Spanien__000_8R74JT.jpg
+
Seit Wochen ist absehbar, dass Madrid die Covid-19-Epidemie nicht in den Griff bekommt. 

Corona

Spanien riegelt Madrid ab

  • Martin Dahms
    vonMartin Dahms
    schließen

Die spanische Regierung prescht vor und macht die Grenzen rund um Madrid dicht. Die Behörden in der Hauptstadt halten das für illegal.

Seit Wochen ist absehbar, dass Madrid die Covid-19-Epidemie nicht in den Griff bekommt. Die Lage in Spanien ist ein Desaster, die in Madrid ein noch größeres. Damit der Rest des Landes nicht mehr als nötig unter der Situation in der Hauptstadt leidet, hat die spanische Regierung am Donnerstagmorgen eine Verordnung veröffentlicht, die Madrid und neun Vorstädte dazu verpflichtet, ihre Grenzen dichtzumachen. Wer seinen Wohnort verlassen will, muss dafür gute Gründe haben. Ausflüge, Urlaubsreisen oder Verwandtenbesuch jenseits der Stadtgrenzen sind unmöglich. Allgemeine Ausgangssperren gelten vorerst nicht, der Bewegungsradius ist allerdings aufs Stadtgebiet beschränkt.

Die spanischen Infektionszahlen gehören zu den höchsten Europas: 330 Fälle auf 100 000 Einwohnerinnen und Einwohner in den vergangenen 14 Tagen, gut zehnmal mehr als in Deutschland. In der Region Madrid – sie umfasst die Hauptstadt und ihr Umland – mit knapp 6,7 Millionen Einwohnern lag der entsprechende 14-Tage-Wert am Mittwochnachmittag noch deutlich höher, bei 735. Die Epidemie ist hier nahezu außer Kontrolle. Ein Viertel aller Krankenhausbetten in der Region ist mit Covid-19-Patienten belegt, bei den Intensivbetten sind es mehr als 40 Prozent. Das Gesundheitssystem ist nah am Kollaps.

Die Madrider Regionalregierung, die dafür eigentlich zuständig wäre, konnte sich bisher trotz der beunruhigenden Daten nicht zu einschneidenden Schutzvorschriften durchringen. Deswegen ist jetzt die nationale Regierung eingesprungen, nach Absprache mit allen 17 regionalen Gesundheitsministern: Die einigten sich am Mittwochnachmittag bei einer Videokonferenz mehrheitlich auf ein neues Handlungsprotokoll für ganz Spanien, das nun zum Einschreiten in Madrid zwingt – zum Ärger der Madrider Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso. Sie hält das Eingreifen der nationalen Regierung für illegal und will deswegen vor Gericht ziehen. Sie sei aber keine Rebellin und werde den Anweisungen erst einmal, wenn auch unwillig, folgen.

Parteipolitisches Kalkül

Der politisch-juristische Streit hat Spanien gerade noch gefehlt. Hinter der Konfrontation zwischen National- und Regionalregierung steckt nichts als parteipolitisches Kalkül. Die Konservative Ayuso legt sich mit der Sánchez-Regierung an, weil die eine linke Regierung ist.

Zwischen den Mühlsteinen der Politik wird das Gesundheitssystem zerrieben. Die Schließung der Madrider Stadtgrenzen ist ein hilfloser Schritt, nachdem erst die Sánchez-Regierung (die dafür bis zum Auslaufen des Alarmzustands am 21. Juni zuständig war) und dann die Ayuso-Regierung bei der Aufgabe versagt haben, Land und Region vor einer zweiten Welle zu warnen. Von Beginn an hat es an „rastreadores“ gefehlt, den Kontaktermittlern, die schnell Angehörige und Bekannte von Infizierten in Quarantäne schicken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare