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Simbabwe: Ein Land im Niedergang

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Von: Johannes Dieterich

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Der Präsident von Simbabwe, Emmerson Mnangagwa.
Der Präsident von Simbabwe, Emmerson Mnangagwa. © AFP

Simbabwe versinkt im wirtschaftlichen Chaos und politischer Gewalt

Montag, der 27. Juni, wird ein ganz normaler Tag in Simbabwe werden. Nur wenige wissen, dass Tsitsi Dangarembga, die bekannteste Autorin des südafrikanischen Problemstaats, in dessen Hauptstadt Harare vor Gericht erscheinen muss. Woher sollten sie das auch wissen? Die staatlichen Medien berichten von solchen Ereignissen nicht –überhaupt ist die 63-jährige Schriftstellerin in ihrer Heimat weniger als im Ausland bekannt. Auch das ist kaum überraschend: Bücher sind in Simbabwe teuer, falls sie überhaupt zu finden sind. Denn Buchläden sind genauso rar wie funktionierende Straßenlaternen.

Ein ganz normaler Tag sieht in Simbabwe anders als in Weltregionen aus, in denen Tsitsi Dangarembga bekannt ist. Hier geht es für den Großteil der Bevölkerung vor allem darum, etwas Erschwingliches zum Essen zu finden oder wenigstens einen Gelegenheitsjob zu ergattern. Die Inflation liegt in dem wirtschaftlichen Trümmerstaat bei über hundert Prozent, reguläre Jobs sind außerhalb des Bergwerksektors und des öffentlichen Dienstes keine zu finden.

Lage Simbabwes in Afrika
Lage Simbabwes in Afrika © FR-Grafik

Letztere sind dermaßen mies bezahlt, dass sie einen kaum über die Runden retten. Derzeit befinden sich die Angestellten im öffentlichen Gesundheitssektor – Krankenschwestern, Pfleger und Ärzt:innen – im Streik: Sie müssen mit rund 200 US-Dollar im Monat auskommen. Wer irgendwie kann, hat den knapp 15 Millionen Einwohner zählenden Staat längst in Richtung Süden (Südafrika) oder Norden (Europa) verlassen. Weit mehr als ein Drittel der Simbabwer:innen – bis zu sieben Millionen Menschen – leben im Ausland.

Simbabwes Krise dauert schon mehr aus 20 Jahre

Dass eine Berufsgruppe streikt, ist außergewöhnlich. Während der Covid-Pandemie waren öffentliche Versammlungen oder Proteste verboten. Hartgesottene Aktivist:innen hielt das nicht davon ab, in kleinsten Grüppchen mit Schildern um den Hals auf die Straße zu gehen – wie Tsitsi Dangarembga, die bei einem Mini-Protest mit einer Freundin im Juli 2020 verhaftet und wegen Landfriedensbruch angeklagt wurde. Seitdem zieht sich das Verfahren hin.

Dem Regime ist an kleinen Schikanen gelegen, mit dem die Widersacherin überzogen wird – wie jede Woche auf einer Polizeiwache erscheinen zu müssen. Wer im Ausland nicht bekannt ist, muss mit Schlimmerem rechnen: Wie die Oppositionspolitikerin Moreblessing Ali, die zuletzt entführt und zwei Wochen später zerstückelt aufgefunden wurde.

Simbabwes Unheil zieht sich wie ein schal schmeckender Kaugummi in die Länge. Die Dauerkrise in dem 1980 unabhängig gewordenen Land dauert schon mehr als zwei Jahrzehnte, seit sich die Bevölkerung 1999 gegen eine Verfassungsänderung des Präsidenten Robert Mugabe stellte, mit der sich dieser noch mehr Macht verschaffen wollte. Die Gründung und das schnelle Wachstum einer von weißen Farmern finanzierten Oppositionspartei erregte den Zorn des Autokraten: Mobs besetzten die Güter weißer Farmer, 90 Prozent von ihnen verließen das Land. Seitdem hält der Niedergang der einstigen Kornkammer an.

Simbabwe: Hybrid einer Militärdiktatur und einer Scheindemokratie

Simbabwe ist das merkwürdige Hybrid einer Militärdiktatur und einer Scheindemokratie. Noch immer finden regelmäßig Wahlen statt, die allerdings minutiös gemanagt und notfalls massiv gefälscht werden. Auch zwischen den Wahlen haben die von Befreiungskämpfern zu Gefängniswärtern mutierten Genoss:innen der Zanu/PF-Partei das Heft fest in der Hand: Ihr Chef Emmerson Mnangagwa, der seinen ehemaligen Mentor Mugabe vor fünf Jahren aus dem Amt putschte, wird nicht grundlos „das Krokodil“ genannt. Der 79-Jährige hat sich als noch dickhäutiger als sein vor drei Jahren verstorbener Mentor erwiesen.

Wie abstrus „das Krokodil“ regiert, stellte sich erst jüngst wieder krass heraus, als Mnangagwa eines Samstagabends den Banken des Landes das Verleihen von Geld verbot. Der Grund: findige Simbabwer hatten mit geliehenem Geld gute Gewinne auf dem Devisen-Schwarzmarkt gemacht. Genau wie die Generäle, Parteibonzen und parteinahe Finanzbarone, die dasselbe Spiel schon seit Jahren mit um ein Vielfaches höheren Einsätzen praktizieren. Als das von dem unsinnigen Erlass des Krokodils ausgelöste Chaos das Land vollends lahmzulegen drohte, hob er seine Schnapsidee schnell wieder auf.

Was die Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga in einem derartigen Chaoten-Staat noch hält, erklärt ein Bekannter mit den Worten: „So ist sie halt.“ Die engagierte Autorin wolle um ihre Heimat Simbabwe kämpfen, statt sie gefräßigen Reptilien zu überlassen, heißt es weiter: Sie habe schon genug Jahre zur Ausbildung oder im Exil in England und Deutschland verbracht. Dass sich ihre Geduld und ihr Opfer irgendwann auszahlen werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht abzusehen.

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