors geschlossen, Versuchsmaterial und Tiere entsorgt. Die Situation ist desolat.

Sie sind von Deutschland nach Spanien gegangen. Jetzt gehen Ihre Absolventen nach Deutschland. Lässt sich sagen, wie viele?
Die Abwanderung ist stark: Heute wurde bekannt, dass im ersten Halbjahr 2012 etwa 40?000 Spanier emigriert sind, die Dunkelziffer ist zudem sehr hoch. Viele Studenten fragen mich, was sie tun können, um nach einem Erasmus-Studienjahr in Deutschland zu bleiben. Ich vermute, dass jährlich etwa 20 Prozent der Hochschulabsolventen erwägen, ins Ausland zu gehen, die Hälfte davon nach Deutschland. Fünf Prozent wagen diesen Schritt, und vielleicht zwei Prozent schaffen es, in Deutschland einen Job zu finden. Etliche meiner ehemaligen Studenten arbeiten jetzt in Schulen, Akademien oder Firmen in Hamburg, Berlin, Niedersachsen, Bayern. Eine ist sogar in meiner Heimatstadt Bremen gelandet. Deutsch-Kurse haben in Spanien derzeit Hochkonjunktur.

Sie arbeiten daran, dass Studenten Sprachkompetenz erwerben und gehen können. Wie fühlt sich das an?
Eigentlich ist das eine positive Entwicklung, die zunehmende Mobilität und die Internationalisierung sind fruchtbar für Spanien und Europa. Und natürlich ist es ein gutes Zeichen, wenn die universitäre Ausbildung unseren Studenten berufliche Perspektiven öffnet, egal ob in Spanien oder im Ausland. Aber es gibt sicher zu denken, wenn wir in Spanien zu Billigpreisen eine ganze Generation hoch qualifizierter Kräfte für den deutschen Arbeitsmarkt ausbilden. Das ist gut für Deutschland. Aber die Spanier beginnen daran zu zweifeln, ob das auch gut für das eigene Land ist.

Im Zuge der Sparprogramme wurden die Gehälter im öffentlichen Dienst gekürzt. Was macht das aus?
Seit 2010 hat es im öffentlichen Dienst drei Gehaltskürzungen gegeben, insgesamt um etwa 14 Prozent. Die Lohnsteuer ist im Februar um 3 Prozent angehoben worden. Unter dem Strich sind das an den Unis im gehobenen Mittelbau, das heißt bei verbeamteten Dozenten, im Schnitt monatlich etwa 300 Euro weniger. Dazu kommen andere Faktoren. So wird in Spanien die Mehrwertsteuer im September von 18 auf 21 Prozent heraufgesetzt.

Sind diese Gehälter sicher?
Keineswegs. Für unsere Uni hat die Regionalregierung für 2012 nur ein Budget verabschiedet, das bestenfalls 80 Prozent der Lohnkosten deckt. Spätestens ab November könnte es dann sehr eng werden.

Die Arbeitslosenquote beträgt 25 Prozent, bei Jugendlichen 50 Prozent. Wie lang hält Spanien das aus?
Diese Frage stellen sich auch viele Spanier. Es ist schwer zu sagen, wie die weniger gut Ausgebildeten, Chancenlosen langfristig auf ihre düsteren Berufsperspektiven reagieren werden. Im Moment gibt es keine Anzeichen für das Aufkommen einer breiten und starken, organisierten Protestbewegung. Viele Probleme werden traditionell von den Familien aufgefangen.

Schon mal an Rückkehr gedacht?
Nicht ernsthaft, dafür liebe ich das Land, die Menschen und auch meine Arbeit zu sehr, vor allem meine Studenten. Die jungen Leute verdienen es, dass wir jetzt für sie da sind. Ich habe in Spanien goldene Zeiten erlebt. Jetzt davonzulaufen, kommt nicht infrage.

Das Gespräch führte Markus Decker.

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