1. Startseite
  2. Politik

Söldnertruppe Wagner: Hinrichtungen wie bei der Mafia

Erstellt:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

Verschafft sich ihr eigenes Gewaltmonopol: Die russische Söldnertruppe Wagner gilt inzwischen als Privatarmee.
Verschafft sich ihr eigenes Gewaltmonopol: Die russische Söldnertruppe Wagner gilt inzwischen als Privatarmee. © Imago

Ein grausames Video bestätigt das brutale Image der russischen Söldnertruppe Wagner

Wer keine Lust auf eine langweilige Neujahrsfeier habe, der könne an einem Auftritt des „Krasnodarsker Sinfonie-Orchester unter Leitung legendärer Sturmkommandeure“ teilnehmen, heißt es auf dem Telegramkanal „Permer Recken“. „Fahren Sie auf Schützenpanzern spazieren! Erleben Sie ein funkensprühendes Flammenwerferspektakel! Höhepunkt ist die Raketenwerfer-Schau unserer Artilleriehasen.“ Die Söldnertruppe Wagner wirbt in der Uralstadt Perm Männer zwischen 24 und 52 Jahren für den Kampfeinsatz in der Ukraine, auch auf Reklametafeln: „Das Orchester ,W‘ wartet auf dich.“

Sie nennen sich gern „Musikanten“, wegen der Vorliebe ihres rechtsradikalen Erstkommandeurs Dmitri Utkin für die Musik Richard Wagners. Sie gelten als die angeblich kampf- und ganz bestimmt lautstärkste Einheit der russischen Streitmacht in der Ukraine. Etwa 8000 Wagner-Söldner sind dort nach Angaben der ukrainischen Militäraufklärung im Fronteinsatz. Dabei machen sie dem russischen Staat mit offener Brutalität sein Gewaltmonopol streitig.

Söldnergruppe Wagner: Telegram-Kanal veröffentlicht grausames Video

Der Telegram-Kanal „Grey Zone“, eines der Sprachrohre der Truppe, veröffentlichte jetzt ein grausames Video. Darauf wird ein früherer Wagner-Söldner „hingerichtet“, mit dem Hieb eines Vorschlaghammers gegen seinen mit Klebeband an einen Pflasterstein gedrückten Schädel. Das Opfer ist Jewgenij Nuschin, ein russischer Strafgefangener. Er saß wegen Mordes, wurde mit Hunderten anderen Häftlingen von Wagner angeworben, lief an der Front zu den Ukrainern über. Unklar ist, wie er wieder auf russische Seite gelangte. Auf dem Todesvideo sagt er, man habe ihn in Kiew auf der Straße gekidnappt. Aber Wladimir Ossetschkin, Leiter der Gefangenenrechtsgruppe Gulagu Njet, vermutet, die Ukrainer hätten Nuschin gegen eigene gefangene Soldaten in Direktverhandlungen mit Wagner ausgetauscht. „Sie haben dabei offenbar grob gegen die Regeln verstoßen.“

Jewgenij Prigoschin, Petersburger Großunternehmer, Putin-Vertrauter und Inhaber von Wagner, kommentierte das Video mit Hohn. „Er hat sein Glück in der Ukraine nicht gefunden, begegnete dann bösen, aber gerechten Leuten.“ Grey Zone schrieb, Nuschin habe eine typische Wagner-Strafe erhalten. „Wer sich halbwegs auskennt, weiß, dass Verräter und Vorschlaghammer fürs ,Orchester‘ eng zusammengehören.“ Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte: „Das ist nicht unsere Angelegenheit.“

Söldnertum ist in Russland strafrechtlich verboten. Aber schon als 2014 die ersten Wagner-Söldner bei den Kämpfen gegen die Ukrainer im Donbass auftauchten, drückte der Staat beide Augen zu. Ab 2015 kämpfte Wagner auch in Syrien, später in afrikanischen Staaten. „Wagner funktioniert nach den Regeln der organisierten Kriminalität“, sagte der Ex-Söldner Marat Gabidullin Radio Swoboda. Auf einem Video von 2017 foltern russische Söldner einen mutmaßlichen syrischen Deserteur mit einem Vorschlaghammer zu Tode.

Söldnergruppe Wagner: In Moskau regt sich Besorgnis

Auf einem anderen Video wirbt Prigoschin Strafgefangene in einer Haftanstalt in der Wolgarepublik Mari El, bietet ihnen Begnadigung und umgerechnet 3300 Euro Monatssold an, droht aber mit der Todesstrafe für Alkohol oder Fahnenflucht. „Putin hat Prigoschin die Lizenz zum Foltern und Morden erteilt“, sagt Haftrechtler Ossetschkin.

Prigoschins „Musikanten“ gelten inzwischen als Privatarmee mit eigenen Panzern und Schlachtfliegern. Ihre genaue Stärke ist unbekannt, der Militärexperte Viktor Litowkin redet von unter 20 000 Mann. Aber laut Ossetschkin hat Wagner bisher über 20 000 Häftlinge unter sein Kommando gebracht, Tausende von ihnen müssten in der Ukraine schon die schmutzigsten und gefährlichsten Frontaufgaben ausführen. Das Portal „The Insider“ schreibt, allein in zwei Monaten seien über 500 Häftlingssoldaten gefallen.

In Moskau regt sich Besorgnis. Mehrere Mitglieder des Präsidialrats für Menschenrechte baten das Ermittlungskomitee am Montagabend, das „Grey Zone“-Video zu prüfen. Die Menschenrechtsbeauftrage Tatjana Moskalkowa teilte mit, es laufe eine Kriminaluntersuchung. Prigoschin aber konterte mit einer Anzeige an die Generalstaatsanwaltschaft: Sie möge klären, ob nicht die US-Geheimdienste hinter dem Vorschlaghammermord an Nuschin stünden.

Auch interessant

Kommentare