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"Mir ist zum Weinen zumute" sagt Zeynep Potente im Interview mit der FR über die Lage ihres Vaters, der sich seit 13 Monaten in türkischer Haft befindet.

Erdogan-Besuch

"Das sind keine rechtsstaatlichen Verhältnisse"

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Seit 13 Monaten sitzt der Vater von Zeynep Potente in Erdogans Türkei im Gefängnis, ohne Anklage oder Beweise gegen ihn. Im Interview mit der FR spricht die Ärztin über den Zustand ihres Vaters und die Hintergründe seiner Haft.

Frau Potente, der türkische Präsident Recep Tayyip  Erdogan ist seit gestern in Deutschland. Wenn Sie ihn treffen könnten, was würden Sie ihm gern sagen?
Ich würde ihn bitten, meinen Vater und alle anderen, die ohne Anklage und ohne Beweise im Gefängnis sitzen, freizulassen. Oder zumindest die Prozesse zu beschleunigen, damit diese Menschen endlich wissen, was Ihnen vorgeworfen wird.

Erdogan begegnet solchen Bitten mit dem Hinweis, das sei Sache der türkischen Justiz. Was bringt Sie zu dem Schluss, dass es sich bei Ihrem Vater um ein politisches Verfahren handelt?
Allein die Tatsache, dass er mehr als 13 Monate ohne Anklage in Isolationshaft gehalten wird, spricht für eine politische Motivation.  Mein Vater stand den  politischen Säuberungen, bei denen  so viele Menschen aus dem Staatsdienst entlassen und inhaftiert wurden kritisch gegenüber.

Er war gegen die Schwächung des türkischen Rechtsstaates. In unserem Fall ist es so, dass alle unsere Anfragen an die Justiz abgeschmettert werden. Wir dringen gar nicht vor. Das sind keine rechtsstaatlichen Verhältnisse. Mein Vater ist seit 13 Monaten in Haft, und unsere Anwälte haben noch nicht einmal Einblick in seine Akte. Mittlerweile ist der dritte Staatsanwalt mit seinem Fall beschäftigt.

Wenn es sich um ein politisches Verfahren handelt, warum Ihr Vater?
Ich kann es Ihnen nicht sagen, da es keine Anklage gibt. Es gibt den Vorwurf, dass er Straftaten für eine Terrororganisation begangen haben soll, gemeint ist die Gülen Bewegung. Er soll einem vermeintlichen Gülen Anhänger geholfen haben, aus der Türkei auszureisen.

Was steckt dann hinter der Festnahme?
Wir vermuten, dass es die Kritik meines Vaters an der türkischen Regierung ist. Es kann auch sein, dass er sich wegen seiner Vergangenheit als politischer Berater und prominenter Kritiker Russlands Feinde gemacht hat. Wir vermuten, dass er Spielball politischer Interessen ist.

Ihr Vater ist seit August 2017 in Haft, in einem Hochsicherheitsgefängnis in Ankara. Wie ergeht es ihm da?
Die Haft macht meinem Vater sehr zu schaffen. Er hat eine Stunde am Tag Hofgang, ansonsten ist er allein in seiner kleinen Zelle. Er darf lesen und schreiben, aber er ist in Isolationshaft, hat keinen Kontakt zu anderen Häftlingen. Mein Vater war immer ein Optimist und auch wir haben lange gehofft, dass man ihn wieder freilässt. Mit jedem Tag wird es aber schlimmer für ihn, auch psychisch. Weil es gar keine Perspektive gibt.

Wie ist sein Gesundheitszustand?
Er hat eine Schilddrüsenüberfunktion, die eine Zeit lang gar nicht beherrscht werden konnte. Zudem hatte er Herzrasen und Herzrhythmusstörungen. Die Ärzte im Gefängnis haben das nicht in den Griff bekommen. Es wurde aber  auch nicht erlaubt, ihn in eine Klinik zu verlegen. Erst als wir an die Öffentlichkeit gegangen sind und beklagt haben, dass er keine ausreichende medizinische Hilfe bekomme, ging das auf einmal. Sein Alter, er wird 74, macht sich da natürlich auch bemerkbar.

Wie funktioniert der Kontakt zu ihm?
Während des Ausnahmezustands durfte er alle zwei Wochen Familienbesuch haben, mittlerweile einmal die Woche. Meistens getrennt durch eine Glasscheibe, alle vier Wochen wird ein offener Besuch gestattet. Und seine Anwälte dürfen ihn auch sehen. Das ist etwas Positives.

