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Das Karpatenvorland ist eine Hochburg für Jaroslaw Kaczynskis PiS.

PiS-Partei Favorit 

Wahl in Polen: Es ist die Sozialpolitik, Dummkopf

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Der strukturschwache Osten ist die Hochburg der nationalkonservativen PiS. Bei Polens Parlamentswahl ist sie der Favorit.

Christian Gytkjaer hämmert den Ball ins Tor, ohne Gnade. Die Männer im Block B gehen, um das nächste Bier zu trinken. Es ist zugig im Stadion von Gornik Zabrze, und das 1:3 in der Nachspielzeit hat die letzte Hoffnung sterben lassen. Die Gäste aus dem reichen Posen nehmen an diesem Abend drei Punkte mit in die Metropole, wo man sich sogar einen dänischen Nationalstürmer leisten kann. In Zabrze dagegen, im Herzen des oberschlesischen Kohlereviers, leben sie von ehrlicher Arbeit. Aber das funktioniert inzwischen immer seltener.

Die Geschichte vom beherzten Kampf der ehrlichen Arbeiter ist längst zum Klischee geronnen, nicht nur im Fußball. Das wissen sie auch in Zabrze. Gornik-Fan Rafal Riedel ist im Revier aufgewachsen und weiß es sogar besser als die meisten Menschen. Schließlich forscht der Politologe zu Mustern gesellschaftlicher Kommunikation. Und doch sagt der Fußballfan Riedel, während er zwischen schwer dahinstapfenden Männern das Stadion verlässt, diesen Satz, der die Niederlage vielleicht erklären kann: „Das Budget von Lech Posen ist dreimal so hoch wie das von Gornik.“ Man folgert, Lech schießt auch dreimal so viele Tore.

Man kann den Herbst riechen, denn die Menschen in Zabrze heizen schon ihre Öfen an, meist mit der hier billigen Kohle. Es ist also wirklich wahr, denkt der Zuhörer weiter: Arm hat gegen Reich 1:3 verloren. Wie ungerecht! Mit etwas Distanz würde Riedel wohl von Framing zugunsten von Gornik Zabrze sprechen. Die bittere Wirklichkeit wird in einen Deutungsrahmen gesetzt, und mit dieser Überlegung ist man plötzlich mitten im polnischen Wahlkampf gelandet. Denn genau so hat die nationalkonservative PiS 2015 die Parlamentswahl gewonnen. Und nun, vier Jahre später, spinnt sie die Geschichte von den Armen, den Reichen und der großen Ungerechtigkeit weiter.

Wahl in Polen: Alle Umfragen für PiS 

Alle Umfragen sagen für den Sonntag einen Sieg der PiS voraus. Offen scheint nur noch zu sein, ob die Partei von Jaroslaw Kaczynski die 50-Prozent-Marke durchbrechen kann. Die Reden des PiS-Chefs fallen auch in Schlesien auf fruchtbaren Boden. Etwa in Bielsko-Bialo, 60 Kilometer südlich von Zabrze, wo Kaczynski Anfang Oktober auftrat. „Regieren heißt nicht, bei teuren Zigarren zusammenzusitzen“, sagt er, und das nehmen die meisten Menschen dem 70-Jährigen ab, der in Warschau in einem bescheidenen Haus lebt. „Regieren ist harte Arbeit.“

Der Hinweis auf die Zigarren ist Kaczynskis Seitenhieb auf die liberale PO, die bis 2015 regierte. 2014 gingen illegal abgehörte Gespräche von PO-Regierungsmitgliedern in der Presse, die bei gutem Wein und Importzigarren Intrigen spannen. Danach konnte die PiS ihre Geschichte von den hart arbeitenden Normalbürgern und den dekadenten Eliten gut unter das Volk zu bringen. Es war eine populistische Erzählung, wie sie auch Donald Trump nutzte.

