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„Socialism in our time“ in Berlin: Wie steht es um den Sozialismus?

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Von: Baha Kirlidokme

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Jeremy Corbyn während einer Rede im April.
Jeremy Corbyn während einer Rede im April. © AFP

Der frühere Labour-Chef Corbyn begeistert seine Fans in Berlin / Die Feministin Fraser stellt die Systemfrage

Jeremy Corbyn kann sich in Berlin kaum vor Applaus und Jubel retten. Der Superstar der ersten zweitägigen „Socialism in our Time“-Konferenz des sozialistischen Jacobin Magazins und der Organisation „transform! europe“ feierte am Freitag mit 500 Gästen und Redner:innen aus Europa und den USA ihren Auftakt. Der ehemalige britische Labour-Chef gab sich kämpferisch und klang, als wäre er wieder im Wahlkampf.

Das übergeordnete Thema der Konferenz war die Frage, wie es um den Sozialismus international steht und wie Akteur:innen ihre Kräfte in Zukunft bündeln können. Corbyn scheint hierfür der perfekte Gast, so habe er viele, vor allem junge Menschen, politisiert, kündigte ihn Ines Schwerdtner, Chefredakteurin des deutschen Jacobin, an. „Die globale Ungerechtigkeit hat sich seit Reagans und Thatchers Wirtschaftspolitik verschlimmert“, stellte Corbyn fest und ergänzte mit Blick auf die Verschärfung der Krise in Coronazeiten: „Wir müssen das Narrativ brechen, nach jeder Krise in Sparpolitik zu verfallen.“

„Socialism in our time“ in Berlin: Nancy Fraser stellt die Systemfrage

In den deutsch- und englischsprachigen Panels wurden Themen von der Wohnraumfrage bis hin zu einer zeitgemäßen Planwirtschaft diskutiert. Die Antworten bewegten sich zwischen Reform und Revolution. Die Redner:innen waren sich weitgehend einig, dass ihr Sozialismus ein antiautoritärer, der sogenannte Demokratische Sozialismus sein müsse - eine Strömung, der einige Linke vorwerfen, versteckt sozialdemokratisch zu sein.

Dennoch waren die diskutierten Lösungsansätze weit weg von sozialdemokratischen Reformen oder Kompromissen. Das wurde bereits beim Eröffnungspanel deutlich. Nancy Fraser stellte gleich zu Beginn nicht weniger als die Systemfrage. „Wir haben es mit einer allgemeinen Krise des gesamten kapitalistischen Systems zu tun“, meinte die berühmte US-Feministin. Für Linke ungewohnte Einigkeit herrschte bei allen Panels mehr oder weniger vor, in erster Linie aber bei dem zum Krieg in der Ukraine. Liberalen und konservativen Vorurteilen zum Trotz verurteilten alle Redner:innen den russischen Angriff.

„Socialism in our time“ in Berlin: Kritik an Aufrüstung

Doch mit Waffenlieferungen und einem Sondervermögen für die Bundeswehr ließe sich kein Frieden schaffen. „Wir brauchen einen sofortigen Waffenstillstand“, stellte Jeremy Corbyn fest. Krieg führe nur zu noch mehr Krieg. „Die meisten Regierungen glauben, der einzige Weg sei, mehr Geld für Rüstung auszugeben. Aber das wird den Krieg nur in die Länge ziehen und mehr Menschen werden ihr Leben verlieren.“ Es sei zudem schade, dass sich Schweden und Finnland nun gezwungen fühlten, der Nato beizutreten.

Volodymyr Ishchenko, Soziologe an der Freien Universität Berlin, nutzte die Gelegenheit zur Selbstreflexion. Es fehle Linken an Einigkeit bezüglich außenpolitischer Positionen. So sähen manche im russischen Präsidenten Putin den neuen Hitler, andere seien differenzierter. „Wir brauchen viel mehr Analyse und Diskussionen die zu einer geerdeten linken Basis führen“, meinte er. So müsse auch über die Zukunft der Vereinten Nationen geredet werden.

Corbyn fügte hinzu, dass die UN immer noch wichtig, aber aufgrund fehlender Ressourcen zu ineffektiv seien. Er kritisierte außerdem die vorherrschenden Debatten um den Krieg: „In Großbritannien besteht die Kriegsberichterstattung aus dem Kriegsverlauf. Welche Strategien verfolgt werden, welche Waffen genutzt werden.“ Die Realität sei aber, dass Ukrainer:innen und Russen sterben und dass das aufhören müsse.

„Socialism in our time“ in Berlin: Von der Theorie zur Praxis

Die Besucher:innen waren am Ende der Konferenz zufrieden. Zwar waren die Diskutant:innen und die Zuschauenden vor allem akademischer Prägung – wollte man boshaft sein, könnte man sagen, die Säle quollen vor Salonsozialist:innen über. Jedoch haben die Panelgäste es trotzdem überwiegend geschafft, es nicht nur bei abstrakten Vorträgen im Stile einer Univorlesung zu belassen. In beinahe jeder Diskussion stellten die Vortragenden konkrete Ideen vor, wie aus der Theorie auch Praxis werden kann. Um glaubwürdig zu sein, müssten diese aber auch umgesetzt werden.

Ob hier der nächste Schritt gemacht wurde, Sozialist:innen international wieder verstärkt zum Austausch zu bringen und die Bevölkerung zu organisieren, wird sich zeigen. Sicher ist, dass dieser Austausch zwischen Sozialist:innen untereinander in Krisenzeiten wichtig ist.

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