Andere Deutschtürken mit doppelter Staatsbürgerschaft wie Deniz Yücel und Mesale Tolu sind in den vergangenen Monaten freigekommen. Wie erklären Sie es sich, dass Ihr Vater weiter im Gefängnis ist?
Er hat einfach nicht die Bekanntheit. Journalisten stehen ja auch mehr in der Öffentlichkeit. Mein Vater ist zwar in der Türkei eine bekannte Persönlichkeit, aber eben nicht in Deutschland. Wir haben ja auch lange geschwiegen, weil wir dachten, dass sich seine Situation verschlechtern könnte, wenn wir an die Öffentlichkeit gehen. Unsere Anwälte hatten uns auch dazu geraten.

Ein Großteil Ihrer Familie lebt nach wie vor in der Türkei, auch Ihre Mutter und Ihre Schwestern. Hat die Sorge um sie auch eine Rolle gespielt bei Ihrer Zurückhaltung?
In türkischen Medien ist von Anfang an viel über meinen Vater berichtet worden, mit vielen völlig falschen Vorwürfen. Das war eine regelrechte Hetzjagd auf unsere Familie, ohne die Möglichkeit, dem zu widersprechen. Meine beiden Schwestern müssen natürlich aufpassen, was sie sagen. Sie dürfen die Regierung nicht kritisieren. Meine mittlere Schwester muss sich um meine Mutter kümmern. Meine jüngere Schwester ist selbst Juristin, ihr Mann war Dozent für Menschenrechte an der Marmara-Universität, er ist ebenfalls seit August 2017 ohne Anklage inhaftiert.

Was haben Sie unternommen, um Ihren Vater freizubekommen?
Wir haben das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in der Türkei kontaktiert. Die Lage ist schwierig, weil mein Vater die doppelte Staatsangehörigkeit hat. Wir versuchen, die deutschen Medien für den Fall zu interessieren. Und wir haben zwei Anwälte in der Türkei, die meinen Vater vertreten.

Erfahren Sie Unterstützung durch die Bundesregierung?
Ja, der deutsche Botschafter hat meinen Vater besucht. Wir hoffen natürlich, dass sich die Bundesregierung auch jetzt bei dem Erdogan-Besuch für meinen Vater einsetzt. Dass sie Druck macht, damit unschuldig inhaftierte Menschen wie er freikommen.

Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Bereitschaft in der deutschen Bevölkerung, sich mit dem zu beschäftigen, was in der Türkei geschieht?
In dieser Woche ist das Thema natürlich hoch aktuell -, aber vielleicht sieht es nächste Woche wieder ganz anders aus. Solange es neue Nachrichten zu Menschenrechtsverletzungen gibt oder Ähnlichem, bleibt die Situation in der Türkei in den Köpfen präsent. Deshalb ist es wichtig, dass immer wieder darüber berichtet wird.

Sie sorgen sich, dass das Thema von der Agenda rutschen könnte?
Natürlich! Das gilt für mich selbst ja auch in gewissem Maße. Wenn ich darüber nachdenke, dass mein Vater seit 13 Monaten im Gefängnis sitzt, dass er körperlich so stark abgebaut hat, ist mir zum Weinen zumute. Aber irgendwie verdrängt man das im Alltag auch. Man muss ja sein Leben irgendwie weiterleben. Ich  versuche allerdings von Deutschland aus alles zu tun, um ihm zu helfen. Ich habe zum Beispiel eine Petition an die Bundeskanzlerin, den Bundesaußenminister und den Bundespräsidenten ins Leben gerufen, um seine Freilassung zu erwirken.

Weil das von hier aus auch eher möglich ist?
Ja. Ich kann hier Proteste gegen die türkische Regierung organisieren, meine Schwestern können das nicht, sie müssen in der Türkei sehr vorsichtig sein. Leider muss ich es vermeiden, in die Türkei zu reisen. Mir wurde davon abgeraten. Natürlich fällt mir das schwer, weil ich meine Familie sehr vermisse. Wir müssen andere Wege finden zusammenzukommen, uns beispielsweise irgendwo im Ausland oder hier in Deutschland treffen. Das ist nicht einfach. Meinen Vater habe ich seit 14 Monaten nicht gesehen. 

Interview: Nadja Erb

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