+
Rund 600 DDR-Bürger nutzen ein sogenanntes "paneuropäisches Picknick" an der ungarisch-österreichischen Grenze zur Flucht in den Westen.

Eiserner Vorhang

Das Soproner Loch

19. August 1989: Zu Hunderten drängen Menschen aus der DDR über die ungarisch-österreichische Grenze. Arpad Bella müsste sie aufhalten. Aber der Offizier zieht seine Waffe nicht. 20 Jahre später erzählt er von dem Tag, der auch sein Leben verändert hat. Von Nicolas Brautlecht

Am 19. August 1989 schreibt der ungarische Offizier Arpad Bella Geschichte. Was an diesem Samstag an der österreichisch-ungarischen Grenze unweit des Neusiedler Sees geschieht, macht Schlagzeilen, vor allem auch in der Bundesrepublik Deutschland. "Frei! Sie küssten die Erde" wird die Bild-Zeitung titeln, "900 aus Ungarn raus." Ihr neues Leben haben die Flüchtlinge nicht zuletzt Bella zu verdanken.

20 Jahre später steht Arpad Bella aus Sopron, Oberstleutnant im Ruhestand, wieder an jenem historischen Ort. Es ist ruhig hier, die Mittagshitze lastet auf dem Land. Nur ein paar Radfahrer kommen vorbei, Pilzsammler sind unterwegs, Autos fahren kaum. Doch ein Hauch des Besonderen, wie ihn nur historische Orte umgeben, liegt über diesem Fleckchen Erde, an dem jahrzehntelang ein Stacheldrahtzaun Ungarn von Österreich trennte. "Was sich hier abspielte, glich dem Mauerfall", sagt Bella über den 19. August 1989. "Es waren Momente der Ergriffenheit, Angst, und Freude."

Ende der achtziger Jahre ist der der Reformprozess in Ungarn schon relativ weit fortgeschritten. Im Februar 1989 hat das kommunistische Regime in Budapest beschlossen, die Grenzanlagen zu Österreich zu beseitigen. Ab Mai wird dies in die Tat umgesetzt, am 27. Juni durchtrennen der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Kollege Alois Mock an einer Stelle symbolisch die Grenze. Die Nachricht macht natürlich auch in der DDR die Runde, und so rollt im Sommer 1989 eine ungewöhnlich große Welle ostdeutscher Touristen nach Ungarn. Viele hoffen, dass sich eine Lücke im Eisernen Vorhang auftut.

Auch der Grenzoffizier Arpad Bella spürt den politischen Wandel. "Wir waren Reformer in Ungarn, alle redeten vom demokratischen Sozialismus. Doch waren das Worte ohne Inhalt. Das Ausmaß der Veränderungen war völlig unklar", sagt Bella, während er über den staubigen Grenzweg spaziert. Er trägt trotz der Hitze Jackett und Schlips und kneift seine Augen zusammen wegen der grellen Sonne. Aber in den Schatten treten will er nicht. Hier an diesem Grenzort, der von der ungarischen Stadt Sopron wie vom burgenländischen Eisenstadt jeweils etwa zehn Kilometer entfernt ist, hat Bella viele Jahre die Stellung gehalten, bei jedem Wetter.

Hauptmann Bella, verheiratet, Vater zweier Töchter, schaut im Sommer 1989 auf eine erfolgreiche berufliche Laufbahn zurück, doch jetzt herrscht große Ungewissheit. Trotz andauernder Bewachung der ungarisch-österreichischen Grenze ist in den vergangenen Wochen einigen hundert DDR-Bürgern die Flucht in den Westen gelungen. Auf Flüchtlinge zu schießen verträgt sich nicht mit mehr mit der politischen Richtung der Regierung. Der interne Befehl für die Grenzer lautete: Waffengebrauch nur noch im Fall der Selbstverteidigung. Doch wird sich zeigen, dass in dieser Hinsicht vieles von der Erfahrung und politischen Prägung der jeweiligen Grenzkommandeure abhing.

