Sea Watch

Situation wird lebensbedrohlich

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Malta lässt das Flüchtlingsschiff "Sea-Watch 3" in eigene Gewässer.

Gischt flutet das Deck, das Schiff wird von meterhohen Wellen auf und ab geworfen. Ein Video, das die Seenotretter der Berliner Organisation Sea-Watch auf Twitter veröffentlicht haben, zeigt, welch harten Bedingungen ihr Schiff „Sea-Watch 3“ im winterlichen Mittelmeer trotzen muss. Seit zwei Wochen ist es mit 32 vor Libyen geretteten Bootsflüchtlingen unterwegs, darunter drei Kinder im Alter von einem, sechs und sieben Jahren. Trotz Kälte und Winterstürmen darf es in keinen EU-Hafen einlaufen. In ähnlich schwieriger Lage befindet sich das Forschungsschiff „Professor Albrecht Penck“ der Regensburger NGO Sea-Eye, das am Wochenende 17 Flüchtlinge an Bord genommen hatte.

Das Ärzteteam der „Sea-Watch 3“ setzte am Mittwoch auf Twitter einen Notruf ab: „Wegen des langen Aufenthalts an Bord und des schlechten Wetters sind viele unserer Gäste schwer seekrank.“ Für unterernährte, geschwächte und unterkühlte Menschen könne die daraus resultierende Dehydrierung lebensgefährlich werden. „Wir sorgen uns besonders um die Kinder“, erklärten die Ärzte. Wegen der Stürme seien alle Flüchtlinge in einem kleinen trockenen Bereich unter Deck zusammengedrängt. Die Geflüchteten haben in Libyen Misshandlungen und Folter erlebt. Die andauernde Unsicherheit setze sie zusätzlich unter psychischen Druck. „Viele von ihnen verlieren das Vertrauen in unsere Operation, was unsere Möglichkeiten einschränkt, ihnen psychologische Hilfe zu leisten.“

Trinkwasser und Essen würden knapp, warnte Sea-Watch. Auch die Crew sei am Limit. Malta gab daraufhin beiden Schiffen zumindest die Erlaubnis, seine Territorialgewässer anzusteuern und nahe der Küste Schutz vor Wind und Wellen zu suchen. Maltas Häfen bleiben ihnen weiter versperrt. Italiens rechtsnationaler Innenminister Matteo Salvini verweigert privaten Seenotrettern seit Monaten die Einfahrt in italienische Häfen. Und solange sich die EU-Staaten nicht auf eine Verteilung der Flüchtlinge einigen können, geht die Odyssee weiter.

Die Niederlande erklärten sich am Mittwoch bereit, einige Menschen von der unter holländischer Flagge fahrenden „Sea-Watch 3“ in ihr Land zu holen – allerdings nur, wenn sich auch andere europäische Staaten beteiligten. Sea-Eye, deren Schiff unter deutscher Flagge fährt, appellierte auf Facebook: „Deutschland kann und muss jetzt mehr Verantwortung übernehmen.“ Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums hatte erklärt, Berlin und andere deutsche Städte seien zwar bereit, Sea-Watch-Migranten aufzunehmen. Die Entscheidung liege aber beim Bund. Der setze auf eine europäische Lösung.

Die Zahl der Bootsflüchtlinge auf der zentralen Mittelmeerroute zwischen Libyen und Italien ist im vergangenen Jahr um 80 Prozent geschrumpft, unter anderem weil Italiens Häfen für private Seenotretter gesperrt sind. Der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge sind 2017 aber mehr als 1300 Migranten auf dem Weg nach Italien oder Malta ertrunken. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR liegt die Zahl der Toten oder als vermisst gemeldeten Menschen auf dem gesamten Mittelmeer bei 2262.

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