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Soll die Wissenschaft den Kontakt nach Russland abbrechen?

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Standbild des Philosophen Immanuel Kants im russischen Kaliningrad. Foto: Rainer Hackenberg/epd.
Standbild des Philosophen Immanuel Kants im russischen Kaliningrad. Foto: Rainer Hackenberg/epd. © akg-images / Rainer Hackenberg

Wir sollten der „Kriegslogik“ des Kontaktabbruchs eine „Friedenslogik“ entgegensetzen und das Gespräch intensivieren, fordert der Philosoph Reinhard Hesse in seinem Gastbeitrag.

Mitte September habe ich als Tourist in Königsberg das Grab des Philosophen Immanuel Kant besucht und bei der Gelegenheit einen Abstecher zum Kant-Institut an der „Baltischen Kant-Universität Kaliningrad“ gemacht, um mich dort für den alle fünf Jahre stattfindenden internationalen Kant-Kongress im April 2024, also zum 300. Geburtstag Kants, registrieren zu lassen.

In diesem Zusammenhang erfuhr ich, dass von deutscher Seite aus als Reaktion auf den russischen Einmarsch in die Ukraine die Mitwirkung bei der Vorbereitung des Kongresses eingestellt worden sei. Es herrsche Funkstille.

Ich muss gestehen, ich war bestürzt. Was hat Kants Philosophie mit dem Ukraine-Konflikt zu tun?, fragte ich mich.

Und auch: Wie sollen sich diejenigen russischen Philosophinnen und Philosophen fühlen, die die gegenwärtige russische Politik selbst ablehnen? Warum bricht man den Kontakt mit ihnen ab? Erst in diesem Moment, in der persönlichen Begegnung mit den Betroffenen, wurde mir wirklich klar, was der Kontaktabbruch konkret bedeutet.

Wurden die philosophischen Kontakte mit anderen Ländern ebenfalls eingestellt, wenn deren Regierungen gegen das Völkerrecht verstießen? Hat man Yale und Harvard boykottiert, weil die USA Jugoslawien oder den Irak (und etliche andere Staaten) völkerrechtswidrig angegriffen und dort hunderttausende ziviler Opfer verursacht haben?

Wäre es nicht vernünftiger, gerade jetzt das Gegenteil zu machen: Intensivierung des Kontakts, Verbreiterung des Austausches, Vertiefung des Gesprächs? Ist denn die Wissenschaft – um das bekannte Clausewitz-Wort zu variieren – eine Art Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln?

Eine „Gegenseite“, einen „Feind“, gibt es in ihr nicht. Es gibt nur Diskussionspartner. Diese können verschiedener Meinung sein und gegeneinander argumentieren. Aber indem sie gegeneinander argumentieren, anerkennen sie notwendigerweise ihre Argumentationspartner als Gleiche.

Sollte man nicht diese „Friedenslogik“ der „Kriegslogik“ entgegensetzen? Gibt es denn etwas Wichtigeres als das Gespräch, als die gemeinsame, auf Gegenargumente hörende Suche nach der Wahrheit und nach dem richtigen Weg? Und gilt das nicht gerade in Kriegszeiten? Wie kann man sich noch auf Kant berufen, wenn man das vergisst?

Aber nicht nur die deutsche Kantgesellschaft, auch die großen deutschen Wissenschaftsorganisationen haben es für richtig befunden, den Austausch mit ihren russischen Gegenübern ganz oder größtenteils einzustellen. Sie folgen damit den politischen und medialen Vorgaben. Sie hängen ihr Fähnchen in den Wind. Demnächst soll immerhin an einer deutschen Universität eine Tagung über die völkerrechtliche Seite des Ukraine-Konflikts und seiner Vorgeschichte stattfinden, zu der auch russische Fachvertreter:innen eingeladen werden sollen.

Damit tun die Veranstalter – ungeachtet des hochtrabenden Geredes der Abbruchfreunde – das banalerweise Selbstverständliche. „Audiatur et altera pars!“ So hieß es schon bei den Römern. Ein Richter, der den vor ihm stehenden Angeklagten nicht fragt: „Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“, hat nicht verstanden, was Gerechtigkeit ist; ein Professor, der Argumente ausschließen will, nicht, was Wissenschaft ist.

Nicht der Gesprächsabbruch, sondern im Gegenteil die Gesprächsintensivierung ist der Weg, den die zivilisierten Menschen in Konfliktsituationen wählen müssen, wollen sie nicht sich selbst schließlich diskreditieren.

Darum müssen wir kämpfen – nicht nur, weil wir das, kantisch gesprochen, unserer Würde als Vernunftwesen schuldig sind, sondern auch, um in der konkret gegebenen historischen Situation Entwicklungen zu stoppen, die zu Katastrophen führen.

Reinhard Hesse hat den Lehrstuhl für Philosophie und Ethik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg inne.

Reinhard Hesse, Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie und Ethik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Foto:privat.
Reinhard Hesse, Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie und Ethik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Foto:privat. © privat.

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