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Muslime und Christen glauben an denselben Gott und doch trennt sie so vieles.
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Muslime und Christen glauben an denselben Gott und doch trennt sie so vieles.

Du sollst nicht gemeinsam beten

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner ist dafür kritisiert worden, dass er das gemeinsame Gebet von Christen und Moslems untersagt hat. Die Protestanten sind aber derselben Meinung.

Gottesdienst und Gebet sind sehr intensive und zugleich sehr persönliche Ausdrucksformen. Solche Situationen können entstehen, wenn (a) die intensive Zusammenarbeit zwischen christlichen und muslimischen Partnern zu einem speziellen Anlass (zum Beispiel im Rahmen einer Woche des christlich-islamischen Dialogs oder des Tages der Religionen in Deutschland) ihren Ausdruck in einer Form spiritueller Gemeinschaft erhalten soll, wenn (b) bei Unglücken, Notsituationen oder Katastrophenfällen (beispielsweise bei Tsunami-Katastrophen, Zug- und Flugzeugunglücken) Muslime und Christen betroffen sind und der Wunsch nach einem gemeinsamen Gebet oder einer gemeinsamen religiösen Feier geäußert wird oder wenn (c) zum Schulanfang, bei Geburt, Hochzeit, Lebenskrisen, Krankheit oder Tod - besonders wenn in Partnerschaften und Familien Muslime und Christen zusammenleben - eine gemeinsame religiöse Handlung erwartet oder gewünscht wird. In einigen dieser Fälle geht es nicht nur um die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Gemeinschaft von Christen mit Muslimen, sondern ebenso mit anderen Religionen. In jedem Fall muss es für gemeinsames Beten oder religiöse Feiern besonders gewichtige und dabei plausible Gründe geben.

Bei einer verantwortlichen Bewertung und Entscheidung darüber, ob gemeinsames Beten oder gemeinsame religiöse Feiern von Muslimen und Christen möglich sind, müssen sowohl theologische als auch praktische Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Unter den theologischen Aspekten ist die Gottesfrage von besonderer Bedeutung, da Gebet und Gottesdienst sich unmittelbar an Gott wenden und das Verhältnis von Gott und Mensch zur Geltung bringen. (?)

Da Christen und Muslime - jedoch auch Juden - an den Gott glauben, der zu Abraham als Stammvater gesprochen hat, scheint die Grundlage für ein gemeinsames Gebet gegeben. Trotz dieser Gemeinsamkeit besteht jedoch ein grundlegender Unterschied darin, dass Christen glauben, dass sich der Gott Abrahams in Jesus Christus als seinem Sohn offenbart hat. Die Heilsbedeutsamkeit von Jesu Tod und der Glaube an den dreieinigen Gott sind christliche Glaubensüberzeugungen, denen Muslime bei aller Wertschätzung Jesu als Prophet nicht folgen, die sie ausdrücklich ablehnen.

Ein gemeinsames Gebet in dem Sinne, dass Christen und Muslime ein Gebet gleichen Wortlautes zusammen sprechen, ist nach christlichem Verständnis nicht möglich, da sich das christliche Gebet an den Einen Gott richtet, der sich in Jesus Christus offenbart hat und durch den Heiligen Geist wirkt. Im wichtigsten Gebet der Christenheit, dem Vaterunser, wird Gott als Vater angesprochen, eine Eigenschaft Gottes, die der Islam nicht kennt, sogar explizit ablehnt. Zudem ist zu bedenken: Die erste Sure des Korans (al-Fatiha) nimmt im rituellen Gebet der Muslime eine zentrale Rolle ein. Dieser Text hat zugleich die Bedeutung eines Bekenntnisses zum Islam. Ihn mitzusprechen ist deswegen mehr als nur ein Gebet, sondern kann als Ausdruck der Zuwendung bzw. des Übertrittes zum Islam gewertet werden.

Christen und Muslimen ist zudem gemeinsam, dass das Gebet Anbetung, Lob, Dank, Klage, Freude, Betroffenheit und Fürbitten vor Gott bringt. Auch das Bewusstsein von der Gottbezogenheit des Menschen, der Würde des Lebens und der Verantwortung für andere Menschen und die Schöpfung ist Muslimen und Christen in ihren Grundzügen gemeinsam. Der Islam wie das Christentum kennen auch solche Gebete, die von den Gläubigen frei formuliert werden können. Dies kann bedeuten, dass Muslime und Christen den Inhalt eines Gebetes, beispielsweise einer Bitte oder einer Klage, innerlich bejahen und dem Anliegen aus ihrer eigenen Glaubensüberzeugung zustimmen können. Dies kann besonders in Krisensituationen und Anlässen des persönlichen und familiären Lebens der Fall sein. Fürbitten füreinander oder solche, die die Gläubigen der anderen Religion mit einschließen, sind oftmals ein selbstverständlicher Bestandteil der Gebetspraxis.

Wenn Muslime und Christen gemeinsam beten oder eine gemeinsame religiöse Feier begehen, ist eine gemeinsame ausführliche Vorbereitung mit der Verständigung über Gemeinsamkeiten eine unverzichtbare Voraussetzung. Keine Seite darf den Eindruck gewinnen, von der anderen Seite vereinnahmt zu werden oder Aussagen und Handlungen mit vollziehen zu sollen, deren Inhalte und Intentionen sie nicht teilt. Die Verständigung über Gemeinsamkeiten darf zudem nicht dazu führen, dass man sich ausschließlich auf die konvergierenden Aussagen der jeweiligen Religion beschränkt und die Unterschiede beiseite lässt. Dieses wäre unehrlich und würde den Respekt vor der Besonderheit des anderen Glaubens vermissen lassen. Es würde nicht der Begegnung unterschiedlicher Religionen entsprechen, sondern eine allgemeine religiöse Gemeinsamkeit zur Sprache bringen, die sich unterschiedlicher Religionen auszugsweise bedient.