Am 19. August 1989 wollen ungarische Oppositionelle im hohen Gras des Grenzgebiets bei Sopron ein Fest des Friedens feiern. Sie nennen es "Paneuropäisches Picknick". Ungarn und Österreicher sind eingeladen, gemeinsam am Lagerfeuer zu sitzen, Speckbraten zu essen und einen Nachmittag lang von einem Europa ohne Grenzen zu träumen. Dafür soll um 15 Uhr symbolisch das alte Grenztor an der alten Landstraße für drei Stunden geöffnet werden. Es ist seit Jahren unbenutzt und gleicht inmitten der Wiesen und Wälder mehr einem maroden Viehgatter. Österreichische Nachbarn dürfen passieren, um an dem Picknick teilzunehmen. Bella sind an diesem Samstag fünf Grenzwächter unterstellt. Seine wichtigste Aufgabe ist es, alles unter Kontrolle zu behalten. Doch genau das misslingt ihm.

Keine Zeit für Fragen und Antworten

Kurz vor 15 Uhr trifft Bella seinen österreichischen Kollegen Johann Göltl am Grenzzaun. Bella trägt wie immer seine weiße Dienstmütze, dazu ein weißes Hemd mit Schulterklappen und die Uniformhose mit der scharfen Bügelfalte. Für 15 Uhr wird die offizielle Delegation aus dem Westen erwartet. Die Grenzer aus Ungarn und Österreich treffen letzte Absprachen. Alles soll in geordneten Bahnen ablaufen. Plötzlich aber taucht auf der Kuppe der alten Landstraße eine Menschengruppe auf. Sie kommt von der ungarischen Seite - und steuert geradewegs auf das Tor zu. "Ich dachte zuerst, es sei die Delegation und ging ihnen in Richtung Tor entgegen", erinnert sich Bella. Doch das entpuppt sich als Irrtum. Es sind Leute aus der DDR, nicht zuletzt ihre mausgraue Kleidung verrät ihre Herkunft. "Für Fragen und Antworten blieb da keine Zeit mehr", sagt Bella.

Auf den letzten Meter beginnt die Menge zu rennen. Als die Menschen den Grenzzaun erreichen, stemmen sich die ersten mit aller Macht gegen das Tor. "Mein erster Gedanke war: Was bin ich für ein Pechvogel", erzählt Bella, " man wurde ja schon bei einem einzigen Flüchtling zur Verantwortung gezogen."

Unter dem Druck der Menge öffnet sich das marode Tor. Im Gedränge bricht Hektik aus. Alle wollen rüber, so schnell wie möglich. Die meisten sind junge Männer und Frauen und Familien mit Kindern. Sie haben Umhängetaschen dabei und kleine Rucksäcke, haben offenkundig nur das Nötigste eingepackt. Einige fassen sich an den Händen. Sie haben Angst; schnell kann man sich aus den Augen verlieren.

"Es war ein großes Durcheinander", sagt Bella 20 Jahre nach dem Durchbruch, "auch ich hatte totale Panik." Nach außen hin bewahrt der Offizier aber die Fassung, auch dann noch, als die Deutschen ihn und seine Kollegen beiseite schieben.

Nachdem die Flüchtlinge das Tor passiert haben, brechen viele von ihnen in Tränen aus. Andere reißen im Freudentaumel die Arme nach oben. Österreich! Der Westen! Endlich drüben! Die starke Anspannung der vergangenen Tage und Stunden weicht der Erleichterung. Der ersten Flüchtlingswelle folgen weitere. Hauptmann Arpad Bella befiehlt seinen Männern wegzuschauen. "Wir hätten schießen können. Sie schubsten uns ja zur Seite. Aber ich sagte meinen Männern: Lasst die Herrschaften durch. Wir haben bei der ersten Gruppe nichts unternommen. Es wäre Wahnsinn, bei den anderen etwas zu tun."

