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Marco Bülow sitzt für die SPD im Bundestag. Trotzdem redet er unter Birken mit Abgeordneten der Grünen und der Linken.

SPD

R2G soll Schwarz-Gelb entsorgen

In mehreren Zirkeln arbeiten junge Sozialdemokraten, Grüne und Linke an einem rot-rot-grünen Projekt – auch wenn die Parteispitzen es nicht so nennen wollen.

Von Damir Fras, Steven Geyerund Jörg Schindler

Das Bürohaus Unter den Linden 50 zählt zu jenen Orten im Berliner Regierungsviertel, an denen Politik weitab von Kameras gemacht wird. Wer gesehen werden will, geht ein paar Schritte weiter ins Café Einstein und nippt medienwirksam einen Macchiato. Im „UdL 50“ gibt es viele kleine Zimmer und einen lichten Innenhof mit jungen Birken, in dem auch an heißen Abenden ein laues Lüftchen weht. Es ist ein schöner Ort, um Revolutionen zu planen.

An einem sehr heißen Abend im Juli stehen zwischen den Birken drei junge Politiker. Sie skizzieren angeregt eine „ökologisch-soziale Erneuerung“. Es fallen Worte wie „Red Green Deal“, „Machtperspektive“ und „Zweitausenddreizehn“. Man duzt sich, man frotzelt, man agitiert und lacht. Man versteht sich bestens. Das ist für sich genommen schon eine kleine Sensation. Denn Marco Bülow ist in der SPD, Gerhard Schick bei den Grünen, Katja Kipping eine Linke. Und Rot-Rot-Grün, siehe Gauck, siehe Nordrhein-Westfalen, siehe Hessen, das geht ja gar nicht. Oder?

„Ach, na ja“, sagt Bülow, ein hagerer Mann mit unstetem Blick, „alle guten Ideen haben mal damit begonnen, dass alle sie blöd fanden.“ Mag sein, dass sich die Gabriels und Künasts und Lafontaines dieser Welt Tiernamen geben – „aber wenn man es mal inhaltlich betrachtet, sind die Überschneidungen zwischen diesen drei Parteien am größten“.

Bülow wird wohl wieder Ärger bekommen für solche Sätze, aber das ist er gewohnt. Er hat ein Buch geschrieben, in dem er Politiker als bloße „Abnicker“ von Lobby-Interessen beschimpft. Vorhin hat er es vorgestellt, an der Seite von Kipping, die im selben Verlag ein ähnlich polit-kritisches Werk verfasst hat. Es waren zwar nur 20 Zuhörer da. Aber das kann auch an der Hitze gelegen haben.

Die Bundestagsabgeordneten Kipping, Schick und Bülow, 32, 38 und 39 Jahre alt, gehören zu einer Generation von Politikern, die noch nicht durch jede Talkshow gereicht wurden und trotzdem viel reden. Nicht nur übereinander. Gemeinsam mit anderen, meist jungen Abgeordneten von SPD, Linken und Grünen basteln sie an etwas, das ihre Altvorderen, zumindest offiziell, brüsk ablehnen: einem rot-rot-grünen Projekt. Seit SPD und Grüne in Nordrhein-Westfalen regieren und die Linke ein klein bisschen mittun darf, fühlen sie sich im Aufwind. Sie sind die Vorhut. Der Rest muss noch überzeugt werden.

Es gibt eine Reihe loser und weniger loser Gruppen, die „an einer neuen Erzählung von links“ schreiben, wie es Kipping, immerhin Vizechefin ihrer Partei, ausdrückt. Die bekannteste ist das Institut Solidarische Moderne, ein Thinktank, der im Januar unter anderem von der hessischen Fast-Regierungschefin Andrea Ypsilanti (SPD) initiiert wurde. Neben Kipping, Bülow und Schick gehören dem Verein heute 1443 Halb- und Ganzlinke an. Ihr Ziel: die „innerlinke Konkurrenz- und Misstrauenskultur“ zu überwinden, um die Neoliberalen Mores zu lehren. Da sind sie nicht allein.

Eine der Ersten, die sich auf den mühsamen Weg der Verständigung begab, war Angela Marquardt. Die 39-Jährige war Ende der 90er Jahre als „Polit-Punkerin der PDS“ eine Art Medienliebling. Heute sind ihre Haare immer noch zu Stacheln aufgestellt, aber nicht mehr bunt. Seit zwei Jahren ist sie in der SPD. Sie jobbt dort im Bundestagsbüro von Generalsekretärin Andrea Nahles.

Außerdem führt sie die Geschäfte der Denkfabrik der SPD, einer Gruppe linker Sozis, die der Frust über Hartz IV und die große Koalition einst zusammenführte. „Als Rot-Grün 1998 an die Macht kam, gab es diese Wechselstimmung im Land. Die Gesellschaft war bereit, sich zu verändern“, sagt Marquardt. „Aber bei SPD und Grünen hatte man vorher kaum über ein gemeinsames Projekt gesprochen. Man hat ja gesehen, was dabei herauskam.“ Wer also heute Rot-Rot-Grün wolle, sollte die Gesellschaft beizeiten darauf vorbereiten.

Da trifft es sich gut, dass die SPD-Frau seit Jahren eng mit Linkspartei-Vizechefin Halina Wawzyniak befreundet ist. Die zählt zum pragmatischen Rand ihrer Partei, für den die Sozialdemokratie kein Teufelswerk ist. Im Sommer 2008 luden Marquardt und Wawzyniak ähnlich gesinnte Genossen zum Klönschnack ins Berliner Restaurant Walden. Dabei stellten sie erst einmal fest, dass sie alle dieselben Filme, Bücher und Bands mögen. Über Bündnisse wurde eher nicht geredet. Weil aber der Spiegel davon Wind bekam und die „Walden-Connection“ ausschellte, knirschte die SPD-Spitze mit den Zähnen.

