Russlands Verluste im Ukraine-Krieg könnten sich in diesem Jahr verdoppeln
Wie hoch sind die russischen Verluste im Ukraine-Krieg? Ein Team aus Journalisten und Forschern hat eine Methode entwickelt, um die Zahl zu schätzen.
Frankfurt — Seit fast 17 Monaten tobt der Krieg in der Ukraine. Tausende Menschen haben bereits ihr Leben verloren. Darunter Zivilisten und Soldaten. Russland und die Ukraine geben nicht viel Auskunft darüber, wie viele Soldaten sie bereits im Krieg verloren haben. Regelmäßig von Russlands schweren Verlusten berichtet. Die zwei unabhängigen russischen Medien Mediazona und Meduza haben zusammen mit dem Übersterblichkeitsforscher Dmitry Kobak von der Universität Tübingen eine Methode entwickelt, mit der Mann die Verluste ermitteln kann.
Russlands Verluste im Ukraine-Krieg: Etwa 47.000 Soldaten gefallen
Die Untersuchungen ergaben, dass etwa 47.000 russische männliche Soldaten unter 50 Jahren bis Mai 2023 aufgrund des Ukraine-Krieges gestorben sind. Mit einer 95-prozentigen Sicherheit kann gesagt werden, dass die tatsächliche Zahl der Opfer zwischen 40.000 und 55.000 liegt, schrieb Mediazona. Nicht berücksichtigt wurden die Verluste in den beiden Volksrepubliken Donezk und Luhansk.

Mediazona sammelt zusammen mit BBC News Russian und Freiwilligen seit Mai 2022 weitere Daten über gefallene Soldaten. Sie beziehen sich auf soziale Netzwerke, lokale Presseberichte, Fotos von Friedhöfen und Gedenkstätten, wie das Portal erklärte. Mittlerweile (stand 27. Juni) haben sie eine Liste von rund 26.800 Namen von russischen verstorbenen Soldaten erstellt, die längst nicht alle Todesfälle beinhaltet. Viele Fälle werden einfach nicht veröffentlicht, weshalb die Mortalitätszahl höher ist. Das russische Verteidigungsministerium schränkt die Veröffentlichung von Opfern jedoch weiter ein, um die genauen Zahlen zu verbergen.
Berechnung der russischen Verluste im Ukraine-Krieg — Nachlassregister gibt Aufschluss
Das Team, das die Todesfälle innerhalb der Armee Russlands im Ukraine-Krieg ermittelte, verwendete daher weitere Quellen, um eine genauere Zahl abzuschätzen. Das nationale Nachlassregister der Bundesnotarkammer in Russland steht der Öffentlichkeit seit 2018 zur Verfügung. Um einen Eintrag zu finden, muss nach dem vollständigen Namen einer Person gesucht werden. Mithilfe des Registers konnten Mediazona und Meduza die tatsächliche Opferzahl genauer schätzen.
Dabei wurde die Anzahl der eröffneten Nachlassverfahren in der von dem Team ausgewählten Stichprobe mit der vollständigen Sterblichkeitsraten für die Vorkriegsjahre in Russland verglichen. Für etwa 30 bis 70 Prozent der Verstorbenen wird ein Nachlassverfahren eröffnet. Danach wurde das Verhältnis zwischen der Anzahl der Todesfälle und der Anzahl der Einträge, die im gleichen Zeitraum im Register gefunden wurden und sich auf dieselbe Altersgruppe bezogen, berechnet.
Russlands verwundete Soldaten: Analyse geht von rund 15.000 Verletzten aus
Die Analyse ergab, dass bis Ende 2022 etwa 25.000 zusätzliche Todesfälle bei Männern aufgetreten sind. Die Anzahl der verstorbenen Männer wuchs bis zum 27. Mai 2023 auf 47.000 Todesfälle an. Zum Vergleich: Im Tschetschenienkrieg starben laut dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien rund 11.000 Soldaten. Nicht mit einberechnet wurden Soldaten, die als vermisst gelten. Dabei kann es sich um Gefangene halten, aber auch um Soldaten, die auf dem Schlachtfeld zurückgelassen wurden und damit nicht für Tod erklärt werden konnten, da keine Leiche vorlag.
Die Schätzung von verwundeten Soldaten ist deutlich schwerer abzuschätzen. Laut Mediazona und Meduza können hierfür historische Daten verwendet werden, durch die das Verhältnis zwischen verwundeten und getöteten Soldaten geschätzt werden kann. Für industrielle und postindustrielle Kriege wird das Verhältnis auf 3 zu 1 oder 3,5 zu 1 geschätzt. Damit kommen etwa drei Verwundete auf einen getöteten Soldaten. Bezieht man sich auf die Lohndaten und den Zahlungen an Schwerverletzte, erhält man ein Verhältnis von 1,7 zu 1. Dies entspricht etwa 15.200 Verwundeten russischen Soldaten im Ukraine-Krieg.
Betrachtet man nun die Zahl der verstorbenen Soldaten, der Vermissten und Verwundeten, können die russischen Verluste im Ukraine-Krieg auf etwa 125.000 Menschen geschätzt werden. (vk)