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60 JAHRE DANACH

Soldatenkind

Waltraud Helfmann wurde als Zwölfjährige auf der Flucht aus der Mark Brandenburg von ihrer Mutter getrennt. Schließlich nahm sich ein Sanitätssoldat aus Langen bei Frankfurt am Main ihrer an. Als ihr Helfer bei Kriegsende in Gefangenschaft kam, schickte er das Mädchen zu seiner Familie nach Langen.

März 1945. Der Krieg ging zu Ende. Russische Panzer an der Oder. Auf dem Vormarsch nach Westen. Der Flüchtlingsstrom nahm kein Ende. Inmitten des großen Trecks der Hoffnungslosigkeit - ich - das zwölfjährige Mädchen Waltraud. Mit Mutter, Tante und meiner damals erst zweieinhalbjährigen Schwester Erika hatten wir die Heimat verlassen müssen. Die Heimat - das war Falkenberg in der Mark Brandenburg. Wohin aber ging unser Weg?

Niemand wusste es. Nur fort, fort von hier, hieß es. Unser Ziel war der Bauernhof meines Onkels in der Nähe des Werbellinsees (nur ca. 35 km entfernt). Wir blieben dort einige Wochen. Hier sah ich die V2-Rakete fliegen, die aus der Schorfheide abgeschossen wurde.

Es ging weiter. Nach wochenlangen Fußmärschen war ich am Ende meiner Kräfte. Ich konnte nicht mehr laufen, die Füße schmerzten und waren voller Blasen. Da packten mich kräftige Soldatenhände, hoben mich auf einen Wagen des Trecks, das gesamte Gepäck meiner Angehörigen wurde ebenfalls auf dem Wagen verstaut. Dabei verloren wir uns aus den Augen. Nun holperte ich einer ungewissen Zukunft entgegen. Allein und verlassen von Mutter, Tante, Schwester. Verzweifelt suchte ich meine Angehörigen. Aber niemand wusste etwas, konnte mir auch nur einen Anhaltspunkt geben. Die Fahrt ging weiter. Auf Munitionswagen, Lastwagen, Panzer und Kettenkrad. Bei einem Überholmanöver flog ich vom Kettenkrad und wurde einige Meter mitgeschleift. Zum Glück nur leicht verletzt.

Dann begegnete ich zum ersten Mal dem Mann, der in meinem weiteren Leben eine entscheidende Rolle spielen sollte: dem damaligen Sanitäter Rudolf Hochheimer, im Zivilberuf Drogist und Inhaber einer Drogerie in Langen bei Frankfurt am Main. Er leistete mir nicht nur Erste Hilfe, sondern fortan immer wieder Hilfe, humanitäre Hilfe über den Tag hinaus.

Als "Soldatenkind" ging ich mit ihm die letzte Etappe des großen Marsches. In Mecklenburg erlebten wir gemeinsam das Ende des Krieges, die Stunde Null. In Hagenow kamen wir zusammen in Kriegsgefangenschaft. Der Onkel Rudi sorgte für mich wie für ein eigenes Kind. Nach kurzem Aufenthalt im Gefangenenlager Hagenow wurde ich allein entlassen.

Und wieder stand ich vor der Frage: wohin? Zwei Möglichkeiten wurden mir indessen angeboten, ich konnte wählen zwischen einem Bauernhof in Thüringen und einer Drogerie in Langen bei Frankfurt/Main. Eben jener Drogerie meines Samariters Rudolf Hochheimer. Er wollte mich gern in sein Haus, in seine kinderlose Ehe aufnehmen, mir eine zweite Heimat bieten. Ich wusste zu schätzen, was er für mich bis dahin getan hatte - und so entschied ich mich auch für Langen.

Ich bekam etwas Geld, Briefe für zwei weitere Soldaten aus Langen, Lebensmittel in einem kleinen Rucksack und wurde verabschiedet. Wieder einmal allein. Verhältnismäßig schnell erhielt ich die wichtigen Papiere von einem Offizier der englischen Besatzungsarmee. Damit ausgestattet trat ich die Reise in Richtung Küneburg-Hannover an. Eine Frau mit mehreren Kindern nahm sich meiner an. Doch war sich diese Großfamilie nicht einig, in welche Richtung sie weiterfahren wollte. Also setzte ich mich ab, sprang auf einen gerade anfahrenden Güterzug auf und befand mich so auf dem Weg ins Ruhrgebiet. Schließlich landete ich in Frankfurt-Ostbahnhof und erwischte gerade noch einen Zug nach Darmstadt über Langen. Aber die Angst war immer in mir. Lebt in Langen überhaupt noch jemand? Ist vielleicht alles zerbombt?

Es war Sonntag, der 8. Juli 1945. Mehr als vier Monate Ungewissheit und Angst vor der Zukunft lagen hinter mir. Nun stand ich kurz vor dem Ziel, meine Odyssee ging zu Ende. Genau um 13 Uhr klingelte ich am Haus Bahnstraße 34 in Langen. Zitternd vor Aufregung wartete ich, dass sich die Tür öffne. Wer und wie würde man mich empfangen? Plötzlich stand eine freundlich dreinblickende junge Frau vor mir, fragte mich nach meinem Begehr. Nur leise konnte ich vorbringen, was ich mir unterwegs immer wieder eingeprägt hatte. "Sie sind Frau Hochheimer?" Die Frau antwortete sanft: "Ja, mein Kind, das bin ich" - "Gut", sagte ich jetzt etwas forscher, "ich bringe Ihnen diesen Brief von Ihrem Mann". Ein Leuchten erhellte ruckartig das Gesicht der Frau. Aber alle ihre weiteren Fragen, nach dem Woher und Wohin, beantwortete ich nur kurz: "In diesem Brief steht alles drin."

"Na, dann komm erst mal rein", sagte Frau Hochheimer und nahm mich bei der Hand. Im Wohnzimmer wurde ich Rudolfs Eltern vorgestellt mit den Worten: "Das ist Waltraud - sie bringt uns eine Nachricht von Rudolf". Und dann las die Frau meines Samariters den Brief. Ungläubig erst, dann aber lächelnd trat sie auf mich zu und sagte: "Na, mein Kleines, dann bleib mal da - jetzt bist du unser Kind..." Anfang August kam Onkel Rudi aus der Gefangenschaft heim. Das war ein Wiedersehen, eine Freude. Von da an waren wir eine richtige Familie.

Bleibt noch, dass ich nach monatelangem, eifrigen Suchen im Oktober 1945 die erste Nachricht von meiner Mutter erhielt. Sie war wieder in unseren Heimatort zurückgekehrt. Von dort habe ich sie dann im November 1960 nach Langen geholt.

Waltraud Helfmann, geb. Hänelt, Langen

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten 60 Jahre danach

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