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Zielloses Chatten, ewiges Kaffeetrinken oder Spazierengehen: Viele Singles finden das Flirten während der Pandemie ermüdend. Photocase
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Zielloses Chatten, ewiges Kaffeetrinken oder Spazierengehen: Viele Singles finden das Flirten während der Pandemie ermüdend. Photocase

Einsamkeit

Singles in der Pandemie: Ein Jahr ohne Nähe

  • Elena Müller
    vonElena Müller
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Alleinstehende sind in Zeiten des Social Distancing besonders allein – doch sie können aus der Situation auch neue Erkenntnisse gewinnen.

Der Supermarkt ist die neue Singlebörse – den Eindruck bekommt man zumindest, wenn man dieser Tage die verschiedenen Onlinedatingplattformen durchstöbert. „Ich hätte dich lieber am Kühlregal im Supermarkt angequatscht“, schreibt einer. Oder: „Wir können unseren Eltern ja erzählen, wir hätten uns im Supermarkt kennengelernt“, ein anderer.

Woanders heißt es: „Corona made me do it“ (Corona hat mich dazu gebracht, mich hier anzumelden). Ohne Pandemie kein Onlinedatingprofil? Die Kontaktbeschränkungen lassen zumindest wenig anderes zu. So manch einer stellt sogar ein Foto eines negativen PCR-Tests ins Profil, um zu zeigen: „Mich zu daten ist sicher!“.

Flirten in Zeiten des zweiten Lockdowns ist, wenn kaum mehr übrig bleibt als in der S-Bahn, beim Bäcker oder eben im Supermarkt den schmalen Spalt zwischen halbfiltrierender Mund-Nase-Bedeckung und Wollmütze zu nutzen, um über Augen und Lachfalten Interesse zu signalisieren. Was sich vor einem Jahr im ersten Lockdown noch wie eine Herausforderung angefühlt haben mag, ist für viele Singles jetzt eher ein ermüdendes Unterfangen. Und zwar eines, das nach einem Jahr Pandemie an die Substanz geht.

„Viele haben sich mittlerweile der Situation ein wenig ergeben“, beobachtet Christine Backhaus, Diplom-Psychologin und Beziehungscoach. „Sie wissen, dass sie erst mal nicht viel daran ändern können, allein zu sein.“

Auch wenn sich Singles (falls nicht alleinerziehend) vielleicht nicht mit dem Homeschooling der Kinder herumschlagen oder sich den beengten Raum im Homeoffice mit dem Partner oder der Partnerin teilen müssen, so sind sie von den in diesen Zeiten angesagten Verhaltensregeln auch sehr betroffen.

Und so sagen viele Singles: „Ich bin nicht allein. Aber ich fühle mich einsam.“ Wo viele sonst das „Fehlen“ eines Menschen an ihrer Seite mit Aktivitäten und über den Freundeskreis kompensiert haben, bleibt davon gerade nicht viel übrig. Zu Hause bleiben, Abstand halten, von Besuchen bei Freunden und Familie absehen. Was gegen die Pandemie hilft, kann für Menschen, die sich einsam fühlen, sehr schmerzhaft sein.

Zwar empfindet bei weitem nicht jeder Mensch ohne Partner:in es als schweres Schicksal, niemanden an ihrer oder seiner Seite zu haben und ist glücklich allein. Aber ob selbst gewählt, zufrieden mit der Situation oder ohnehin schon belastet durch die Partnerlosigkeit: In der Pandemie sind Alleinstehende eben besonders alleine. Wo sich Familien am Samstagabend gemeinsam vor den Fernseher setzen oder WGs zu Hause einen Spieleabend machen, sind Singles mit der Wahl konfrontiert, ob sie das Einsamsein aushalten können oder in welchem Maß sie die Corona-Regeln brechen.

Aber wie? Da kommen wir zurück zu den Datingplattformen. Wenn man sich eben nicht in Bars über den Tresen hinweg anflirten, beim neuen Sportkurs kennenlernen oder auf einer Urlaubsreise verlieben kann, sondern seine Aktivitäten und Kontakte einschränken muss, bleibt kaum mehr, als sich die Fotos von Fremden in einer App anzuschauen, zu chatten – und dann? „Wie sieht mein perfektes erstes Date aus?“, ist eine der Fragen, die man beim Anlegen eines Profils bei der App Bumble beantworten soll. „Spazierengehen“ ist keine seltene Antwort in diesen Zeiten. Vielen ist bewusst, dass Vorsicht beim Treffen mit Fremden heute angeratener ist denn je.

