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Klares Statement.

Brexit-Gegner

Sie sind gekommen, um zu bleiben

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Rund 700 000 Briten demonstrieren gegen den Brexit und fordern eine zweite Volksabstimmung.

Suzanne Watts ist aus der 40 Kilometer entfernten Vorstadt Hemel Hempstead nach London gekommen. Mit einer Maske als Theresa May getarnt, zerrt sie das gefesselte und geknebelte Großbritannien, dargestellt von Watts Geschäftspartner Sherief Hassan, durch die Straßen von London.

„No influence“, kein Einfluss steht auf einem Pappschild an Hassans Handgelenk. „Die Premierministerin führt das Land in die Irre“, sagt Watts zur Begründung und freut sich über ihre vielen Mitdemonstranten. „Wir müssen den Brexit aufhalten. Dazu braucht es eine zweite Volksabstimmung.“

Diese Forderung ist es, die an einem warmen Oktobersamstag knapp 700 000 Menschen aus dem ganzen Land in der Hauptstadt zusammengebracht hat. Rund 100 000 waren auch früher schon gegen den Brexit auf der Straße. Dass es diesmal rund sieben Mal so viele Anhänger des EU-Verbleibs sind, dürfte dem größer werdenden Termindruck geschuldet sein: Dem Willen von Parlament und Regierung zufolge soll das Königreich Ende März 2019 die EU verlassen.

Stundenlang schiebt sich der bunte Zug durch London, von Hyde Park Corner über Piccadilly und Pall Mall bis zum Parliament Square. Dort werben Politiker aller Schattierungen, von Londons Labour-Bürgermeister Sadiq Khan über den Liberaldemokratenchef Vincent Cable bis zur prominenten Tory-Abgeordneten Anna Soubry, für eine zweite Volksabstimmung. Denn, sagt der frühere Labour-Spindoktor Alastair Campbell: „Der versprochene Brexit, für den die Mehrheit gestimmt hat, existiert gar nicht.“

Allerdings gibt es trotz der festgefahrenen Verhandlungen mit der EU noch immer viele Brexit-Willige auf der Insel. Umfragen zufolge würde mittlerweile eine hauchdünne Mehrheit für den Verbleib stimmen; sämtliche Zahlen bewegen sich aber im statistischen Mittel. Auf der Demo sind überwiegend jene vertreten, die schon immer für den Verbleib eintraten. Diese EU-Freunde sind statistisch gesehen jünger, besser ausgebildet und materiell erfolgreicher, neigen aber auch dazu, die Brexiteers für ein wenig minderbemittelt zu halten.

Er bewundere die Demonstranten, teilt der liberale Tory-Abgeordnete Nick Boles auf Twitter mit und schiebt nach: „Aber ein zweites Referendum würde die Teilung unseres Landes verschlimmern und Extremisten Tür und Tor öffnen.“ Der frühere Parteivordenker sucht den Ausweg aus dem Brexit-Dilemma hingegen in einer temporären Mitgliedschaft seines Landes in der Freihandelszone Efta, der die Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein angehören. Premierministerin May, so der normalerweise loyale Boles, verliere zunehmend „das Vertrauen von Fraktionsmitgliedern unterschiedlicher Schattierungen“.

Anhand solcher Meinungsäußerungen mehrten sich am Wochenende die Spekulationen, die Konservativen könnten ihre Vorsitzende zugunsten eines Kompromisskandidaten stürzen.

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