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Sorgerechtsstreit: Inobhutnahme durch das Jugendamt war rechtswidrig

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Von: Katrin Langhans

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Kind geht auf einem Lichtstrahl durchs Bild.
Zwei Jahre ist es her, dass das Jugendamt Anton Inobhut genommen hat. Seine Mutter sieht ihn an vereinbarten Wochenenden. Bei ihr leben darf er nicht. © M. Litzka / N. Bruckmann

Das Jugendamt Kreis Lippe hätte Anna Korn ihren dreijährigen Sohn nicht wegnehmen dürfen. Das hat das Verwaltungsgericht Minden entschieden. Für die Mutter ist der Kampf um ihren Sohn aber noch nicht vorbei. Ippen Investigativ hatte zu dem Fall recherchiert.

Die Inobhutnahme von Anton Korn war rechtswidrig, das hat das Verwaltungsgericht Minden am Montag entschieden. Das Jugendamt Kreis Lippe hatte das dreijährige Kind im Sommer 2018 im Kindergarten in Obhut genommen. Grund dafür war ein Gutachten, das der Mutter Anna Korn ein sogenanntes Münchhausen-by-Proxy-Syndrom attestiert hatte. Bei dieser extrem seltenen Krankheit fügen Mütter Kindern absichtlich Schaden zu, um sich dann aufopfernd um sie zu kümmern und im Mittelpunkt zu stehen. 

„Ich fasse das noch nicht“, sagt Anna Korn

Das Verwaltungsgericht Minden hat nun am Montag entschieden, dass Antons Inobhutnahme auf Basis des Gutachtens nicht angemessen gewesen sei. Das Gutachten sei widersprüchlich formuliert gewesen, der Gutachter habe mal von „fraglichen“, dann wieder von „deutlichen“ Hinweisen auf das Münchhausen-by-Proxy Syndrom gesprochen. Es habe sich daraus keine akute Kindeswohlgefährdung ableiten lassen. Ippen Investigativ und ZDF Frontal liegen mehrere Stellungnahmen von Ärzt:innen und einer Psychologin vor, die bestätigen, dass die Diagnose des Gutachters nicht auf Anna Korn zutrifft. 

„Es ist schön, dass endlich ein Gericht bestätigt, dass die Inobhutnahme rechtswidrig war“, sagt Korns Anwältin Marita Korn-Bergmann. Zwei Jahre musste Anna Korn auf diese Entscheidung warten. „Ich muss das erstmal sacken lassen, ich fasse das noch nicht“, sagt Anna Korn.

Anna Korn heißt eigentlich anders, um die Persönlichkeitsrechte zu wahren, sind die Name der Beteiligten geändert. Ippen Investigativ hatte vergangene Woche über ihren Fall berichtet sowie strukturelle Probleme in der Arbeit von Familiengerichten und Jugendämtern offen gelegt.* Die Recherche hatten gezeigt, dass Spuren von Gewalt und Missbrauch in mehreren Fällen gar nicht oder unsauber nachgegangen wurde. Und Mütter und Kinder bei Sorgerechtsstreitigkeiten nicht immer ausreichend vor Gewalt geschützt wurden. Gutachter:innen erstellten falsche Diagnosen, Zeug:innen wurden nicht gehört oder Schilderungen der Kinder zur mutmaßlichen Gewalt durch den Vater nicht ernst genommen. 

Das Jugendamt Kreis Lippe hatte im Sommer 2018 binnen weniger Stunden entschieden, das Kind in Obhut zu nehmen. Vor Gericht argumentierten die Jugendamtsmitarbeiterinnen, dass auch die Vorgeschichte der Eltern zu der Entscheidung beigetragen habe. So habe Anna Korn mehrfach versucht, Besuche von Anton beim Vater zu unterbinden, obwohl das Kind eine gute Beziehung zum Vater habe. 

Anna Korn hatte 2018 einen Gewaltschutzbeschluss gegen den Vater erwirkt. Zudem hatte später das Amtsgericht Detmold Besuche ausgesetzt, da Kinderschutzexpert:innen einen Missbrauchsverdacht erhoben hatten. Ein Strafverfahren in der Sache wurde eingestellt. Der Vater möchte sich auf Anfrage nicht äußern.

Der Kampf um den Sohn geht weiter

Für Anna Korn hatte das Gutachten gravierende Folgen: Seit mehr als zwei Jahren darf ihr Sohn nicht mehr bei ihr leben, obwohl er diesen Wunsch mehrfach Dritten gegenüber geäußert hat. Korn sieht ihren Sohn zu vereinbarten Zeiten und regelmäßig an den Wochenenden. 

Aus einem aktuellen Bericht einer Kinderschutzambulanz, geht hervor, dass es Anton belaste, dass er nicht viel öfter bei der Mutter sein dürfe. Er leide unter dem Loyalitätskonflikt der Eltern, vermisse seine Mutter „sehr“ und weine viel, wenn die „Mama-Zeit“ um sei. Dass Anton mit sechs Jahren noch einnässe, sei ein Zeichen für seine starke Belastung. Die Therapeutin empfiehlt, dass Anton im sogenannten Wechselmodell bei beiden Eltern leben solle – oder ganz bei der Mutter. Eine gezielte Diagnostik ist sei derzeit nicht möglich. Da Anton seinen Lebensmittelpunkt beim Vater habe, wäre er nicht in der Lage etwaige „sexuelle Grenzverletzungen“ mitzuteilen.

Die Entscheidung des Verwaltungsgerichts ist noch nicht rechtskräftig und sie betrifft allein den Vorgang der Inobhutnahme. Ob Anton wieder bei seiner Mutter leben darf, kann das Familiengericht Detmold entscheiden.*Ippen Investigativ ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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