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Bei der Ernennung der neuen Justizministerin Christine Lambrecht schlägt die Kanzlerinwährend der Rede des Bundespräsidenten die Arme übereinander, um sich zu stabilisieren.

Zitteranfall

Sorge um Merkels Gesundheit 

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  • Christian Burmeister
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Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage befällt die Kanzlerin ein rätselhafter Tremor.

Bisweilen ist an einer Reise der Bundeskanzlerin schon der Aufbruch interessant. Angela Merkel also ist am Donnerstagmittag in einen Regierungsflieger gestiegen und hat sich auf den Weg gemacht ins japanische Osaka zum G20-Gipfel. Auf dem Programm stehen Kriegsgefahr im Golf und schwierige Gesprächspartnern wie US-Präsident Donald Trump. In Berlin ging es erst mal um anderes. „Alles findet statt wie geplant. Der Bundeskanzlerin geht es gut“, musste Regierungssprecher Steffen Seibert kurz vor der Reise versichern.

Das ungewöhnliche Gesundheitsbulletin hatte seinen Grund: Merkel hatte wenige Stunden zuvor bei der Ernennung der neuen Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) einen Zitteranfall bekommen – den zweiten binnen acht Tagen. Während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine kleine Rede hielt, stand Merkel mit vibrierenden Beinen neben ihm. Durch Übereinanderschlagen der Arme versuchte sie sich zu stabilisieren.

Vor acht Tagen hatte Merkel beim Empfang des neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky an einem sehr heißen Tag in ähnlicher Weise gezittert, während die Nationalhymnen gespielt wurden. Damals hatte sie hinterher erklärt, zu wenig Wasser getrunken zu haben.

Bei beiden Vorfällen ließ das Zittern offenkundig nach, sobald sich die Kanzlerin wieder bewegte. Im Bundestag war sie anschließend sogar schneller als die neue Ministerin, die zu ihrer Vereidigung etwas zu spät kam. Diese verfolgte die Kanzlerin wieder stehend und ohne Probleme, wie sie auch am Mittwoch die Regierungsbefragung in guter Kondition und Laune absolvierte.

Diese Stunde im Bundestag war allerdings Teil eines besonders vollen Terminkalenders an einem langen Tag, der noch dazu einen Hitzerekord brachte. Am Abend hatte Merkel eine Stunde lang an einer Veranstaltung der evangelischen Kirche am Deutschen Dom am Gendarmenmarkt teilgenommen, in dem laut Teilnehmern „saunaartige Verhältnisse“ herrschten. Es folgten weitere Gespräche am späten Abend. Obwohl es in Berlin am Donnerstag wieder kühler war, ist eine erneute Dehydrierung als Grund für Merkels Zittern deshalb nicht abwegig. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie wollte auf Nachfrage keine Einschätzung zu dem Fall abgeben. Allerdings gibt es ein Krankheitsbild, das zu Merkels Symptomen passen könnte: der orthostatische Tremor. Hauptsymptome: zitternde Beine beziehungsweise Gliedmaßen. Die Symptome treten typischerweise nur im Stehen auf. Der orthostatische Tremor ist extrem selten. Theoretisch kann er als Folge einer Parkinsonerkrankung auftreten, aber auch eigenständig als „kreislaufregulatorische Störung“.

Die Kanzlerin, seit Jahren berühmt für ihr Durchhaltevermögen und ihr hohes Arbeitspensum, wollte ihr Programm nicht umstellen und stieg wie geplant in den Regierungsflieger zum Treffen der G20-Staatschefs.

Bei dem zweitägigen Gipfel in Osaka ist das Programm erneut dicht gedrängt. Zweistündige Diskussionsrunden wechseln sich ab mit 15-minütigen sogenannten „Side Events“. Dazwischen eingeschoben sind bilaterale Gespräche. Mit Donald Trump etwa ist ein Treffen am Freitagmorgen angesetzt – zumindest erzählt das die US-Regierung. In der deutschen Regierung heißt es, alles entscheide sich meist kurzfristig. Es ist ein Gipfel, den die Vertreter der 20 Staaten als Möglichkeit zum Austausch und zur Kontaktpflege nutzen. Das Gipfelkommuniqué ist meist ein Text voller diplomatisch gewundener Sätze, der Bewegung oder Veränderung maximal in nur für Fachleute auf Anhieb verständlichen Nebensätzen oder auch nur einzelnen Worten erkennen lässt. Klar war allerdings bereits im Vorfeld: Bei wichtigen Themen wie beim Handel und beim Klima wird es maximal sehr allgemeine Festlegungen geben.

Ein klares Bekenntnis gegen Protektionismus, das die deutsche Regierung wie auch andere EU-Staaten befürworten, lehnen die USA ab. Auch beim derzeitigen Topthema Klimaschutz dürfte es kaum vorangehen: Wieder gehört die USA zu den Chefbremsern.

Genutzt werden dürfte das Treffen zudem für Gespräche über den zugespitzten Konflikt zwischen dem Iran und den USA: US-Präsident Donald Trump droht offen mit Militärschlägen und fordert mehr Wirtschaftssanktionen gegen den Iran. Auch China hat einiges mit Trump zu besprechen – beide Länder befinden sich in einem Handelskonflikt.

Eine Rolle spielen dürfte außerdem der Bürgerkrieg im Jemen. Gast ist unter anderem der saudi-arabische Kronprinz, dessen Land in dem Konflikt kräftig mitmischt. Merkel selbst findet die Bekämpfung von Seuchen und eine bessere Gesundheitsversorgung besonders wichtig.

Direkt nach dem G20-Gipfel reist Merkel weiter nach Brüssel zu einem EU-Sondergipfel, um erneut über das künftige Führungspersonal der EU zu verhandeln. Es geht darum zu versuchen, den deutschen Spitzenkandidaten Manfred Weber doch noch zum EU-Kommissionspräsidenten zu machen. Für längere Ruhepausen ist derzeit keine Zeit.

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