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Simin: Die Taliban sind immer noch dieselben

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Von: Karin Dalka

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Simin war unter anderem im Ministerium für Frieden dafür zuständig, zivilgesellschaftliches Engagement zu erforschen und zu stärken. Jetzt lebt sie mit ihrer Familie nahe Frankfurt.

An den Tag, als Kabul fiel, erinnert sich Simin (33), als sei es gestern gewesen. Weil ihre siebenjährige Tochter krank war, arbeitete sie im Homeoffice. Um 10 Uhr riefen ihre Kolleg:innen aus dem Friedensministerium an, sie solle unter allen Umständen zu Hause bleiben. „Ich war mehr als geschockt“, erzählt sie. Hatte sie doch erwartet, dass die Armee, die jahrelang von westlichen Militärs ausgebildet worden war, die Islamisten vor den Toren der Hauptstadt aufhalten würde. Dann meldete sich ihr Mann, der im Präsidentenbüro arbeitete: Sie solle schnell Kleidung zusammenpacken und zu ihrem Vater fahren, der in einem anderen Viertel in Kabul wohnt. „Alle in unserer Nachbarschaft wussten, wo wir arbeiten. Deshalb waren wir in Lebensgefahr.“ Auch ihrer Tochter war sofort klar, wie bedroht ihre Eltern waren. Sie wusste aus Medienberichten, dass die vorrückenden Taliban Haus für Haus nach ihren „Feinden“ durchsuchten. Das Mädchen war voller Panik. „Eines werde ich nie vergessen“, erzählt Simin. In diesem Moment bebt die Stimme der Frau, die ansonsten ruhig und nüchtern ihre Erlebnisse schildert. „Meine Tochter schrie und betete zu Gott, ihre Mutter und ihren Vater vor den Taliban zu retten. Sie hatte auch Angst, selbst getötet zu werden, nur weil sie zur Schule gegangen war. Deshalb sollte ich sie auf den Flucht mit einem Schal bedecken.“ Die Familie blieb nur einen Tag im Haus des Vaters und versteckte sich anschließend bei Freund:innen. „Wir waren Flüchtlinge im eigenen Land.“ Monate später floh die Familie in den Iran. „Als wir die Grenze überquert hatten, rief meine Tochter glücklich: Wir sind frei.“ Seit Ende Juni ist die Familie dank der Unterstützung von Pro Asyl in Deutschland, sie lebt nahe Frankfurt. Hier weiß sie sich in Sicherheit, aber sie sorgt sich um die zurückgebliebenen Eltern in Kabul, die Schwiegereltern in Herat und andere Verwandte. „Jedes Mal, wenn sie nicht ans Telefon gehen, habe ich Angst, dass ihnen etwas passiert ist.“ Sie halten Kontakt über Whatsapp, „aber ich schicke nur Bilder von unserer Tochter. Jedes Mal rate ich ihnen, alle Sprachnachrichten zu löschen.“ Ihre Verwandten bäten sie eindringlich, sich in Deutschland nicht öffentlich politisch zu engagieren. Ein Dilemma für Simin, die in Afghanistan so viele Jahre für Frauen- und Menschenrechte gekämpft hat und überzeugt ist, dass dieser Kampf dringlicher ist denn je. Wer sie erlebt, merkt schnell: Aufgeben ist ihre Sache nicht. Simins Tochter hat derweil klar vor Augen, welchen Weg sie gehen will, wie die Mutter lächelnd erzählt: „Sie will Polizistin werden, nach Afghanistan zurückkehren und das Land von den Taliban befreien.“

Simin (Name geändert) lehrte zwei Jahre lang als Professorin an mehreren Universitäten Internationale Beziehungen. Im Ministerium für Frieden war es ihre Aufgabe, zivilgesellschaftliches Engagement zu erforschen und zu stärken.

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