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Arbeitsmigranten wie dieser Mann können in ihren Wohnheimen kaum Abstand halten.

Infektionswelle

Singapur fällt zurück

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Der asiatische Inselstaat erlebt einen Rückschlag im Kampf gegen Corona.

Singapur galt lange Zeit als Musterschüler bei der Virusbekämpfung. Noch als Südkorea mit seiner ersten Infektionswelle zu kämpfen hatte, schloss der südasiatische Inselstaat frühzeitig seine Grenzen zu China. Die Epidemie schien im Keim erstickt, noch ehe sie wirklich ausgebrochen ist. Spätestens seit Mitte April müssen die 5,7 Millionen Singapurer jedoch auf die harte Tour lernen, dass der Kampf gegen Covid-19 kein Sprint, sondern vielmehr ein Marathon ist.

Innerhalb von etwas mehr als zwei Wochen sind die täglichen Wachstumszahlen von einstellig auf dreistellig hochgeschnellt. Am Dienstag haben die Behörden 528 neue Ansteckungen bestätigt, was die Gesamtzahl aller registrierten Covid-19 Fälle auf knapp 15.000 erhöht.

Laut Gesundheitsministerium sind unter den Neuinfizierten nur acht Menschen mit permanenter Aufenthaltserlaubnis. Bei dem Rest handelt es sich ausschließlich um Arbeitsmigranten. Sie stellen knapp 85 Prozent aller Virusfälle. Zudem heißt es aus Regierungskreisen, dass die derzeitigen Infektionszahlen wohl nur die Spitze des Eisbergs sein könnten: Noch immer können viele Ansteckungen nicht zurückverfolgt werden, was auf eine wesentlich höhere Dunkelziffer hindeutet. Sie sind augenscheinlich die Achillesferse der Finanzmetropole: Hunderttausende Arbeiter, vornehmlich aus Indien und Bangladesch, verdienen auf den Baustellen der Stadt auch die Existenz für ihre Familien in ihren Heimatländern.

Für das wohlhabende Singapur ist ihre Arbeitskraft unerlässlich, doch die Migranten leben unter unmenschlichen Bedingungen: Mit über einem Dutzend Personen in beengte Zimmern gepfercht, verlassen sie ihre Wohnheime meist nur für das Pendeln zur Arbeit. In den Wohnanlagen wütet das Virus seit mehreren Wochen weitgehend unkontrolliert und zunächst von den Behörden unbemerkt, wenn auch die Erreger bislang nicht auf andere Gesellschaftsschichten übergegriffen zu haben scheinen.

Dennoch bleibt der „Lockdown“, den Premier Lee Hsien Loong zunächst bis Mai verhängt hatte, nun bis mindestens Juni bestehen. Zuvor war der Alltag in Singapur aufgrund nur weniger Fälle kaum eingeschränkt. Einkaufszentren hatten zunächst geöffnet, sogar der Schulbetrieb wurde aufrechterhalten. Nun jedoch arbeiten ausschließlich systemrelevante Berufsgruppen, und die Einwohner dürfen ihre Wohnungen praktisch nur mehr für Lebensmitteleinkäufe verlassen.

Am Dienstag gab die Regierung an, dass Singapur in eine deutliche Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit und sinkenden Löhnen eintreten werde. Bislang hatten die Finanzbehörden einen Wirtschaftsrückgang zwischen einem und vier Prozent kalkuliert. Nun geht man davon aus, dass der Einbruch deutlicher ausfallen könne – je nachdem, wie rasch die Gesellschaft die exponentielle Wachstumskurve des Virus abflachen kann. Zum Vergleich: Ihre bisher größte Rezession erlitt die Finanzmetropole 1998 bei der asiatischen Finanzkrise, als das Bruttoinlandsprodukt um 2,2 Prozent einbrach.

Viele Golfstaaten haben Lehren aus Singapurs Entwicklung gezogen – und gezielt Massentestungen unter Arbeitsmigranten angeordnet. Saudi-Arabien hat zudem Schulgebäude in Wohnheime umfunktioniert, damit physische Abstandsregeln eingehalten werden können. Auch Singapur hat mittlerweile damit begonnen, negativ getestete Arbeitsmigranten in Militärbasen unterzubringen. Singapurs Minister für Entwicklung sagte am Montag, man werde nun ebenfalls auf eine deutliche Erhöhung der Testkapazitäten setzen.

Premierminister Lee Hsien Loong dankte zuletzt auf Facebook eigens den ausländischen Arbeitskräften. Zugeständnisse für eine Umverteilung in der Gesellschaft hat er jedoch nicht erwähnt.

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