Zusammen ist man weniger allein: Der Bedarf nach gemeinwohlorientierter Arbeit ist in der Corona-Krise eher noch gewachsen. Panthermedia
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Zusammen ist man weniger allein: Der Bedarf nach gemeinwohlorientierter Arbeit ist in der Corona-Krise eher noch gewachsen.

Ehrenamt

Solidarisch, aber fast pleite

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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  • Andreas Niesmann
    Andreas Niesmann
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Ob Sportvereine oder Sozialunternehmen – der gemeinnützige Sektor ist eine der größten Branchen hierzulande. Doch bei den Hilfen wurde er bislang vergessen.

Über „düstere Zeiten“ muss Andreas Heinecke niemand etwas erzählen. Mit der Dunkelheit kennt er sich aus; er hat sogar ein Geschäftsmodell aus ihr gemacht. „Ich bin so etwas wie der Weltmarktführer im Dunkelgeschäft“, sagt der 64-Jährige mit einem Augenzwinkern.

Heinecke ist kein gewöhnlicher Geschäftsmann, er ist Sozialunternehmer. Sein Ziel ist es nicht, möglichst viel Geld zu verdienen. Sein Ziel ist es, möglichst viele Menschen miteinander in Kontakt zu bringen.

Mehrere Organisationen hat er gegründet, um diese Idee voranzutreiben, die bekannteste ist das Dialoghaus in Hamburg. Die Einrichtung in der Speicherstadt lädt Menschen zu einem Perspektivwechsel ein. Sehende werden von Blinden durch einen Parcours in völliger Dunkelheit geführt. Ein Rollenwechsel: Die Blinden werden zu Sehenden und umgekehrt.

Mehr als 1,7 Millionen Menschen haben dieses und andere erlebnispädagogische Angebote des Dialoghauses bereits genutzt, zuletzt kamen über 100 000 Besucher im Jahr. Derzeit sind es genau null – wegen Corona. Die große Sause zum 20. Geburtstag musste Heinecke absagen, statt Sekt und Torte gab es Kurzarbeit und Überlebensängste. „Corona bedroht uns massiv in unserer Existenz“, sagt er. „Ohne Hilfe werden wir diese Krise nicht überleben.“

Der Geschäftsführer war immer stolz darauf, dass sich das Dialoghaus weitgehend selbst finanziert. Gut 90 Prozent der 2,7 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschaften die 130 Mitarbeiter, von denen gut zwei Drittel Behinderungen haben und 45 nicht sehen können, selbst. Der Löwenanteil sind Eintrittsgelder für Führungen, Veranstaltungen und Kurse. In der Krise ist aus dieser Stärke eine Schwäche geworden, nun sind 90 Prozent der Einnahmen weggebrochen.

Die Kosten hat er massiv runter gefahren, einen Großteil der Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, die Miete gestundet, aber der Einnahmeausfall lässt sich trotzdem nicht kompensieren. Und große Rücklagen durfte er als gemeinnütziger Unternehmer gar nicht erst aufbauen. „Die Insolvenz“, sagt er „ist etwas, das wir sehr ernsthaft prüfen müssen.“

Das Dialoghaus mag einzigartig sein, das Problem aber betrifft derzeit Hunderttausende gemeinnützige Unternehmen, soziale Institutionen, Sportvereine und Wohltätigkeitsorganisationen - sie alle hat die Krise in Not gebracht.

Für Unternehmen und Selbstständige hat der Staat Notfallpakete geschnürt. Die in Sonntagsreden hoch gelobte Zivilgesellschaft aber hat er vergessen. Auf die Rettungskredite der staatlichen KfW-Bank etwa haben gemeinnützige Unternehmen keinen Zugriff. Dabei sind deren Akteure genauso von der Pleite bedroht wie klassische Wirtschaftsunternehmen. Oder sogar noch mehr.

Einrichtungen, die wie das Dialoghaus selbst Einnahmen generieren, sind besonders betroffen, aber auch spendenfinanzierte Organisationen stehen unter Druck. Unternehmen kürzen in Krisenzeiten häufig als erstes ihre Spendenbudgets. Und Stiftungen, in die Unternehmensgewinne fließen, haben auch weniger zu verteilen.

Den Effekt kann man bereits sehen. Laut Larissa Probst, Geschäftsführerin des Deutschen Fundraising-Verbands, sind Unternehmensspenden rückläufig. Eine gute Nachricht allerdings gibt es: Unter Privatpersonen ist die Spendenbereitschaft in den ersten Krisenmonaten nicht zurückgegangen, sondern sogar leicht gestiegen. Laut GfK-Charity-Panel ist die Bereitschaft für Spenden bis 5000 Euro im März um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen und im April um fünf Prozent.