Die PiS nutzte ihre erfolgreiche Geschichte aber auch in Regierungsverantwortung weiter. Mit der Begründung, korrupte Eliten entmachten zu müssen, brachte sie Justiz und Staatsmedien unter ihre Kontrolle. Nur zwei Monate nach dem Regierungswechsel in Warschau leitete die EU-Kommission ein Rechtsstaatsverfahren ein, das bis heute läuft. Im Wahlkampf spielt das Thema aber allenfalls eine Nebenrolle.

Polen befindet sich seit dem EU-Beitritt 2004 in einem Konsumrausch. Wohlstand schlägt Freiheit, ließe sich folgern, oder um es mit Bill Clintons berühmter Formel zu sagen: „It’s the economy, stupid!“ Wahlen gewinnt man mit Wirtschaftsthemen. So gesehen könnte es nicht besser laufen für die PiS. 2018 erzielte Polen mit einem Wachstum von 5,1 Prozent ein Zehnjahreshoch. 2020 will die Regierung erstmals seit 1989 eine schwarze Null schreiben. „Eine gute Zeit für Polen“, lautet der Slogan der PiS-Kampagne, und das ist bei solchen Zahlen schwer zu widerlegen. Wenn überhaupt, dann im äußersten Südosten des Landes. Die Woiwodschaft Karpatenvorland, die noch immer zu den 20 ärmsten Regionen in der EU zählt, gilt als finsteres Polen B. Zumindest sehen das die A-Menschen in den boomenden Metropolen so.

Im Karpatenvorland werden die Straßen, wenn man sich von Krakau nähert, schnell schmaler. Dafür säumen Marienstatuen den Weg, und am Imbiss hat man die Wahl zwischen Eisbein und Rouladen. „Es ist ein konservativer Landstrich“, erklärt Piotr Dyminski, der in der Kreisstadt Krosno für ein regionales Nachrichtenportal schreibt. „Es braucht jemanden, der den Mächtigen auf die Finger schaut“, sagt er. Das gelte für Krosno wie für Krakau.

Wie also steht es dort um die Wirtschaft? Dyminski führt durch die zentrale Bahnhofsstraße. Das ist dem Enddreißiger wichtig, denn er wohnt nicht nur selbst hier. In der Ulica Kolejowa ist auch Robert Biedron aufgewachsen, der im katholischen Polen einst als erster offen schwuler Sejm-Abgeordneter für Furore sorgte. Und dieser Biedron hat die Bahnhofsstraße kürzlich als eine Art Getto beschrieben.

Dyminski aber ist Lokalpatriot. „Sehen Sie, überall Büros und Geschäfte“, sagt er. „Die ganze Straße blüht.“ Damit spielt er auf die linksliberale Partei Wiosna (Frühling) an, die Biedron gegründet hat und mit der er zeitweise zum Hoffnungsträger der Opposition aufstieg. Inzwischen ist der erste Glanz verblasst. Zur Wahl tritt Wiosna als Teil einer Linksallianz an, um die Fünf-Prozent-Hürde zu nehmen.

Verarmtes Krosno oder blühendes Krosno? In dieser Frage schimmert wieder die PiS-Erzählung von den fleißigen Normalbürgern auf, die mehr verdient haben als abfällige Kommentare von „A-Menschen“ wie Biedron. Dyminski selbst ist kein PiS-Mann. In einem ist er sich aber sicher: „Die Linken und die Bürgerlichen haben in ihren Regierungszeiten zu wenig für die Menschen getan. Die Themen für die PiS lagen auf der Straße, und sie hat sie aufgesammelt.“ Tatsächlich hat die PiS ihr sozialpolitisches Profil geschärft, etwa ein Kindergeld eingeführt. Das merkt man auch in Polen B, dem es nach dem Bruttoinlandsprodukt besser geht als noch beim EU-Beitritt 2004.

Der Weltbank-Ökonom Marcin Piatkowski stellt nüchtern fest: „Die Ungleichheit in Polen ist unter der PiS-Regierung zurückgegangen. Echte Armut ist fast verschwunden.“ Hier müsste man Bill Clintons legendäre Siegformel wohl korrigieren. Es ist nicht die Wirtschaft, Dummkopf. Es ist die Sozialpolitik.

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