Markus Söder am Steinberger See.
+
Markus Söder am Steinberger See.

CSU

Söder will gerufen werden

  • vonMike Schier
    schließen

Der Nichtkandidat für das Kanzleramt führt in jeder Umfrage. Aber der Bayerische Ministerpräsident schweigt – noch. Er weiß: Restdeutschland ist für die CSU hartes Pflaster.

Ein unbedachtes Wort jetzt, ein blöder Satz vor diesem Dutzend Kameras, und die Sache fliegt ihm um die Ohren. Markus Söder weiß das, aber es scheint ihn nicht zu kümmern. Ruhig nimmt er die weiß-blaue Stoffmaske vom Gesicht ab, legt sie vor sich. In einer unauffälligeren Bewegung lässt er noch das Handy aufs Rednerpult gleiten. Sonst: nichts. Kein Manuskript zum Festhalten, kein Sprechzettel mit Ausflüchten auf Nachfragen. Er grinst in die Runde: Das Spiel kann beginnen.

Montagmorgen in der CSU-Zentrale: Gerade hat er einer Berliner Sonntagszeitung ein forsches Interview gegeben, Maßstäbe genannt für einen Kanzlerkandidaten, die keiner der Bewerber erfüllt. Außer ihm. Jetzt werden alle wieder fragen, ob er kandidiere. Und Söder wird in wortreichen Varianten nicht Ja sagen. „Mein Platz, das hab’ ich jetzt hundertfach gesagt, ist gerade, wie Sie es hier jetzt sehen, an der Stelle, in Bayern“, erklärt er also. 13 Minuten und 15 Sekunden später hat er noch viel mehr gesagt auf diese Fragen. Nur eines nicht: nein.

Seit Wochen geht das so. Wer Söder begleitet in diesen Tagen, erlebt aber keinen gequälten, genervten Politiker. Er kokettiert mit der K-Frage, sagt: „Es wird ja ständig über mich geredet. Und zwar von allen.“

Das klingt locker, in Wahrheit ist es eine Gratwanderung. Die Umfragewerte, die Spekulationen sind nur Nebenprodukt einer großen Krise, durch die Söder Bayern steuern muss. Es geht nicht um Karrieren, sondern um Leben und Tod. Söder ist seit März im Krisenmodus. Und er inszeniert ihn perfekt.

Sein Vorgänger Horst Seehofer, Verwaltungs-Betriebswirt, witzelt gerne, er sei nach Jahrzehnten in der Politik „Erfahrungsjurist“. Aus dem Juristen Söder wurde binnen Wochen ein Erfahrungsvirologe.

Der vorsichtige Kurs ist nicht gespielt. Das Virus treibt ihn um. Noch immer studiert er täglich die Zahlen. Bei Unstimmigkeiten lässt er nachforschen, ruft Experten an. Er sorgt sich. Israel kämpft mit der zweiten Welle. Vorsicht! Der Westbalkan meldet Rekorde. Vorsicht! Oberösterreich kehrt zur Maskenpflicht zurück. Da schau her!

Corona und die wirtschaftlichen Folgen – das sind die Themen, die den Wahlkampf prägen werden. Und plötzlich liest sich sein Interview vom Sonntag anders. Kanzler könne nur werden, wer sich in der Krise bewährt hat. „Nur wer Krisen meistert, wer die Pflicht kann, der kann auch bei der Kür glänzen.“

Söder hat sich seit März das Image des Krisenbewältigers gesichert. Weil er vieles richtig machte. Aber auch, weil nicht an ihm hängen bleibt, dass Bayern das am schwersten getroffene Land ist – die meisten Fälle, die höchste Sterberate. Gleichzeitig steht Armin Laschet, der um CDU-Vorsitz und Kanzlerkandidatur kämpft, fast täglich in der Defensive, wenn die Zahl der Infektionen in NRW hochschnellt. „Der entkanzlerte Laschet“, titelte diese Woche das ARD-Magazin „Monitor“.

