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DEU; Deutschland, Stuttgart, 01.01.2019: Stuttgart begrüßt das Jahr 2019. Neujahrsfeuerwerk auf dem Schlossplatz. Viel M

Verletzungen

Silvester: Mit Knall in die Notaufnahme

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Viel zu oft beginnen Menschen das neue Jahr mit manchmal irreparablen Schäden.

Dietmar Pennigs schlimmstes Silvester war ein 30. Dezember: Ein Gespann aus Vater und Sohn hatte zu Hause Raketen gebastelt und stopfte Schwarzpulver hinein. „Das ging natürlich schief: Der Vater verlor eine Hand, dem Sohn zerriss es eine Hand.“ Feuerwerker auf eigene Rechnung und eigenes Risiko erlebt der 64-jährige Professor, mehr als 35 Jahre in der Unfallchirurgie aktiv, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie und Chefarzt im St. Vinzenz-Hospital in Köln, nicht jedes Jahr. Aber er erlebt sie zu oft.

Silvester ist in den Notaufnahmen und Chirurgien der Bundesrepublik grundsätzlich: „Land unter!“ Kaum hat der Verkauf von Feuerwerk begonnen, kommen die ersten Brandverletzten durch die Türen. Und der Zustrom versiegt erst Tage nach dem Jahreswechsel.

Für den altgedienten Chirurgen Pennig bestätigt sich jedes Silvester das seit Jahren herauskristallisierte Geschlechterverhältnis der Knallerei: Männer schießen, Frauen und Kinder werden beschossen. Die einen zählen dann als „Selbstschädiger“, die anderen als „Getroffene“. Pennig zählt auf, was bei ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen zur Behandlung landet: „Die Kleidung gerät in Brand, Beine werden getroffen, das Gesicht …“ Wobei „40 Prozent derjenigen, die wir behandeln, Minderjährige sind“. Silvester als pubertäre Mutprobe. Wer „nur“ mit einer relativ kleinen Narbe im Gesicht davonkommt, trägt die nicht selten wie eine Auszeichnung: Seht her, ich bin ein ganzer Kerl.

800 Augenverletzungen

DIE SCHLIMMSTEN VERLETZUNGEN

Verbrennungenan den Händen gehören zu den häufigsten Verletzungen durch Silvesterknallerei. Das kommt durch generelle Ungeschicktheit im Hantieren mit den Explosivkörpern, durch alkoholbedingte Unachtsamkeit und früher – als an Silvester vielleicht sogar mal Schnee lag – auch durch bereits vorm Zündeln gefühllos gewordene Finger.
Hand-Chirurgiekann den Jahresend-Feuerwerker auch Monate später noch in Anspruch nehmen – oder den Rest seines Lebens: komplett abgerissene Extremitäten, zersplitterte Knochen, abgetrennte Finger. Rekonstruktion garantiert keine Handfertigkeit.

Explosionsblitzeund erdnahes Knallen können Beschädigungen des Augenlichts und Knalltraumata nach sich ziehen. Bei auch nur der geringsten Beeinträchtigung ist der Gang zum Arzt der klügste mögliche Jahresbeginn.

Die Druckwellevon Explosionen kann zur Zerstörung von Gewebe führen (bei Kriegsexplosionen werden ganze Organe verflüssigt); sichtbar wird das durch plötzliche Schwellungen.

Pennig ärgert sich auch über den motorisierten Böllerkampf, egal, ob aus einem Auto auf andere oder vom Straßenrand auf Vorbeifahrende: „Autofahrer können in dem Augenblick nicht unterscheiden, was da kracht. Wenn sie Glück haben, kommen sie mit dem Schrecken davon und verlieren nicht die Kontrolle über ihren Wagen.“ Ansonsten …

„Kombinationsverletzungen“ haben es an Silvester besonders in sich: Jemand kommt mit einer Brandwunde in die Notaufnahme, wird versorgt – und die Schwere einer ebenfalls vorhandene Augenverletzung ist nicht immer leicht zu erkennen, die Behandlung kann sich verzögern mit teils gravierenden Folgen.

Die Augenkliniken melden jedes Silvester 800 Verletzungen. Tendenz gleichbleibend. Pennig weiß, dass es auch anders ginge: „Auf Sylt gibt es das überhaupt nicht, der Reetdächer wegen – und da fehlt auch niemandem was.“ Und über städtischerseits orchestriertes und kontrolliertes Feuerwerk wie Kölns sommerliches „Rhein in Flammen“ kann der Chirurg auch schwärmen. Aber er weiß doch, dass das nie allen genug sein wird: „Es geht den Menschen ja um den Knall, nicht um das Farbenspiel.“

Deshalb glaubt Pennig auch nicht an die heilende Wirkung eines Verbots von privatem Feuerwerk: „Zum einen haben wir in Deutschland ohnehin eine unangenehme Verbotskultur“, zum anderen besorgten sich die Schießwütigen dann aus dem Ausland ihre Raketen. Und da die nicht entsprechend zertifiziert und ergo unsicher sind, „kann da alles passieren“.

Was also hilft gegen überquellende Notaufnahmen als bitteres Ende einer Silvesterparty? „So viel Kontrolle wie nötig.“ Aber für den erfahrenen Unfallchirurgen ist immer mehr und bessere Aufklärung das wirklich probate Mittel. Jedes Silvester aufs Neue.

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