Die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss steigt.
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Die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss steigt.

Bildung

Spaltung verfestigt sich

  • Tobias Peter
    vonTobias Peter
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Bildungsbericht verlangt massiven Personalaufbau und gezielte Förderung.

Deutschland braucht mehr Lehrer und Erzieher, die Politik muss stärkere Anstrengungen unternehmen, um Bildungsgerechtigkeit zu befördern. Das sind zentrale Forderungen einer unabhängigen Forschergruppe, die im Auftrag von Bund und Ländern den Bildungsbericht 2018 erstellt haben.

Die Wissenschaftler um den Berliner Bildungsforscher Kai Maaz warnen ausdrücklich, die Kluft zwischen Bildungsgewinnern und -verlierern drohe zu wachsen. Der Bericht zeigt jedenfalls bereits jetzt eindeutig, dass sich die Spaltung verfestigt. Einerseits ist der Anteil von Schulabsolventen mit Abitur innerhalb von zehn Jahren von 34 auf 43 Prozent gestiegen. Andererseits verfehlt fast jeder zehnte Jugendliche in der neunten Klasse die Mindeststandards beim Lesen. Es gibt also gerade an der untersten Grenze des Leistungsspektrums Probleme, die eine intensivere Förderung notwendig machen. 

Eine besonders problematische Erkenntnis aus dem Bericht unterstreicht dies noch: Die Zahl derjenigen, die ganz ohne Abschluss die Schule verlassen, steigt wieder an. Im Jahr 2016 gingen mehr als 49.000 Jugendliche ab, ohne mindestens einen Hauptschulabschluss erworben zu haben. Im Jahr 2015 waren es 1500 Jugendliche weniger, die in diese Problemgruppe fallen. Der Anstieg ging fast komplett auf ausländische Jugendliche zurück – ein Zeichen dafür, dass das deutsche Bildungssystem die Herausforderungen, die aus Migration erwachsen, noch nicht ausreichend bewältigt.

Insgesamt sind die Bildungschancen in Deutschland noch immer stark an die soziale Herkunft gekoppelt. Haben die Eltern kein Abitur, aber eine Ausbildung gemacht, dann nehmen die Kinder zu 24 Prozent ein Studium auf. Akademikerkinder tun dies in 79 Prozent der Fälle. Die ungleiche Chancenverteilung beginnt früh: Studien haben gezeigt, dass das Kind eines Arbeiters bei gleichen Leistungen und gleicher Begabung deutlich schlechtere Chancen hat, ans Gymnasium zu kommen, als das Kind eines Professors.

Gleichzeitig zeigt der Bericht: Bildung lohnt sich – für den Einzelnen und für die gesamte Gesellschaft. Eine Akademikerin verdient im Durchschnitt fast acht Euro mehr pro Stunde als Frauen mit einer Berufsausbildung. Bei Männern ist der Unterschied sogar noch etwas größer. 
Auch auf die Demokratie hat Bildung einen förderlichen Einfluss: So gehen 57 Prozent der 18- bis unter 40-Jährigen mit Hochschulreife wählen. Mit einem Hauptschulabschluss sind es nur 41 Prozent. 

Was also tun? Die Forscher verlangen massive Investitionen, insbesondere in die frühkindliche Bildung. Dabei gehe es nicht nur um die Quantität, sondern auch um die Qualität des Angebots. Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität Köln, erklärt: „Lehrkräfte müssen auf die wachsend Heterogenität im Klassenzimmer vorbereitet werden.“ Damit seien keine Einzelmaßnahmen gemeint, sondern „systematische Konzepte“ für einen Unterricht, der zusätzliche Unterstützung für sprachschwache Kinder vorsehe.

Der von der Forschergruppe vorgelegte Bericht sei „ein Weckruf an die Politik“, sagt der Präsident der Kultusministerkonferenz, der Thüringer Minister Helmut Holter (Linke). Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagt, viele Akteure seien für eine gute Bildung gefordert.

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