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Sind zwei Köchinnen eine zu viel?

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Von: Stefan Brändle

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Christiane Taubira, ehemalige linkssozialistische Ministerin in Frankreich, besucht den Sitz von ResoNantes, einer Vereinigung, die gegen häusliche Gewalt kämpft.
Christiane Taubira, ehemalige linkssozialistische Ministerin in Frankreich, besucht den Sitz von ResoNantes, einer Vereinigung, die gegen häusliche Gewalt kämpft. © Jeremias Gonzalez/dpa

Frankreichs Linke hat mit Christiane Taubira eine Kandidatin mehr – doch fürchtet ein kostspieliges Stimmengerangel.

Sie will es nochmal wissen. Die ehemalige Justizministerin Christiane Taubira hat sich am Samstag in Lyon in die bereits dichte Riege linker Präsidentschaftskandidatinnen und -kandidaten eingereiht. Die bald 70-jährige Politikerin aus dem Überseedepartment Französisch-Guayana steht für einen progressiven Linkskurs und ist in ihrem Lager sehr populär. Mit der späten Bewerbung weniger als drei Monate vor dem ersten Wahlgang will sie, wie sie sagte, ihr Lager hinter sich einen. In gewisser Weise präsentiert sie sich als „femme de providence“ („Frau der Vorsehung“), die über den Parteien steht. Nie erwähnt sie ihre angestammte „Linksradikale Partei“ (PRG), eine Juniorpartnerin der Sozialistischen Partei.

Diese wirft Taubira vor, die Linke nicht zu einen, sondern noch ganz zu spalten, indem sie nur „Verwirrung und Zerstreuung“ säe. „Warum kandidiert sie überhaupt?“, fragte am Sonntag die Kandidatin der Sozialisten, die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Inhaltlich liegen die beiden Frauen auf einer Linie. Taubira verspricht allen jungen Menschen ein Universaleinkommen von 800 Euro im Monat; den Mindestlohn will sie massiv auf 1400 Euro anheben und Bioprodukte von der Warenumsatzsteuer befreien. Hidalgo will ihrerseits den Mindestlohn um 15 Prozent erhöhen, die Löhne von Lehrerinnen und Lehrern nahezu verdoppeln und eine Klima-Vermögenssteuer einrichten.

Bloß: Zwei Köchinnen sind eine zu viel. Hidalgo-Anhänger:innen erinnern Taubira daran, dass ihre Kandidatur bei der Präsidentenwahl 2002 dem Sozialisten Lionel Jospin etliche Stimmen gekostet hatten – weshalb der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen knapp in die Stichwahl vorstoßen konnte.

Zwanzig Jahre später könnte sich Ähnliches wiederholen: Taubira kommt in einer ersten Umfrage auf 4,5 Prozent, Hidalgo auf 3,5 Prozent. Das viel ist zu wenig, um in den zweiten Wahlgang vorzustoßen. Aber es wäre genug, um die beiden linken und grünen Favoriten Jean-Luc Mélenchon (9 Prozent) und Yannick Jadot (7 Prozent) daran zu hindern.

Damit liegt die Linke weit abgeschlagen hinter den drei rechten Kandidaten Eric Zemmour (14 Prozent), Marine Le Pen und Valérie Pécresse (beide 17 Prozent) und noch klarer hinter dem amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron (26 Prozent). Seine Leaderstellung kann sich in den zwei Wahlgängen noch ändern. Die Linke hingegen scheint schon heute nicht mehr in der Lage, darauf einzuwirken.

Das Gerangel in ihrem Lager veranlasst nun einen – von einem jungen Ehepaar lancierten – Bürgerverband, unter sieben Linkskandidat:innen eine „Volksprimärwahl“ („primaire populaire“) durchzuführen. 120 000 Menschen haben sich im Internet für die Abstimmung angemeldet. Alle großen Namen der Linken sind einbezogen, obwohl Mélenchon wie Jadot von Beginn an klargemacht haben, dass sie auf jeden Fall zur Präsidentschaftswahl anträten. Das gilt nun auch für Hidalgo, die wegen Taubira ausgestiegen ist.

Nur Taubira erklärt heute, sie würde das Ergebnis der „primaire populaire“ Ende Januar akzeptieren. Der Grüne Jadot, der sich in einer hart umkämpften parteiinternen Wahl durchgesetzt hatte, bezeichnet die Volksprimärwahl als „Betrug“. Mélenchon meinte nur, man solle ihn mit solchen Planspielen „in Ruhe lassen“. Am Sonntag trat der Linkstribun in Nantes auf. In seiner Soloshow sprach Mélenchon über die Änderungen im Meer, dem Weltraum und der digitalen Revolution. Das klang Lichtjahre entfernt vom Wahlstreit der Linken.

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