Zudem ist bei den Überlegungen zu gemeinsamen Gebeten und gemeinsamen religiösen Feiern deren symbolische Bedeutung und deren öffentliche Wirkung in Rechnung zu stellen. Das gemeinsame Gebet für den Frieden oder die gemeinsame religiöse Feier aus Anlass einer Katastrophe können ein sehr wirkungsvolles Zeichen gemeinsamer Verantwortung, Betroffenheit und Solidarität sein.

Auf der anderen Seite können solche Handlungen auch zu Missverständnissen führen und den Eindruck erwecken, dass Unterschiede zwischen den Religionen überspielt oder preisgegeben werden. Deshalb kommt Elementen des äußeren Arrangements eines gemeinsamen Gebetes oder einer gemeinsamen religiösen Feier - so beispielsweise dem Ort, den mitwirkenden Personen, der Benutzung oder dem Verzicht auf eine Amtstracht, der Einbeziehung oder dem Verzicht auf religiöse Symbole und anderem - eine wichtige Rolle zu. Zudem muss in jedem Fall der Eindruck vermieden werden, als würde es sich bei christlich-muslimischen Gebeten oder Feiern um "ökumenische Gebete oder Gottesdienste" handeln.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich die folgenden praktischen Folgerungen:

(1) Eine legitime Form, die Verbundenheit zwischen Muslimen und Christen zum Ausdruck zu bringen, ist die respektvolle Teilnahme am Gebet der jeweils anderen Religion und, damit verbunden, das innere Einstimmen in Aussagen, die man aus seiner eigenen Glaubensüberzeugung vollziehen kann. Dies kann in der Weise geschehen, dass beispielsweise Christen beim Freitagsgebet in einer Moschee zugegen sind und andächtig teilnehmen oder umgekehrt Muslime bei einem christlichen Gottesdienst als Gäste anwesend sind. Auch manche Feste der beiden Religionen ermöglichen eine wechselseitige Teilnahme. Ein Grußwort oder ein verlesener Text kann die Verbundenheit von Gastgebern und Gästen zum Ausdruck bringen.

(2) Es kann begründete Anlässe geben, bei denen Christen und Muslime (oder auch Mitglieder anderer Religionen) in einer Veranstaltung nebeneinander bzw. nacheinander beten. Im Hinblick auf die Friedensgebete von Assisi, an denen Vertreter zahlreicher Religionen teilnahmen, formulierte Papst Johannes Paul II., dass man zusammenkomme, um zu beten, nicht aber komme, um zusammen zu beten.

In der Handreichung "Zusammenleben mit Muslimen" (2000) wie auch in anderen kirchlichen Stellungnahmen wird zwischen einem "multireligiösen" und einem "interreligiösen Gebet" unterschieden. Im Falle eines "multireligiösen Gebetes" vollzieht sich das Beten nebeneinander oder lediglich in Anwesenheit des anderen. "Interreligiöses Beten" wäre ein Beten, bei dem Menschen unterschiedlichen Glaubens gemeinsam beten und zugleich dasselbe Gebet sprechen. Das interreligiöse Beten kommt aus theologischen Gründen nicht in Betracht. Auch jegliches Missverständnis, es finde ein gemeinsames Gebet statt, ist zuverlässig zu vermeiden.

Eine Situation, in der nebeneinander oder nacheinander gebetet wird, kann leicht als interreligiöses Beten wahrgenommen und gedeutet werden, bei dem die bestehenden grundlegenden Unterschiede nicht respektiert werden. Die Tatsache selbst, dass Christen und Muslime zum Beten zusammenkommen, lässt sich als Ausdruck des Bewusstseins von einer gemeinsamen Traditionsgeschichte, von wenn auch begrenzten gemeinsamen theologischen Überzeugungen und von einer gemeinsamen Verantwortung vor Gott verstehen. In diesem Sinne ist in jedem einzelnen Fall über den angemessenen Ort, Ablauf, Verantwortlichkeiten, Symbolik und mögliche Missverständnisse sorgfältig und verantwortlich zu entscheiden.

(3) Gemeinsame christlich-muslimische Amtshandlungen sind nicht möglich. Wenn aus christlich-muslimischen Ehen und Lebensgemeinschaften heraus der Wunsch nach gemeinsamen religiösen Feiern bei Eheschließungen, Geburten und Beerdigungen geäußert wird, ist ein solcher Wunsch aus seelsorgerlichen Gründen ernst zu nehmen. Das Bedürfnis nach rituell-geistlicher Begleitung der Lebensstationen gehört zu jeder Religion und den Menschen, die sie wertschätzen.

Im Sinne der genannten Grundsätze können Formen der gastweisen Teilnahme erwogen werden, die dem Leben von Menschen auf der Grenze zwischen den Religionen in Wahrhaftigkeit gerecht werden. Die Beteiligten auf christlicher wie auf muslimischer Seite sollten sich an dieser Stelle ihrer besonderen Verantwortung bewusst sein und mit geistlichem und theologischem Augenmaß jeden Anschein einer Religionsvermischung vermeiden. Im Übrigen gelten für Gottesdienste anlässlich der Eheschließung eines Christen und eines Nichtchristen die entsprechenden Ordnungen der evangelischen Landeskirchen.

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