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60 JAHRE DANACH

Wir sind jung

Gerda Isfort lebte als 20-Jährige in Gelsenkirchen, als der Krieg zu Ende ging. Zwölf Tage, nachdem sie am 14. März den letzten der hier wiedergegebenen Briefe an ihren Verlobten geschrieben hatte, floh sie mit ihrer Mutter nach Horstmar, einem Dorf im Münsterland. Mit ihren zwei Koffern auf einem Kinderwagen kamen sie dort zu Fuß am 27. März an.

3. März 45: De Front im Westen rückt immer näher. Wir haben uns aber fest entschlossen, wenn es eben möglich ist, hier zu bleiben.

4. März 45: Unsere ganze Stadt ist aufgeregt bei dem Gedanken, dass der Engländer auch bald hier sein könnte. Doch alle sind sich einig, nicht flüchten zu gehen, sondern im Keller auszuharren, bis alles vorüber ist. Hier haben wir wenigstens noch Kartoffeln, auf der Landstraße aber würden wir am Weg verhungern. Ich bin jetzt ganz ruhig, wenn ich an die kommenden Wochen denke. Die Luft ist genau so mit Spannung geladen wie manchmal an einem schwülen Sommertag. Drückend legt sie sich auf Mensch und Tier. Jedes Lebewesen hält den Atem an. Alles zittert vor dem ersten Donnerschlag, und doch sehnt ihn jeder herbei, damit dieser furchtbaren, unheimlichen Stille ein Ende gemacht wird. Und wenn das Unwetter noch so tobt - man weiß, bald hat es sich entladen, ist der Höhepunkt erreicht. Wenn das Unwetter auch die Felder verwüstet, die Bäume geknickt hat, wenn Häuser in Flammen aufgegangen sind - es wird wieder aufgebaut, wenn wieder Ruhe herrscht, langsam, mühselig, doch es wird!

Wir zwei sind jung, wir haben Hände, um zu arbeiten und wir werden sie auch dazu gebrauchen. Und wenn ich jeden Stein einzeln zusammensuchen und aufschichten müßte, um uns ein Heim zu schaffen. Nur Ruhe und Frieden müßten wir haben!

6. März 45: Gestern hat hier wieder ein Bombenangriff stattgefunden. Wieder ist unser Stadtviertel, vor allem Schalke, mit Minen und Sprengbomben überschüttet worden. Drei Bomben fielen auf den Bunker; ich dachte, er platzt auseinander. Das Haus, in dem wir eine Behelfswohnung gefunden haben, steht eisern. Ein Quadratmeter großer Block ist jetzt aus der Wand gefallen. Es sieht ulkig aus, wie ein großes Fenster. Wir können unseren Nachbarn jetzt durch die Öffnung schön "Guten Morgen" sagen.

14. März 45: Heute hatten wir von morgens 10.30 bis 18.30 Uhr Alarm. Nun haben wir eine Stunde Ruhe und dann gehts wohl wieder in den Bunker. Du weißt ja selbst, was hier im Ruhrgebiet, überhaupt in ganz Deutschland, vor sich geht. Es ist entsetzlich! Man sieht nur zerstörte Wohnstätten, hungrige Menschen, hört nur Elend, Not und Leid, viel Leid. Man geht vorüber, selbst müde abgestumpft. - Trotzdem das Leben jetzt fast unerträglich geworden ist, wehre ich mich ganz kräftig gegen Mutlosigkeit und Verzweiflung. Mit allen Fasern meines Herzens hoffe ich auf eine bessere Zukunft.

Gerda Isfort, Schöppingen

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten 60 Jahre danach

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