Etwa 1000 Ostdeutsche strömen an diesem Tag bei Sopron nach Österreich. Es ist die größte Massenflucht von DDR-Bürgern seit dem Mauerbau. Und einige werden offenbar schon erwartet. "Ich sah, wie sie hinter einem Gebüsch Sekt tranken, kalten Sekt aus Kristallgläsern! Es waren Flüchtlinge mit ihren West-Verwandten." An diese Szene erinnert sich Laszlo Nagy, einer der Organisatoren des "Paneuropäischen Picknicks". Sie hat ihm lange Kopfzerbrechen bereitet. Überhaupt werfen die Ereignisse Fragen auf: Wie ist es möglich, dass eine so große Gruppe DDR-Bürger sich scheinbar unbemerkt der Grenze genähert hat? Wieso hat die ungarische Führung nach der gestiegenen Zahl von Fluchtversuchen nicht mehr Soldaten in Alarmbereitschaft versetzt?

Nagy ist mittlerweile überzeugt, dass die Regierung die Vorfälle hat absichtlich eskalieren lassen. Sie wollte die sowjetische Reaktion testen. "Wir Oppositionellen haben eigentlich mit der Regierung zusammengearbeitet, ohne dass wir es wussten", sagt Nagy. Und Moskau bleibt ruhig. Nagy glaubt auch, dass der westdeutsche Geheimdienst die Finger im Spiel hat: "Sie haben alles dafür getan, dass diese Flucht klappt. Die Stasi hat dagegen gearbeitet, aber sie war einfach zu schwach."

Es hätte auch alles anders kommen können, das zeigt sich nur zwei Tage später. Am 21. August erschießt ein ungarischer Grenzsoldat den 36 Jahre alten Architekten Kurt-Werner Schulz aus Weimar. Der Deutsche wollte ein Stück weiter südlich über die Grenze nach Österreich flüchten. Diese kurz aufeinander folgenden Ereignisse zwingen die ungarische Regierung zu schnellen Entscheidungen. Drei Wochen nach den Vorgängen von Sopron, in den frühen Morgenstunden des 11. September, öffnet das Land seine Grenzen und lässt alle DDR-Flüchtlinge in den Westen reisen. Das Loch im Eisernen Vorhang ist groß. Allein in den ersten beiden Tagen nach der offiziellen Grenzöffnung reisen etwa 14 000 Ostdeutsche aus. Knapp zwei Monate später fällt in Berlin die Mauer.

Nach der Massenflucht am Nachmittag des 19. August rechnet Grenzer Bella Arpad mit einer Vorladung und endlosen Verhören. Aber er soll sich täuschen. "Alles wurde unter den Teppich gekehrt", sagt er. "Wenn die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hätte, wäre ich für mindestens fünf Jahre im Gefängnis gelandet." Stattdessen wird er 1992 zum stellvertretenden Abteilungsleiter befördert und zieht in die Hauptstadt Budapest. Fünf Jahre später geht er im Rang eines Oberstleutnants in Rente.

Inzwischen schreibt er ein Buch über die Ereignisse während des legendären Grenzpicknicks. Sich selbst hat er dabei nur eine Nebenrolle gegeben. "Ich will mich nicht wie andere als Held aufspielen. Ich handelte damals, wie ich handeln musste." Das sehen die Herrschenden im demokratischen Ungarn anders. Arpad Bella wird 1999 mit dem Verdienstkreuz des Landes dekoriert. Für den ehemaligen Grenzschützer bleiben die Erlebnisse am 19. August 1989, am Tag, an dem er Geschichte schrieb, die wirkliche Auszeichnung, die Erinnerung an die Menschen, die den Stacheldraht durchbrachen: "Die Gesichter, die ich damals sah, das war der größte Ausdruck von Freiheit."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion