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Sindschar: Sehnsucht nach einem Leben in Frieden

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Von diesem Stützpunkt in Sindschar blieb nach einem türkischen Luftangriff im Februar nicht viel übrig.
Von diesem Stützpunkt in Sindschar blieb nach einem türkischen Luftangriff im Februar nicht viel übrig. © Förster

Wir schauen nach Sindschar: Das jesidische Siedlungsgebiet im Nordirak wird immer wieder vom türkischen Militär angegriffen. Die Geschichte der Minderheit ist von Massakern geprägt. Von Marlene Förster.

Sindschar - Es ist wieder ruhiger geworden in Sindschar. Die glühende Sommerhitze verbreitet eine allgemeine Trägheit. Doch vor nicht allzu langer Zeit wurde die Bevölkerung der Kleinstadt Sinun harsch aus ihrem Alltag gerissen: Am 15. Juni bombardieren türkische Drohnen das Haus des Volksrates und einen anliegenden Schreibwarenladen. Salah Nassir, der zwölfjährige Sohn des Ladenbesitzers, stirbt noch vor Ort. Rund eine Woche später erliegt eine weitere Person im Krankenhaus ihren Verletzungen. Es ist seit 2017 der 13. türkische Angriff.

Die Trümmer sind grob zusammengeräumt, und auch das Medieninteresse, nicht zuletzt wegen des Ukraine-Krieges ohnehin schwach, hat weiter abgenommen. Die Menschen beleben die Straßen, Höfe werden geschrubbt und überall spielen Kinder. Wieder einmal geht alles seinen gewohnten Gang. „Wenn ich mich nach den täglichen Bedrohungen und meiner Angst richten würde, dann könnte ich nicht mehr vor die Tür gehen, niemanden treffen, keine Feierlichkeiten besuchen. Ohne gestorben zu sein, würde ich doch nicht mehr leben“, sagt Barzan Emo während einer Fahrt durch die Berge. So geht es nicht nur Barzan. Es ist zur Gewohnheit geworden, was niemals Gewohnheit werden sollte: tägliche Angst und Sorge um Familienangehörige, Freund:innen und um das eigene Leben.

Die jesidische Gemeinschaft heute von der Auslöschung bedroht

Barzan Emo ist Jeside und lebt in Sindschar, der größten Stadt in der gleichnamigen Region. Das größte verbliebene Siedlungsgebiet der Jesid:innen verteilt sich rund um eine Bergkette im Norden des Iraks. Die Berge sind für die Menschen in der Region nicht nur geographisches, sondern auch ideelles Zentrum der Region. Dort befinden sich die meisten Tempel und heilige Stätten. Der jesidische Glaube ist tief verbunden mit der Natur. So haben Tiere wie Schlange und vor allem der Pfau eine besondere Bedeutung, aber auch die Sonne, in deren Richtung gebetet wird.

Als Jesid:in wird man geboren, beitreten kann man nicht. Das bedeutet zum einen eine in sich geschlossene Gemeinschaft. Zum anderen ist das Jesidentum, eine der ältesten noch bestehenden Religionen, sehr friedlich geprägt, da nicht versucht wird, zu missionieren. Durch jahrhundertelange Verfolgung ist die jesidische Gemeinschaft heute von der Auslöschung bedroht. Sie war immer wieder Massakern ausgesetzt. Zuletzt verübte der sogenannte Islamische Staat (IS) 2014 einen Genozid.

Sindschar ist eines von mehreren sogenannten „umstrittenen“ Gebieten im Irak. Sowohl die irakische Regierung mit Sitz in Bagdad als auch die kurdische Autonomieregion im Norden des Irak, in der die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) regiert, erheben Anspruch auf die Region. Nicht selten führt diese Rivalität zu offenen Konflikten, auch wird das Gebiet strukturell vernachlässigt. Nach dem Sturz Saddam Husseins 2003 übernahm die KDP zwar faktisch die Regierungskontrolle über die Region, an der prekären Situation der Jesid:innen änderte das aber nichts. Im Gegenteil berichten viele Menschen von einer diskriminierenden Politik der KDP gegenüber ihrer Glaubensgemeinschaft. Auch ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten verschärften sich enorm.

In einer Nacht im August 2014 griff der IS das erste Dorf in der Region Sindschar an

Kurz vor Beginn des Genozids 2014 stand die Region somit maßgeblich unter der Kontrolle der Peschmerga – der militärischen Kräfte der kurdischen Autonomieregion – sowie einiger Truppen des irakischen Militärs. Nachdem jedoch der IS die nahegelegene Stadt Mossul eingenommen hatte und weiter in Richtung Sindschar zog, flüchteten die irakischen Sicherheitskräfte aus der Region. Kurze Zeit später taten es ihnen die kurdischen Peschmerga trotz zahlenmäßiger Überlegenheit und besserer Ausrüstung gleich. Was folgte, bezeichnen die Jesid:innen als den 74. Genozid in ihrer Geschichte.

In der Nacht auf den 3. August 2014 griff der IS das erste Dorf in der Region Sindschar an. Die Bevölkerung, bestehend aus Jesid:innen und Muslim:innen, verteidigte sich mit ihren sehr begrenzten Mitteln und konnte den IS kurzzeitig zurückschlagen. Der zweite Angriff ereignete sich unmittelbar darauf in den frühen Morgenstunden. Als der Widerstand wegen Munitionsmangel gebrochen wurde, nahm der IS das Dorf ein. In kurzer Zeit brachte er auch die umliegenden Dörfer und Städte unter seine Kontrolle. Hunderte Menschen wurden getötet, Tausende entführt. Rund 50.000 Menschen, mehrheitlich Jesid:innen, aber auch Christ:innen und schiitischen Muslim:innen, gelang die beschwerliche Flucht durch die Sommerhitze in die rettenden Berge.

Gedenken an vom türkischen und irakischen Militär getötete Männer. Marlene Förster (3)
Gedenken an vom türkischen und irakischen Militär getötete Männer. © Förster

Dort fehlte es an Nahrungsmitteln und Wasser. Die von der internationalen Gemeinschaft organisierte Hilfe reichte bei weitem nicht. So mussten sich die Menschen ihre Versorgung und militärischen Schutz selbst organisieren. Gemeinsam mit Kämpfer:innen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) schafften sie es, zunächst die Berge zu verteidigen. Als am 6. August Kämpfer:innen aus Rojava im Nordosten Syriens die Belagerung des Sindschar-Gebirges durch den IS durchbrachen, konnte gemeinsam ein Fluchtkorridor erkämpft werden. 35 000 Menschen erreichten auf diesem Wege die sichere Region Rojava. Die Verbliebenen bildeten das Fundament für die „Widerstandseinheiten“ Sindschars (YBS/YJS), die noch im gleichen Jahr, im Dezember 2014, mit der Befreiung der Stadt Sindschar sowie der umliegenden Dörfer begannen. In den folgenden Jahren konnte die gesamte Region vom IS befreit werden.

Ein Monat Haft im Irak

FR-Autorin Marlene Förster, die in Darmstadt geboren und aufgewachsen ist, wurde am 20. April bei Recherchen im Nordirak zusammen mit dem slowenischen Journalisten Matej Kavcic verhaftet und nach Bagdad gebracht.

Einen Monat lang wurden die 29-Jährige und ihr Kollege in einem Gefängnis des irakischen Geheimdienstes eingesperrt. Zunächst war Förster Terrorunterstützung vorgeworfen worden. Am 20. Mai wurden die Journalistin und ihr Kollege dann überraschend aus der Haft entlassen und abgeschoben.

Der Solidaritätskreis „Free Marlene and Matej“ setzte sich in mehreren Städten für die Freilassung der beiden ein. Eine entsprechende Petition wurde von mehr als 56.000 Menschen unterstützt.

In Darmstadt unterstützten am Abend vor ihrer Freilassung alle Stadtverordneten einen fraktionsübergreifenden Dringlichkeitsantrag, in dem die „dringende Bitte“ an das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft im Irak formuliert wurde, bei den irakischen Behörden „mit hoher Priorität auf die Freilassung der beiden Inhaftierten hinzuwirken“.

Ein Prozess gegen Förster wegen des Vorwurfs der Spionage und des Verstoßes gegen Aufenthaltstitel ist inzwischen offenbar abgeschlossen. Über den Ausgang des Verfahrens erhielten ihre Anwälte bislang aber keine Auskünfte. jjo

Zur Serie:

Die vergessenen Konflikte: In dieser Serie lenken wir den Blick auf Regionen und Länder, die im Schatten stehen, in denen Mächtige gezielt unter dem Radar agieren und für sich ausnutzen, dass der Fokus der Weltöffentlichkeit auf dem Krieg in der Ukraine liegt. Sie treiben Krisen voran, schüren Missstände, schränken Menschenrechte ein.

In der zehnten Folge am Donnerstag, 25. August, spricht der Politikwissenschaftler José Miguel Cruz über Kriminalität und gefährliche Jugendbanden in El Salvador.

Die Jesid:innen Sindschars sprechen oft über ihre Erfahrungen: Widerstand, Flucht, Verschleppung und Märsche bei glühender Hitze. Sie berichten von Verlust, aber auch von Solidarität und Freundschaft. In den Bergen stehen noch immer Zelte aus dem Sommer 2014. Manche leben dort dauerhaft, sie wollen in den Bergen bleiben, fühlen sich dort sicher. Andere können es sich nicht leisten, ihre Häuser wieder aufzubauen.

Auch wenn sich die Geschichten und die heutigen Lebenswirklichkeiten innerhalb der jesidischen Gemeinschaft unterscheiden, sind sich alle, die in die Berge fliehen mussten, einig, dass es die Jesid:innen von Sindschar ohne die Unterstützung der PKK heute nicht mehr geben würde. „Wie kann es sein, dass die PKK in Europa und den USA immer noch als Terrororganisation gilt, während sie für uns und Tausende Menschen die Rettung bedeutete“, fragt sich Suham Shingali, eine junge Frau aus Sindschar. Auch sie und ihre Familie flohen 2014 in die Berge. Zu dieser Zeit lernten sie auch die Ideen Abdullah Öcalans von einer demokratischen Selbstverwaltung und einem ökologischem und geschlechtergerechtem Zusammenleben kennen. „Diese Ideen haben uns neuen Lebensmut und Hoffnung gegeben. Sie stellen die Lösung für Jahrhunderte alte Probleme, Unterdrückung und Verfolgung dar“, ist sie überzeugt. „Die Gesellschaften hier in der Region könnten so endlich in Frieden zusammenleben. Aber die andauernden Angriffe verhindern das. Sie zielen darauf ab, die Menschen weiterhin zu spalten und gegeneinander auszuspielen.“

Die jesidische Gemeinschaft organisiert sich basisdemokratisch

Fast zeitgleich zu den militärischen Selbstverteidigungseinheiten haben sich auch politische Strukturen entwickelt. Die jesidische Gemeinschaft begann, sich nach basisdemokratischen Strukturen zu organisieren und für die grundlegenden Dinge zu sorgen. Bäckereien und kleine wirtschaftliche Projekte wie Baumschulen wurden für die Versorgung aufgebaut. Es gibt eine Stadtverwaltung, die sich um große Teile der Müllentsorgung, Stromversorgung und andere öffentliche Belange kümmert. Zudem gibt es demokratisch gewählte Volksräte, die sich mit den Alltagsproblemen der Menschen vor Ort beschäftigen. Das Vertrauen in die staatlichen Strukturen ist spätestens seit dem Genozid tief erschüttert. Die Menschen fordern Selbstbestimmung und wollen vor allem selbst für ihre Sicherheit sorgen. Die Autonomieverwaltung Sindschars schließt inzwischen nicht nur Jesid:innen, sondern auch schiitische und christliche Menschen ein. Ziel ist kein eigener Nationalstaat, sondern ein autonomer Status im irakischen Staat. Die Möglichkeit dazu ist in der irakischen Verfassung grundsätzlich gegeben.

Sowohl der irakische Staat als auch die Autonome Region Kurdistans haben andere Pläne mit der Region. Haben politische Konflikte zwischen den beiden Parteien in 2017 noch zu militärischen Kämpfen geführt, so sind sie sich bezüglich Sindschars inzwischen einig: Die Autonomieverwaltung der Region durch die jesidische Bevölkerung ist nicht zu akzeptieren, zu wichtig ist Sindschars geostrategische Position für alle umliegenden Akteur:innen.

„Die größte Gefahr heute ist die Türkei“, sagt die junge Jesidin

Diese Einigkeit findet Ausdruck im Bagdad-Erbil-Abkommen. Es sieht vor, dass die Verwaltung Sindschars in die Hände der kurdischen Autonomieregion übergeht, während die irakischen Streitkräfte die militärische Macht übernehmen. Die Autonomieverwaltung sowie die „Widerstandseinheiten“ YBS/YJS, sollen demnach entmachtet und aufgelöst werden. Doch die Bevölkerung Sindschars, die an der Ausgestaltung des Abkommens nicht beteiligt war, sowie zahlreiche jesidische Organisationen üben heftige Kritik.

„Nach dem Genozid 2014 durch den IS ist die größte Gefahr heute die Türkei“, sagt die junge Jesidin Suham Shingali. Seit 2017 kommt es in Sindschar kontinuierlich zu türkischen Luftangriffen. Dabei werden neben den Strukturen der YBS/YJS auch immer wieder zivile Orte zum Ziel. Dazu heißt es auf der Homepage der „Free Yezidi Foundation“: „Geopolitische Interessen der Türkei und des Iran erschweren die äußerst heikle Sicherheitslage. So haben beispielsweise zahlreiche Luftangriffe der Türkei, die angeblich gegen die PKK gerichtet waren, nicht nur Tausende von Menschenleben gefährdet, sondern auch Angst und Zweifel bei jesidischen Familien geweckt, die eine Rückkehr nach Sindschar in Erwägung ziehen.“

Die Jesiden bilden eine in sich geschlossene Gemeinschaft.
Die Jesiden bilden eine in sich geschlossene Gemeinschaft. © Förster

Die Opfer seien letztlich die Jesid:innen Sindschars. Als im Dezember vergangenen Jahres Merwan Bedel, der in der Autonomieverwaltung eine wichtige Rolle spielte, von einer türkischen Drohne getötet wurde, sei für viele eine Welt zusammengebrochen. „Er stand für so viel: den Widerstand gegen den IS, unsere jesidische Kultur und vor allem für die Hoffnung auf eine gemeinsame und friedliche Zukunft. Er und die vielen anderen, die sich für unsere Gemeinschaft einsetzten, geben mir die Kraft, weiterzumachen“, sagt Suham Shingali.

Dass die Türkei ihre Angriffe endlich einstellt, fordert auch Riham Hesen. Die 23-jährige ist Ko-Vorsitzende der Exekutivkommission der Autonomieverwaltung Sindschars. „Viele Menschen hier fühlen sich von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen. Die meisten Staaten der EU, auch die deutsche Bundesregierung, legitimieren durch ihr Schweigen die völkerrechtswidrigen Angriffe des türkischen Staates: nicht nur in Nord- und Ostsyrien, sondern auch hier in Sindschar“, kritisiert sie. „Wo bleiben da Demokratie und Menschenrechte, von denen immer gesprochen wird?“

Auch der Jeside Barzan Emo wünscht sich, dass die Welt endlich auch nach Sindschar schaut und die Angriffe durch den türkischen Staat, die irakische Regierung und die KDP gestoppt werden. Damit die Menschen in der Region endlich friedlich und selbstbestimmt leben können. (Marlene Förster)

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