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Auch mit 85 Jahren ist Hans Modrow noch als Politreisender für die Linkspartei unterwegs.

Hans Modrow

Wo die sozialistische Flamme lodert

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Manchmal bringt der alte Kommunist Hans Modrow sogar Oskar Lafontaine zum Schweigen. In Sahra Wagenknecht setzt er die größten Hoffnungen.

In ein paar Wochen fliegt Hans Modrow nebst Lebensgefährtin in den Urwald, an den Amazonas. Eigentlich hatte er sich den Dschungel schon vor zwei Jahren ansehen wollen, und zwar in Südafrika. Doch dann stellte Modrow fest, dass ihn das Kindheitsbild getrogen hatte. In Südafrika, da ist nur Savanne. Nun also der zweite Versuch, in Brasilien.

Modrow schmunzelt, wenn er von dem Missverständnis in der Urlaubsplanung erzählt. Die Sorge, für vertrottelt gehalten zu werden, hat der 85-Jährige nicht. Das muss er auch nicht. Hans Modrow ist noch immer höchst aktiv. Der ehemalige SED-Bezirkssekretär von Dresden und der letzte, nicht frei gewählte Regierungschef der DDR ist ein Politreisender für die Linkspartei geblieben.

Man sieht das an dem Ort, an dem das Gespräch stattfindet. Im fünften Stock des Karl-Liebknecht-Hauses, der linken Parteizentrale, gibt es ein kleines Büro. Neben der Tür klebt ein Schild: Hans Modrow, Ältestenrat. Er ist der Vorsitzende. Und er nimmt das ernst. Zwei- bis dreimal die Woche kommt der Pensionär aus seiner Wohnung am Strausberger Platz hierher, studiert Papiere, die eine Mitarbeiterin bringt, führt Telefonate. Einen Computer hat er nicht. Alle zwei bis drei Monate trifft sich das 19-köpfige Gremium. Man diskutiert.

Das Büro ist nicht so groß, wie SED-Nostalgiker sich das gerne vorstellen würden. Acht Quadratmeter, vielleicht zehn. Es ist ordentlich, die Werke von Marx und Engels aufgereiht im Regal. Doch Modrow braucht keine Statussymbole. Ihm reicht es, weiter an der Weltrevolution zu arbeiten.

Einladung von der KP

Vergangenes Jahr hat Modrow in China aus der Übersetzung seines jüngsten Buches gelesen, auf Einladung der Kommunistischen Partei. Er rühmt den „Sozialismus chinesischer Prägung“. Auch auf Russland lässt er wenig kommen. Ohne Moskau gebe es keinen Frieden, sagt er. Der Mann hält selbstverständlich Kontakt nach Lateinamerika, überall dorthin, wo die sozialistische Flamme noch lodert. Er befindet: „Man muss die Gesamtprozesse der gesellschaftlichen Entwicklung ständig analysieren.“

Selbstredend hat er die innenpolitische Situation auch im Blick. Erst kürzlich saß Modrow beim Dresdener Linksparteitag stundenlang in der ersten Reihe, machte sich Notizen und hörte auch dann noch zu, als andere führende Genossen längst weg waren. Einige Monate zuvor war er bei einer Veranstaltung früherer Strategen der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG), dem West-Vorläufer der Linken, und mahnte die Ex-Parteichefs Oskar Lafontaine und Klaus Ernst: „Wir brauchen eine gemeinsame Linke.“ Die wurden plötzlich nachdenklich, was nicht besonders oft vorkommt.

Mit der eigenen Partei ist Modrow jedenfalls nur bedingt zufrieden. Man habe aus dem großen Streit von Göttingen zwischen Ost-Reformern und West-Radikalen das Beste gemacht, sagt er. Modrow ist politisch eher den dogmatischeren Kräften verbunden. Es sei wieder Ruhe eingekehrt. Man ziehe vereint in den Wahlkampf. Das schon. Andererseits weiß der alte Kommunist genau, dass die Mitgliederzahlen im Osten zurückgehen und es im Westen vielerorts an funktionierenden Strukturen fehlt.

Ein bisschen Sorgen macht Modrow schließlich die Frau, auf die er die größten Hoffnungen setzt: Sahra Wagenknecht. „Sie ist nach meiner Überzeugung eine sehr kluge Frau“, sagt er. Nicht zum ersten Mal. „Was sie lernen müsste – da kann der Oskar auch vielleicht noch mehr dazu beitragen – ist, wie man dann auch politische Prozesse führt. Daran kann sie weiter wachsen. Und daran muss sie weiter wachsen.“

Kein „Erziehungsonkel“

Wenn Wagenknecht eine Fraktion zusammenhalten und als Vize-Parteichefin agieren wolle, gehöre das einfach dazu, glaubt Modrow. „Sie versucht, sich da hineinzubegeben. Aber das muss stärker werden.“ Ein kluger Kopf reicht nicht, soll das wohl heißen. Die vielen als unterkühlt geltende Genossin müsse lernen, besser mit Menschen zu kommunizieren. Dass er, Modrow, „den Erziehungsonkel“ spiele, das wiederum komme nicht infrage.

Im Ganzen hadert Modrow freilich nicht, trotz einer aus seiner Sicht bescheidenen Rente von 1400 Euro im Monat und den Problemen mit der Stimme, die ihn schon so lange plagen. Wenn man ihn fragt, was er politisch bereue, dann antwortet er, dass das vereinigte Deutschland nicht so sozial geworden sei, wie es die DDR war, und dass es nach dem Kalten Krieg wieder heiße Kriege gebe. Die Mauer und alles, was dazugehörte, bereut er also nicht. Stattdessen nennt er es eine Dummheit, dass so viele einstige Stasi-Leute nach 1989 beruflich nicht mehr Fuß fassen konnten. Fähige Leute könne man doch auch heute gebrauchen.

Träte Hans Modrow in seinem Büro ans Fenster, dann könnte er dem Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde zuwinken, vorausgesetzt, Roland Jahn träte ebenfalls ans Fenster und würde, was nicht zu erwarten ist, seinerseits winken. Die Zentrale der Linkspartei und die Einrichtung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur liegen ja, der historische Zufall hat es so gefügt, direkt nebeneinander. Aber Genosse Modrow winkt nicht. Er fährt lieber in den Urwald.

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