Onlinedating

Das Kennenlernen im Internet hatte schon vor der Corona-Krise Konjunktur, aber verschiedene Plattformen verzeichnen seit Beginn der Pandemie einen Anstieg der Aktivitäten.

Tinder , der wohl bekannteste moderne Datingdienst, meldet, dass das „Swipen“ (wischen) - so nennt Tinder das Auswählen potenzieller Partner - vom Februar bis zum Herbst 2020 zweistellig gestiegen sei. Also haben sich einerseits mehr Menschen angemeldet oder jene mit bestehenden Accounts haben diesen mehr genutzt.

Die Videochatfunktion der App wurde in Deutschland Ende Oktober eingeführt. Zwei Drittel der User gaben an, diese Funktion erneut für ein erstes Kennenlernen nutzen zu wollen.

Die Plattform Parship , die sich eher auf die Vermittlung langfristiger Beziehungen fokussiert und dafür unter anderem auf detaillierte Befragungen der Singles setzt, hat in der Zeit vom ersten Lockdown im Frühjahr 2020 bis jetzt immer wieder die Nutzerinnen und Nutzer zu verschiedenen Themen befragt. So gab jede:r Dritte an, unter Einsamkeit zu leiden (37 Prozent). Besonders Männer fühlen sich laut der Befragung in diesen Tagen allein (42 Prozent, Frauen: 33 Prozent).

Jeder fünfte Single geht laut Parship nun gezielter auf Partnersuche: Die Ausnahmesituation habe 19 Prozent der Befragten gezeigt, was ihnen in einer Beziehung besonders wichtig sei. Auf der anderen Seite wollen sich 22 Prozent der Alleinstehenden hingegen erst mal Zeit für sich nehmen. Vor allem Singlefrauen haben ihre Partnersuche daher zunächst auf Eis gelegt (25 Prozent, Männer: 20 Prozent).

Bumble , eine App, die ähnlich funktioniert wie Tinder, bei der aber Frauen den ersten Schritt bei der Kommunikation machen, hat in der Pandemie ebenfalls neue Erkenntnisse über das Datingverhalten ihrer Nutzer:innen gewonnen: 15 Prozent der Menschen auf Bumble seien „New Dawn Daters“ – Personen, die in Folge der Pandemie eine feste Beziehung beendet haben.

Unter den 30- bis 40-Jährigen , die sich gerne binden wollen, suchte etwa die Hälfte nach etwas Ernsthaftem. Bumble nennt es ‚hardballing‘: Man wisse, was man wolle und verbringe keine Zeit mit jemandem, der nicht auf der gleichen Wellenlänge sei. elm

„Wir können uns ja draußen auf einen Kaffee treffen“, ist ein weiterer beliebter Vorschlag für das erste Date. Einige Plattformbetreiber geben ihren Usern sogar Tipps für das richtige Daten in der Pandemie. „Riskierst du, deine Familie oder Kollegen anzustecken?“, fragt zum Beispiel Bumble seine User:innen. Und geht sogar so weit zu postulieren: „Leider ist es so, dass während einer Pandemie dein Intimleben auch andere Leute etwas angeht.“

Psychologin Backhaus sieht das Problem des schnellen Onlinedatings eher woanders als bei der Infektionsgefahr – die Motivation sei schlicht die Falsche. „Viele Alleinstehende sehnen sich gerade jetzt nach echter Nähe, aber diese verwechseln sie oft mit schnellen sexuellen Kontakten.“ Die Einsamkeit – nicht das Alleinsein - manifestiere sich für viele Singles besonders im Fehlen von Berührungen. „Man könnte auch mal einfach eine gute Freundin oder einen guten Freund fragen, ob sie oder er einen lange und fest in den Arm nimmt, das würde schon helfen“, sagt Backhaus. Aber es sei anscheinend leichter, sich bei Tinder, OKCupid oder dergleichen nach Leidensgenossen umzusehen, als dieses Bedürfnis zu äußern.

