+
Swinging London ist lange her, heute gilt Brexit als sexy.

Europa hat die Wahl

Sisyphos als Europäer

  • schließen

Für den derzeitigen Zustand der EU wäre ein ergänzendes Herkunftsmodell nicht ohne Reiz. Es sollte an die Mühsal erinnern, mit der die Idee Europas als Projekt des Friedens aufrecht erhalten wird.

Soeben hat Mathias Énard, der französische Schriftsteller, der – Orient und Okzident im Blick – in Barcelona lebt, daran erinnert, dass Europa eine phönikische Prinzessin war, „die an einem Strand bei Sidon von einem Gott des Nordens (nach Kreta) entführt wurde, der sie begehrte“. Dass Europa an den südöstlichen Ufern des Mittelmeers geboren wurde, einem kulturellen und sprachlichen Raum, der „als äußerst lebendiger und wichtiger Teil“ zu unserer Geschichte, Sprache und Kultur gehört. Und dass Europa heute, wenn es diese Herkunft vergäße, „sich eine ausschließende Identität verschaffte“.

Dabei wäre für den gegenwärtigen Zustand der EU ein ergänzendes Herkunftsmodell nicht ohne Reiz, dass an die Mühsal erinnerte, welche die Aufrechterhaltung der ursprünglichen politischen und kulturellen Idee Europas macht, um diese Idee als Projekt des Friedens, des Austauschs und der offenen Identität, das über seine Grenzen hinauswirkt, aufrecht erhalten und weiter entwickeln zu können. Die Gestalt des Sisyphos, der dem Absurden der Existenz, im Verständnis eines anderen Mannes aus dem Süden, Albert Camus, mit Eigensinn widerstand. Dem Absurden, das uns auch heute allenthalben zu umgeben scheint.

In der Mythologie entkam Sisyphos dem Tod mehrfach – durch Überlistung von Thanatos und Hades, erfreute sich seines Lebens „an der Bucht des Golfes, am leuchtenden Meer, auf der lächelnden Erde“ (Camus), so wurde er sehr alt. Diese Hochphase eines Menschen, der Homer zufolge „der weiseste und besonnenste unter dem Sterblichen“ war, beförderte die ihm eigene Hybris, die Götter zu verlachen, so dass diese ihm in der Revanche die Unterwelt als Daseinsmodell auferlegten. Sowie einen großen Felsblock, der unablässig einen Berg hinauf zu wälzen war, und der „vom Gipfel“, so wiederum Camus, „kraft seines eigenen Gewichts wieder hinunterrollte“.

Die Hochphase der Europäischen Union, das „Goldene Zeitalter der Nach-Kalte-Kriegszeit, das bis 2004 ging“, so Timothy Garton Ash, war „eine der größten Errungenschaften unserer Zeit“. Auf dieser Erfolgsspur eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik zu entwickeln, statt sich von einer „Friedensdividende“ täuschen zu lassen, hätte damals bedeutet, eine Balance von Soft- und Hardpower zu konzipieren und die europäische Integration im Rahmenwerk internationaler Sicherheit voranzubringen.

Die produktive Auseinandersetzung mit dem Gegenüberliegenden im Osten und im Süden hätte vor fünfzehn Jahren da anzusetzen gehabt, wo heute die kritischen Problemlagen in aller Härte aufscheinen: im Verhältnis zu Russland und in Beziehung zu den Räumen südlich des Mittelmeers. Die noch vor Ausbruch des „Arabischen Frühlings“ vorschnell blockierte „Union Méditerrannée“ eingeschlossen. Gefragt war die Entwicklung am Gegenüber, am Anderen, an Alternativen.

Waren die Europäer, wenngleich aus verständlichen Gründen, zu sehr mit sich selbst beschäftigt?

„Die existenzielle Krise des europäischen Projektes rührt daher“, so Garton Ash, „dass wir zugleich die Kosten bezahlen für unsere Erfolge und für unser Versagen“. Das Zeitfenster für eine konzeptionelle Vision war begrenzt. Die Finanz- und Wirtschaftskrise beherrschte seit 2008 die Perspektiven, die Eurokrise, die Verwerfungen auf der Krim und in der Ukraine, der Einschnitt des Brexit, die Flüchtlingskrise – die Zeit des Wälzens großer Felsblöcke, die vom Gipfel, kraft ihres eigenen Gewichts, immer wieder hinunter zu rollen drohten. War es, wie Camus meinte, die Analogie zu Sisyphos’ „unsagbarer Marter (...), bei der sein ganzes Sein sich abmüht, ohne etwas zu vollenden“?

Dass das erneute Aufkommen von Nationalismus, Abgrenzung und Isolationismus angesichts einer so verflochtenen, komplexen und arbeitsteiligen Welt der Verkörperung des Absurden entspricht, drängt sich auf, projiziert man die politischen Bedingungen auf die einigende Welt der Literatur. Wird die Entwicklung am Gegenüber, am Anderen in Zukunft noch das Verhältnis nach Westen bestimmen, etwa die Zukunft zwischen dem Festland und dem auf Abstand gegangenen Großbritannien? Der Saum des Europas, auf dessen östlicher Seite die Kultur Victor Hugos, Gustave Flauberts, Maupassants, Prousts und Claude Simons, immer in Sichtweite zur Insel, ohne Verbindung bleiben sollte zur Küste von Dover, zum Saum Britanniens, den Gestaden von Shakespeare, Joseph Conrad, James Joyce, Virginia Woolf und Samuel Beckett?

Wo der Brexit durch den „Brextremist grip“, den „suicide letter“ (The Guardian) eingeleitet wurde, der, vielleicht, Zäune oder Mauern nach sich ziehen könnte gegen den Austausch von Ideen und kulturellen Anregungen? Die nicht mehr als gemeinsame Vielfalt, sondern als das je konkurrierende Eigene empfunden würden? Aus Furcht vor einer Komplexität, deren Vermeidung in Aggression umschlüge?

„Das Gefühl der Absurdität“, so Camus, „kann an jeder beliebigen Straßenecke jeden beliebigen Menschen anspringen“. Und doch, der Mann aus dem Süden schaffte es, wie alle die, die sich jetzt immer zahlreicher für Europa engagieren, die Dialektik des Absurden ins Hoffnungsvolle zu wenden: „Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. (...) Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Der Autor veröffentlichte in den letzten Jahren mehrere Bücher über die urbane Entwicklung in Europa.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion