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Frauen argumentieren nicht, sie meckern. Frauen führen keinen Streit, sondern Zickenkrieg. Frauen messen nicht ihre Fähigkeiten, sie sind stutenbissig. Mäährken Sie sich das!

Schlampen

Wir sind so frei

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Warum es in der Politik die unordentlichen Frauen braucht.

Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune. Ich mach‘ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt!“ Die Kleine mit den roten Zöpfen hat keine Lust, sich an die Regeln zu halten. Sie fügt sich nicht in die Rolle, die die Gesellschaft ihr vorschreibt. Sie hat Löcher in den Strümpfen, ein Pferd auf der Veranda und ihre dreckigen Füße auf dem Kopfkissen. Sie schläft lange und tut dann, worauf sie Lust hat. Sie legt sich mit dem System an: der Lehrerin, dem Immobilienbonzen, dem Direktor. Pippi Langstrumpf ist die bekannteste Schlampe der Kinderliteratur – und taugt gerade deshalb als Vorbild für feministischen Aktivismus. Nicht weil das Wort „Schlampe“ als politischer Kampfbegriff unbestreitbar wirkmächtig wäre. Sondern weil es zu allen Zeiten die „unordentlichen Frauen“ braucht, um sich einer überkommenen Ordnung zu widersetzen. Die Freiheit, die dem Regelbruch folgt, lässt sich nutzen, um neue, bessere Regeln zu finden.

Dabei spielt es keine Rolle, ob es den selbsternannten Schlampen, die seit Jahren für das Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung auf die Straße gehen, gelungen ist, die Beleidigung positiv zu adaptieren. Man muss sich nicht selbst als Schlampe bezeichnen (wollen), um sich gegen ein System zu wehren, das sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Frauen verharmlost. Keine Frau ist selbst schuld daran, wenn sie vergewaltigt wird – das ist die Botschaft der „Slut Walks“, deren Organisatorinnen es im Übrigen jeder freistellt, ob sie in Netzstrümpfen und bauchfreiem Top mitdemonstrieren will oder im Tweedkostüm mit hochgeschlossener Bluse. 

Das Gefühl individueller (sexueller) Freiheit und im Einzelfall gelungener Selbstverwirklichung täuscht heute vielfach darüber hinweg, dass strukturelle Diskriminierung von Frauen nach wie vor besteht. Die Revolution sei an entscheidender Stelle stehengeblieben, konstatiert die Autorin Margarete Stokowski in ihrem Buch „Untenrum frei“, das – vor gerade mal zwei Jahren veröffentlicht – schon als Standardwerk des neuen Feminismus gelten kann. Sie stellt fest: „Es hängt an uns wie ein postmoderner Klotz am Bein, dass unser Selbstverständnis als freie, aufgeklärte Individuen sich damit widerspricht, kollektive Schieflagen (…) zu erkennen.“
Stokowski und ihre Mitstreiterinnen zeigen, wie sich bestimmte Rollenbilder stets aufs Neue manifestieren und das Leben jeder Einzelnen einschränken. Es sind Rollenbilder, die sich in einer Sprache widerspiegeln, in der es noch immer kein positives Wort für sexuell aktive Frauen gibt. Und keines für im Job erfolgreiche. 

Zugleich haben die modernen Feministinnen erkannt, dass in eine Welt, in der die Unterdrückung der Frau das Gesicht einflussreicher Hollywoodmagnaten ebenso trägt wie das smarter Deutschnationalisten, keine Bewegung passt, die selbst ausgrenzt oder bevormundet. Dass es nicht nur einen Weg gibt, als Frau, als Mensch frei und selbstbestimmt zu leben. Sondern unendlich viele.

Es ist höchste Zeit für diese neue feministische Bewegung, die allen Raum für ein solidarisches Miteinander bietet – ob sie nun einen Penis haben oder nicht, ob sie lieber in High Heels gehen oder in Jogginghose, ob sie schwarz sind oder weiß, Muslima oder Christin, arm oder reich, dick oder dünn. Anschließen lohnt sich. Und wenn wir dafür ein bisschen mehr von der Schlampigkeit einer Pippi Langstrumpf in uns zum Vorschein bringen müssen – gerne! Wir sind so frei. 

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