Die Hell- und Dunkelroten blieben unbeeindruckt und baten alsbald aufgeschlossene Grüne mit an den Tisch. Schon hieß das Kind „Oslo-Gruppe“, weil oben in Norwegen eben Rot-Rot-Grün regiert. Inzwischen, sagt die Linke Wawzyniak, habe man sich auf „R2G“ (zweimal Rot, einmal Grün) geeinigt – „das lässt sich so schön twittern“. Außerdem erinnert es an den Star-Wars-Roboter R2-D2. Der bekommt auch die lahmsten Raumschiffe in Windeseile flott.

In dieser Runde arbeiten sie an der Frage, was so ein Bündnis ausmachen könnte. Schnell war klar: „Die alten Kämpfe derer, die schon in den 90ern die Debatte bestimmten, sind nicht mehr unsere“, sagt Marquardt. „Bei Terrorismus denken wir nicht mehr an RAF, sondern an den 11. September. Bei Geschichtsbewusstsein geht es sowohl um die Nazi-Aufarbeitung als auch um den Einschnitt in unser Leben durch den Mauerfall. Und das Fünfparteiensystem ist für uns kein Thema. Wir sind damit politisch aufgewachsen.“

Rund 25 Abgeordnete verbergen sich hinter dem Kürzel R2G. Ende Juni luden sie zu einem Sommerfest. Das Timing war ungünstig. Es war der Tag, an dem Joachim Gauck nicht zum Bundespräsidenten gewählt wurde und die rot-rot-grünen Alphatiere übereinander herfielen. Wie zum Trotz veröffentlichten die Beta-Politiker am selben Tag ein Manifest „für eine zukunftsfähige solidarische Gesellschaft“. Darin eine lange Liste mit Zielen, für die SPD, Linke und Grüne stehen könnten: Sie reicht von einer „Grünen Industriellen Revolution“ über „konsequente Umverteilung“ des privaten Vermögens bis zu einer „solidarischen Bürgerversicherung“ im Gesundheitswesen.

Fast zeitgleich fasste das Institut Solidarische Moderne einen ersten Grundsatzbeschluss. Das Papier ist länger und sperriger als das R2G-Manifest, man ist schließlich ein Institut. Aber im Wesentlichen ist man sich einig: Unter Schwarz-Gelb stünden die Zeichen „auf radikale Infragestellung des Sozialstaates“ und auf „verschärfte Verteilungskämpfe“. Dagegen helfe Rot-Rot-Grün.

Oder „Rot-Grün-Rot“, wie der Grüne Schick lieber sagt. Zwei große Themen seien es, welche die drei Parteien voranbrächten, meint der Mann mit der smarten Brille: eine Neuausrichtung der Wirtschaft auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz; und die Rückeroberung der politischen Gestaltungsmacht über die Finanzmärkte. Wenn das gelinge, so Schick, sei ein „echter Umbau der Gesellschaft“ möglich.

Dumm nur, dass das bei Roten, Roten und Grünen nicht alle so sehen. In der SPD-Spitze hat man zwar „nichts dagegen, wenn die miteinander reden“. Aber fast drohend heißt es dort auch: „Wenn die die Idee hätten, ein Projekt daraus zu machen, dann würde Gabriel sagen: Ihr seid bekloppt!“ In der Linken sind es die ganz Linken, die Verrat an der reinen Lehre wittern. Und bei den Grünen ist zum traditionellen Clinch zwischen Fundis und Realos noch einer zwischen Jung und Alt dazugekommen.

Und wenn man die paar Hindernisse aus dem Weg geräumt hätte? Wäre dann alles bereitet für Rot-Rot-Grün oder Rot-Grün-Rot? Das wohl auch wieder nicht. Denn so nett der Parteien-Nachwuchs auch miteinander plaudern kann, an die Knackpunkte hat auch er sich noch nicht gewagt. Die Stichworte: Afghanistan, Europa, Sozialpolitik …

Und dennoch, sagt Marco Bülow am Abend: „Es lohnt sich, dicke Bretter zu bohren.“ Einer muss es ja tun. Der Mann, der Mitglied bei Greenpeace, Eurosolar, Borussia Dortmund und der SPD ist, gefällt sich in der Rolle des Rebellen und Systemveränderers. Er sagt, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 habe ihn zur Politik gebracht. „Da hab’ ich mich gefragt, gibt’s zur Atomkraft keine Alternative?“ Nein, habe es geheißen. Heute werde von der 100-prozentigen Wende zu erneuerbaren Energien geredet. Bülow ist skeptisch, wenn er hört, was alles Unmöglich sein soll.

Rot-Rot-Grün, zugegeben, das sei eine Vision, aber eine mit Zukunftspotenzial, meint der Sozialdemokrat. Wenn es 2013 so weit sein sollte, wäre es ihr recht, sagt die Linke Kipping. Selbstverständlich sei nichts, so der Grüne Schick – mit Schwarz-Grün könne er auch leben. Da fällt ihm Bülow ins Wort: „Wenn’s um die Macht geht, macht ihr Grünen doch alles mit!“ Einen Moment herrscht beleidigtes Schweigen unter den Birken. Dann lachen alle.

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