Söder muss im Moment nicht viel machen, um der aussichtsreichste Nichtkandidat aller Zeiten zu sein. So oder so wird jedes Wort, jede Geste auf eine K-Ambition abgeklopft. Die Reisepläne (Wattwandern! Im Norden!), aber auch der für Dienstag angekündigte Besuch der Kanzlerin in Bayern: Angela Merkel stößt im prachtvollen Schloss Herrenchiemsee auf Söders Kabinett. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich Fotos und Schlagzeilen auszumalen: Die Kanzlerin und ihr möglicher Nachfolger an der Geburtsstätte des Grundgesetzes. Söder wird sich nicht wehren. Als gelernter TV-Journalist weiß er, wie man Bilder für sich sprechen lässt.

Söders Annäherung an Merkel und die CDU ist eine kuriose Wendung: Es ist noch nicht lange her, da hatte der als Haudrauf bekannte Ex-Generalsekretär großen Respekt vor der Kanzlerin, die ruhige Physikerin schien so gar nicht zu seinem sarkastischen JU-Humor zu passen. Respekt hatte er auch vor der Hauptstadt, wo die CSU der kleinste Koalitionspartner ist – und Hunderte Journalisten nur darauf warten, es einem dieser aufgeblasenen Bayern zu zeigen.

Nach mehreren Monaten Corona-Krisenmanagement trauen deutlich mehr Menschen dem Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder das Amt des Bundeskanzlers zu. Wie aus dem am Freitag veröffentlichten ZDF-„Politbarometer“ hervorgeht, halten 64 Prozent der Bürger, also fast zwei Drittel, den CSU-Chef für geeignet. 

Unter Unionsanhängern glauben

sogar 78 Prozent, dass er das Zeug zum Bundeskanzler hat. Damit liegt Söder deutlich vor den drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz. Den Wirtschaftsexperten Friedrich Merz halten 31 Prozent für geeignet fürs Kanzleramt, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten Armin Laschet 19 Prozent und den Außenpolitiker Norbert Röttgen 14 Prozent. (dpa)

Doch Söder hat sich angenähert. Schrittchenweise. Mit Annegret Kramp-Karrenbauer versteht er sich bestens. Seehofer hatte ihrer CDU gerne in den Sonntagszeitungen die Regierungspolitik um die Ohren gehauen – um montags doch zuzustimmen. Viel fordern, ein bisschen was erreichen. Söder korrigierte den Kurs. „Wir haben bewusst entschieden, nicht mehr die Quertreiber der Nation zu sein“, sagt er heute. Er knüpfte diskret ein bundesweites Netzwerk in die CDU, auch als turnusgemäßer Sprecher der Ministerpräsidentenkonferenz. Zum AKK-Vertrauten Tobias Hans im Saarland, sogar zum liberalen Daniel Günther nach Schleswig-Holstein. Und in alle Ostverbände. Der Arbeitnehmerflügel der sächsischen CDU sprach sich diese Woche bereits offiziell für Söder als Kanzlerkandidaten aus.

Söder hat viel investiert. Trotzdem ist er wohl selbst überrascht, wie leicht das ging. Im Koalitionsausschuss mit den unerfahrenen SPD-Chefs. Mit den Berliner Journalisten, die sich im November gar nicht mehr einkriegten über Söders Rede beim CDU-Parteitag – obwohl es Standard-Versatzstücke waren. Und mit Merkel, die bei Corona zur Vertrauten wurde. Wer hätte das gedacht!

Parteifreunde, die Söder lange kennen, bestätigen den Eindruck, dass der CSU-Chef das mit Berlin nicht mehr ausschließt. „Er war auf 100 Prozent Nein. Das bröckelt“, heißt es in der engsten Parteispitze. Die Wahrscheinlichkeit sei aber sehr gering, das wisse er. Es kann keine Kandidatur aus eigenem Antrieb sein, kein Kampf gegen CDU-Kandidaten.

