Temperaturmessen am Strand von Gran Canaria.
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Temperaturmessen am Strand von Gran Canaria.

Migration

Spanien lässt Geflüchtete nicht aufs Festland

  • Martin Dahms
    vonMartin Dahms
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Die Kanarischen Inseln errichten Zeltlager auf Militärgeländen für Tausende Menschen.

Die Kanaren rebellieren“, sagt ihr Ministerpräsident Ángel Victor Torres. „Wir akzeptieren es nicht, 100 Prozent aller Immigranten aufzunehmen, die hier ankommen.“ Und es kommen immer mehr. Knapp 800 im August. Gut 2000 im September. Weit mehr als 5000 im Oktober. 5351 allein in den ersten beiden Novemberwochen – das waren fast doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2019. Es muss etwas geschehen, finden die Verantwortlichen vor Ort. Sie fühlen sich alleingelassen. Als Anfang November die EU-Kommissarin Ylva Johansson und der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska Gran Canaria besuchten, wo zwei Drittel aller Bootsmigrant:innen landen, sagte ihnen der Inselpräsident Antonio Morales: „Wir können es nicht hinnehmen, uns in eine Gefängnisinsel zu verwandeln.“

Das war provokant gesprochen. Gran Canaria ist kein Inselchen. Mit 1560 Quadratkilometern misst sie so viel wie die vier größten deutschen Inseln Rügen, Usedom, Fehmarn und Sylt zusammengenommen. Hier geht es nicht um fehlenden Platz. Für Gran Canaria und die anderen kanarischen Inseln geht es ums Selbstbild: Sie wollen wieder das Urlauberparadies sein, das sie bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie gewesen sind. Sie wollen nicht mit Migrationsnot assoziiert werden. Die Menschen – oder jedenfalls ein großer Teil von ihnen – mögen bitte aufs 1500 Kilometer entfernte spanische Festland gebracht werden.

Gespräche mit Marokko

Sie wären dort wohl willkommen. Fünf Regionalregierungen – die von Extremadura, Valencia, Navarra, dem Baskenland und Kastilien und León – und die Stadt Barcelona haben sich angeboten, Migrant:innen von den Kanaren aufzunehmen. Aber die spanische Regierung sperrt sich dagegen. Die Kanaren sollen „eine Art Migrationsstöpsel“ bilden, fasst die Zeitung „El País“ die Strategie der linken Sánchez-Regierung zusammen.

Innenminister Grande-Marlaska bestätigte noch einmal, dass an eine Überführung der Menschen aufs Festland grundsätzlich nicht zu denken sei. Er nannte das eine „Migrationspolitik, die eine gemeinsame EU-Politik ist“. Die irregulär in Spanien Gelandeten sollen im grenzenlosen Europa nicht von Land zu Land wandern. Von Barcelona aus könnten sie das. Von den Inseln aus nicht.

Die Regierung schätzt, dass etwa ein Zehntel der auf den Kanaren landenden Migrant:innen vor Krieg oder Verfolgung fliehen. Alle anderen sollen so rasch wie möglich in ihre Heimatländer zurückgebracht werden. Weil das so schnell nicht geht, zumal in diesen Coronazeiten nicht, bleibt Spanien nur, für eine ordentliche Unterkunft auf den Kanaren zu sorgen. Tausende sind in leerstehenden Hotels untergebracht worden. Doch im Hafen von Arguineguín im Südwesten Gran Canarias, in der Nähe des Ferienortes Maspalomas, drängten sich zeitweise mehr als 2000 Menschen in einer Reihe von Zelten, die für 500 Menschen gedacht waren.

Mindestens dieses Problem hat die Regierung nun zu lösen versprochen. Auf Gran Canaria, Teneriffa und Fuerteventura sollen in den kommenden Wochen – zumeist auf Militärgelände – mehrere Zeltlager für insgesamt 7000 Personen entstehen. Für nächstes Jahr sind „stabilere Lösungen“ vorgesehen. Gemeint sind offenbar Hallen oder andere Gebäude, während Hotels und andere Ferienanlagen wieder für den Tourismus geöffnet werden.

Zugleich hat die spanische Regierung eine vorerst zurückhaltende diplomatische Offensive gestartet: Innenminister Grande-Marlaska besuchte jetzt Marokko, das Land, aus dem derzeit die meisten Bootsmigrant:innen auf den Kanaren landen. Von seinen Gesprächen mit dem marokkanischen Innenminister Abdelouafi Laftit gab es keine schlagzeilenträchtigen Ergebnisse. Allerdings ist die Zahl der ankommenden Flüchtlingsboote auf den Kanaren in den vergangenen Tagen deutlich zurückgegangen.

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