Expertin Probst führt die Entwicklung darauf zurück, dass die wichtigsten Spender in Deutschland – Rentner und Pensionäre sowie Beamte – von der Corona-Krise nicht so stark betroffen seien wie andere. „Da kommt der Solidargedanke zum Tragen.“ Bei den Förderstiftungen sei der Trend aktuell ebenfalls steigend, Vermögende gäben mehr als zuletzt. „Wir freuen uns über die Solidarität der Spenderinnen und Spender und hoffen, dass das in den nächsten Monaten weiter anhält und die Zivilgesellschaft nicht so stark leidet“, sagt Probst.

Allerdings weiß auch sie, dass die Krise womöglich noch lange andauern wird. Überdies sei es derzeit schwierig bis teilweise unmöglich, Neuspender bei Veranstaltungen und auf der Straße anzusprechen. „Gemeinnützige Einrichtungen können außerdem kaum Rücklagen bilden, schon aus rein rechtlichen Gründen nicht“, sagt Probst. „Deshalb können sie die Krise nicht abpuffern. Hier muss der Staat aushelfen.“

Würden Organisationen der Zivilgesellschaft in großer Zahl pleitegehen, böte das großen sozialen Sprengstoff. Der Bedarf an Angeboten im Bereich von Gewaltprävention, schulischer Nachhilfe, Obdachlosenunterstützung, Suchthilfe und Armenspeisungen wird im Zuge der Corona-Krise eher steigen als sinken. Aber wenn die Helfer erst mal weg sind, stehen die, denen bislang geholfen wurde, allein da. Immerhin: Die Politik hat inzwischen erkannt, dass sie bei ihren Hilfen nachsteuern muss. Als erstes hatten die Grünen im Bundestag einen „Rettungsschirm für die Zivilgesellschaft“ gefordert, inzwischen signalisiert auch die Bundesregierung Hilfsbereitschaft.

Nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland soll im Rahmen des Konjunkturpakets, über das am kommenden Dienstag der Koalitionsausschuss berät, auch ein Hilfsprogramm für gemeinnützige Organisationen beschlossen werden. Eine Milliarde Euro will der Bund laut eines Eckpunktepapiers als Darlehen zur Verfügung stellen, um bereits bestehende oder gerade anlaufende Stützungsprogramme der Bundesländer aufzustocken.

„Die Nichtberücksichtigung der gemeinnützigen Unternehmen bei dem KfW-Rettungsschirm war ein Fehler, den niemand wollte. Dieser Fehler muss jetzt schnellstmöglich behoben werden“, sagt Matthias Bartke (SPD), Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales. „Ich bin froh, dass das Problem nun Anfang kommender Woche definitiv gelöst wird und die gemeinnützigen Unternehmen die dringend benötigten Kredite erhalten“, so Bartke weiter. Das verschaffe ihnen die notwendige Liquidität, um Verbindlichkeiten wie etwa Mieten bezahlen zu können.

Allerdings weiß auch Bartke, dass Kredite ein kurzfristiges Problem lösen und dafür ein langfristiges schaffen. Denn für gewöhnlich fehlt gemeinnützigen Organisationen die Renditestärke, um Überschüsse zu generieren, mit denen dann Darlehen abbezahlt werden können. „Deswegen müssen wir uns jetzt schon Gedanken darüber machen, wie wir ihnen helfen können, diese Kredite am Ende wieder zurückzuzahlen“, sagt der SPD-Abgeordnete.

Sozialunternehmer Heinecke wird da noch deutlicher. „Die Kredite helfen uns über die aktuelle Notlage, sie müssen aber später in nichtrückzahlbare Zuschüsse umgewandelt werden.“ Ansonsten würden die Probleme nur in die Zukunft verlagert. Er ist sich sicher, dass die nächsten Monate hart werden, selbst wenn das Dialoghaus irgendwann wieder öffnen wird. „Unser Brot- und Buttergeschäft sind Schulen, die haben aber bis Ende des Jahres alle Ausflüge gestrichen.“ Auch weiß er noch nicht, wie er Abstandsregeln und sein pädagogisches Konzept in Einklang bringen soll. „Unser Business besteht aus Begegnung und Berührung“, sagt er.

Aufgeben ist allerdings für ihn auch keine Option. „Es wird eine Lösung geben“, sagt Heinecke. „Einfach weil es eine geben muss.“

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