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Michel Friedman war Teilnehmer einer Podiumsdiskussion des World Jewish Congress auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

Antisemitismus

Sorge vor wachsendem Judenhass

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Der Jewish World Congress warnt in München.

Ich weiß nicht, ob ich in fünf oder zehn Jahren noch in Deutschland leben kann oder will.“ So beantwortete Michel Friedman die Frage, „Sollen Juden bleiben oder gehen?“, die zugleich der Titel einer Podiumsdiskussion des World Jewish Congress auf der Münchner Sicherheitskonferenz war.

Friedman und die anderen Diskutanten warnten vor den Folgen des zunehmenden Antisemitismus in Europa und den USA. Friedman verwies auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion, wonach allein in Deutschland die Zahl der judenfeindlichen Straftaten im vergangenen Jahr verglichen mit 2017 um knapp zehn Prozent zunahm. Demnach stiegen die Gewalttaten von Antisemiten zudem von 37 Fällen im Jahr 2017 auf 62 im vergangenen Jahr. Das seien bislang zwar noch nicht viele Fälle, aber „jeder Einzelne ist einer zu viel“, so Friedman.

Der Jewish World Congress hat in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass sich Juden zunehmend bedroht fühlten. Sie haben zwar meist keine Probleme, solange sie sich nicht als Juden zu erkennen geben. Tun sie dies, etwa auf dem Weg in die Synagoge, fühlten sie sich allerdings oft unwohl .

Ähnliches berichtete das US-Kongressmitglied der Demokratischen Partei, Tom Malinowski. In den USA habe die Zahl der antijüdischen Übergriffe in den beiden vergangenen Jahren um 60 Prozent zugenommen, sagte er. Dies sei eine besorgniserregende Entwicklung, die einen traurigen Tiefpunkt im Oktober gefunden habe mit dem Anschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh, bei der ein Attentäter elf Menschen erschoss und sechs verletzte.

Eine Ursache für dieser Entwicklung ist nach Ansicht des Podiums die zunehmende Akzeptanz antijüdischen und rassistischen Denkens in westlichen Demokratien. Die europäische Elite hat nach Ansicht von Friedman in den vergangenen Jahrzehnten nicht genügend gegen den wiedererstarkenden Antisemitismus unternommen. „Viel zu viele haben ihn sogar hoffähig gemacht“ – etwa 1999 durch die Regierungskoalition der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) mit der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) von Jörg Haider.

Einen weiteren Grund für Zunahme des Antisemitismus sah das Podium in den sozialen Netzwerken wie Facebook. Diese Plattformen ermöglichen es den Antisemiten, sich sehr schnell auszutauschen. Außerdem sorgten die Algorithmen der Unternehmen dafür, dass Menschen mit Vorurteilen zueinander finden. Malinowski forderte deshalb, die betreffenden Firmen müssten für mehr Transparenz sorgen und härter gegen jene vorzugehen, die Rassismus oder Antisemitismus verbreiten.

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