„Gerufen werden, anders geht es nicht“, heißt es. Eine CDU, die nicht um den CSU-Kandidaten bettle, werde ihn im Wahlkampf im Norden, Westen, Osten verhungern lassen. Allerdings hat die CDU bislang nur zweimal einen Bayern gerufen: 1980 kriselte die CDU unter ihrem Fraktionsvorsitzenden Helmut Kohl massiv, 2002 litt sie unter der Spendenaffäre. 2020 aber liegt sie in Umfragen klar vorn. Überlässt man da einem Bayern das Feld? In der CSU glauben sie das nicht so recht.

Geduld war nie Söders Stärke. Jetzt aber wartet er ab. Und dass das nötig sein kann, hat er auf die harte Tour gelernt – im Machtkampf um die Seehofer-Nachfolge. Erst gute Arbeit abliefern, dann Karriere machen. 2020 heißt das: erst Corona bewältigen, dann auf Berlin schauen.

Dazu passt auch, wie er Schritt für Schritt die CSU umbaut. Großstädtischer, grüner, moderner, so wie sich ganz Bayern mit dem Zuzug von Migranten entwickelt. Vieles klappt, die Söder-CSU ist so öko wie nie. Manches nicht, etwa als die Parteibasis 2019 gegen die Frauenquote meuterte.

Gleichzeitig arbeitet Söder weiter an sich. Er will das System der Fehlervermeidung perfektionieren. In seinem Team schart er absolut loyale, aber kritische Geister um sich, die auch mal widersprechen. Die schattigen Bilder vom Kreuzerlass, eher Exorzist als Landesvater, würden ihm heute nicht mehr passieren. Söder lebt seine Corona-Regeln, achtet auf Abstand, scheucht Gruppen vor Fotos auseinander. Nie ein Foto wie Laschet mit Maske unter der Nase. Nie ein Bild wie Spahn im überfüllten Lift – Söder nimmt nur noch die Treppe.

Vor November dürfte sich in der K-Frage nichts entscheiden. Aber es kursieren Szenarien: Wenn Laschet oder Merz CDU-Chef werden, ist ein Kandidat Söder fast undenkbar. Für den Bayern gibt es nur zwei verwinkelte Wege. Entweder, wenn AKK doch an der CDU-Spitze bleibt und dafür ihn als Kanzlerkandidaten ausruft. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. „Die Annegret beißt in die Tischkante, dass sie kurz vor Corona ihren Rücktritt angekündigt hat“, heißt es in der CSU. Möglichkeit zwei: Gesundheitsminister Jens Spahn springt vom Tandem mit Laschet, kandidiert als Parteichef und plant mit Söder als Kanzlerkandidaten. Wie Spahn das hinkriegen soll ohne Brandmal der Illoyalität, dafür gibt es erste Ideen. Etwa, wenn wegen mieser Laschet-Werte ein Riesenbündnis aus JU und Parteigranden wie Wolfgang Schäuble nach Spahn riefe.

Söder kennt die Spekulationen. Es ist interessant, was er dazu sagt bei seinem Auftritt in der CSU-Zentrale: „Ich bin kein persönlicher Karriereberater einzelner großartiger Persönlichkeiten in der CDU.“ Dann lobt er ausführlich, was für ein herausragender Hoffnungsträger Spahn doch sei. Und wieder kokett-gönnerhaft: „Aber die CDU hat viele Hoffnungsträger.“

Die Worte wabern wie Aerosole durch die Luft. Unsichtbar, aber mächtig. Söder schaut in die ratlosen Gesichter, hakt die weiß-blaue Maske hinter den Ohren ein, nickt huldvoll und schreitet von der Bühne. Man kann es sich denken, aber leider nicht sehen, ob er grinst hinter der Maske.

Kommentare