Backhaus und ihre Kolleg:innen sind froh, dass nun auf die Singles geschaut wird. „Single ist ein Wort, das allzu oft mit Spaß und Ungebundenheit assoziiert wird“, sagt Backhaus. Deshalb bevorzugt sie auch den Ausdruck Alleinstehende. Und der passe momentan eben gut – denn mit Spaß hat die Situation gerade ganz und gar nichts zu tun. Seit Beginn der Pandemie hat Beziehungexpertin Backhaus zweierlei Beobachtungen gemacht: Denjenigen unter den Alleinstehenden, die prinzipiell bindungswillig seien, sei klar geworden, was sie wollten, sie würden sich mehr um ernsthafte Begegnungen bemühen. „Die Pandemie hat ihnen gezeigt, dass sich in ihrem Leben etwas ändern soll und wie schön es wäre, jemanden verlässlich an ihrer Seite zu haben, anstatt weiter nach dem vermeintlich perfekten Partner zu suchen.“

Einige der Menschen, die sich nicht binden wollen oder könnten, seien durch die momentane Situation eher noch frustrierter. Selbst viele von denen, die sonst gut mit dem Alleinsein klarkämen, gerieten an die Grenzen ihres Kompensationsfähigkeiten. Erschöpft, gleichgültig, deprimiert, ausgelaugt. So beschreiben viele Singles ihre Gefühle. „Viele kommen aus der Lethargie nicht mehr raus“, berichtet Backhaus. „Fragen sich, ob es sich für den fünften Kaffee auf Abstand wirklich lohnt, die Jogginghose gegen ein datetaugliches Outfit zu tauschen. Die Anstrengung in diesen psychisch anstrengenden Zeiten ist einfach zu hoch dafür, dass man am Ende doch nicht bekommt, was man will.“ Das inflationäre Flirten, um die Einsamkeit zu bekämpfen, reicht nicht mehr. Dass die Pandemie bei vielen Menschen zu psychischen Problemen führt, ist hinlänglich berichtet worden – da sind auch die Alleinstehenden keine Ausnahme.

„Ich höre von vielen Singles, dass sie am meisten die unbeschwerte Zeit mit Freunden auf Straßenfesten vermissen oder das ungezwungene Zusammensein im Restaurant, bei dem man das Leben spürt. Da geht es gar nicht um eine Partnerin oder einen Partner“, so Backhaus. Wenn man sich besser, zufriedener fühle, flirte es sich schließlich auch leichter.

Der Vorteil, den Singles vermeintlich gegenüber gebundenen Menschen haben – ihre absolute Unabhängigkeit –, ist relativ geworden. Sie können sie kaum nutzen. Spontan übers Wochenende Freunde besuchen? Einen Kurztrip planen? Am Abend einfach nicht nach Hause kommen? Geht nicht. „Nach der Arbeit mache ich Sport, gucke Serien oder lese. Ein Leben am Limit“, fasst es ein Bumble-User sarkastisch zusammen.

Müssen sich Singles oft sehr aktiv um Kontakte außerhalb ihres bestehenden Freundeskreises oder Arbeitsumfelds bemühen, wenn sie neue Leute kennenlernen wollen, fallen viele Möglichkeiten momentan weg. Weinverkostung online, Sprachkurs auf dem Handy, Fitnessvideos auf Youtube, Pubquiz und Escape Room digital – auch wenn man damit gut Zeit mit Freund:innen und Familie verbringen kann, echte Nähe und neue Verbindung zu Menschen kann das alles nicht ersetzen. „In echter Verbindung sein“, sagt auch Psychologin Backhaus, „ist das, was gerade allen Menschen fehlt.“ Und Verbindung entsteht eben auch über Berührungen, Umarmungen, Nähe - ob zur Liebhaberin oder zum besten Kumpel.

Zwei positive Punkte will die Psychologin aber neben all den negativen Aspekten noch anbringen: „Wenn es jetzt bald Frühling wird, wird das allen helfen – und den Alleinstehenden dabei, wieder nach draußen zu gehen und zu flirten - und zwar so, dass es sich gut anfühlt“, ist sie sich sicher.

Und: „Die Pandemie hat vielen geholfen, sich ihrer Bedürfnisse überhaupt erst einmal klarzuwerden. Viele Singles wussten gar nicht, was sie eigentlich wollen und brauchen, waren nicht ganz bei sich. Die, die es noch nicht konnten, haben gelernt, wie alleine sein geht. Das kann hilfreich sein, wenn man die nächste Partnerschaft eingeht. Oder auch, wenn man gerne weiterhin Single bleiben will.“

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