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Spanien führt „Periodenurlaub“ ein: Kritiker:innen führen Gegenargumente an

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Von: Delia Friess

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Spanien führt einen bezahlten, monatlichen Periodenurlaub für Frauen ein. Studien zur Produktivität stützen den Vorschlag, dennoch gibt es auch Kritiker:innen.

Madrid – Viele Frauen und Mädchen kennen es: mäßige bis starke Regelschmerzen wie Krämpfe, Rückenprobleme und Übelkeit während der Periode. In Ländern wie Sambia, Japan, Taiwan, Südkorea und Indonesien gibt es Periodenurlaub bereits. Spanien will als erstes europäisches Land nun einen Periodenurlaub einführen -  auch menstrual leave genannt. Bei Vorlage eines ärztlichen Attestes, das jährlich erneuert werden muss, sollen Frauen drei bis fünf zusätzliche „Urlaubstage“ monatlich, die bezahlt sind, nehmen können. Ein Gesetzesentwurf wurde von der linken Regierung eingebracht. Was sind die Vor- und Nachteile eines „Periodenurlaubs“?

Periodenurlaub in Spanien - „Periodenschmerzen fast so schlimm wie Herzinfarkt“

John Guillebaud, Professor für reproduktive Gesundheit am University College London, sagte 2016 gegenüber dem Online-Portal Quartz, dass Patientinnen die krampfartigen Schmerzen während der Periode als „fast so schlimm wie einen Herzinfarkt“ beschrieben hätten. „Männer verstehen das nicht und dem Ganzen wurde nicht die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt. Ich glaube daran, dass es etwas ist, um das sich gekümmert werden sollte, wie um alles andere in der Medizin”, so der Forscher aus Großbritannien.

Viele Frauen in den sozialen Netzwerken und Frauenmagazine wie die Marie Claire regten sich darüber auf, dass die Aussage des Wissenschaftlers so stark rezipiert wurde. Erst wenn ein Mann die Schmerzen erkläre, die Frauen erleben und beschreiben, würden sie ernst genommen werden.

Die spanische Gleichstellungsministerin Irene Montero während einer Pressekonferenz. Das spanische Kabinett hat einen bezahlten Krankenurlaub für Menstruationsbeschwerden gewährt.
Die spanische Gleichstellungsministerin Irene Montero während einer Pressekonferenz. Das spanische Kabinett hat einen bezahlten Krankenurlaub für Menstruationsbeschwerden gewährt. © BORJA PUIG DE LA BELLACASA/AFP

„Wenn jemand sonst an einer Erkrankung mit diesen Symptomen leidet, wird eine vorübergehende Arbeitsunfähigkeit gewährt. Das Gleiche sollte bei der Menstruation geschehen”, begründete Ángela Rodríguez, Politikerin der linken Podemos-Partei und spanische Staatssekretärin für Gleichstellung, die Regelung in Spanien.

„Menstruationsurlaub“: So viele Frauen leiden unter Periodenschmerzen

Die American Academy of Family Physicians in den USA geht davon aus, dass Periodenschmerzen jede fünfte Frau betreffen. Studien und Statistiken in Deutschland gehen etwas auseinander: Demnach leiden zwischen 30 und 80 Prozent aller Frauen im gebärfähigem Alter unter leichten bis mäßig starken Periodenschmerzen. Studien von Krankenkassen wie der Barmer und Die Techniker kamen zum Ergebnis, dass etwa 10 bis 20 Prozent der Frauen so stark unter Periodenschmerzen leiden, dass sie ihren normalen Alltag nicht mehr bewältigen könnten. 15 Prozent der Frauen leiden laut RKI außerdem unter der Krankheit Endometriose, die starke Schmerzen auch während der Periode verursacht.

Eine niederländische Studie kam sogar zu dem Schluss, dass 80 Prozent der Frauen während der Periode zwar zur Arbeit gehen, sie dabei aber nicht produktiv seien. Vor allem jüngere Frauen meldeten sich wegen Periodenschmerzen krank, gaben aber nicht den Grund an. Die Autor:innen unterstrichen, dass der Verlust an Produktivität höher sei, wenn die Frauen trotz Periode zur Arbeit gingen, statt zu Hause zu bleiben. Als weiteren Vorteil des Periodenurlaubs nennt das Online-Portal Erdbeerwoche, dass auch der Einsatz von Schmerzmitteln eventuell verringert werden könnte, da die Schmerzen mutmaßlich zu Hause besser bewältigt werden könnten als im Büro oder bei der Arbeit.

Spanien führt einen „Menstruationsurlaub“ ein. (Symbolbild)
Spanien führt einen „Menstruationsurlaub“ ein. (Symbolbild) © leungchopan/Imago

„Periodenurlaub“: Kritiker:innen führen Gegenargumente an

Kritiker:innen bemängeln jedoch, dass ein Gesetz zum „Periodenurlaub“ auch kontraproduktiv sein könnte. So wird befürchtet, dass sich Unternehmen bei der Einstellung seltener für Frauen und stattdessen häufiger für den Mann entscheiden könnten und Frauen stärker in Halbtagsjobs gedrängt werden. Zudem wird der Begriff „Periodenurlaub“ kritisch angesehen, da er suggeriere, dass es sich bei Periodenschmerzen um eine Lappalie handelt, die mit Urlaub vergleichbar sei.

Als in Italien die Einführung eines „Periodenurlaubs“ diskutiert wurde, gaben The Washington Post und Vice Italy zu Bedenken, dass der „Menstruationsurlaub“ anstatt Tabus zu brechen, Stereotypen über Frauen verstärken könnte, denen häufig zugeschrieben wird, emotionaler zu sein - insbesondere während der Periode.

Periodenscham: Gesetz in Spanien zum „Periodenurlaub“ hat kontroverse Reaktionen

In vielen Ländern in Afrika und Asien und teilweise in der EU war und ist die Periode außerdem mit Scham, Stigmata und Tabus behaftet und gilt als „unrein“. Frauen und Mädchen dürfen stellenweise nicht an Zeremonien und anderen Aktivitäten teilnehmen. In vielen armen Teilen der Welt werden sie zudem wegen des Mangels an Hygieneartikeln und sanitären Anlagen davon abgehalten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Die Periodenscham könnte sich durch einen „Periodenurlaub“ auch weiter verstärken, so Kritiker:innen.

Dennoch wünschen sich der niederländischen Studie zufolge Frauen in Europa eine größere Flexibilität bei ihren Aufgaben und Arbeitszeiten am Arbeitsplatz oder in der Schule während ihrer Periode. (df) Spanien hatte erst kürzlich sein Sexualstrafrecht verschärft und Catcalling verboten.

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