Flammende Sterne in Ostfildern
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Flammende Sterne zu Silvester.

Feuerwerk

Die große Böllerei: Deutschland hat Lust am Feuerwerk

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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Die Deutschen lassen sich die Lust am Feuerwerk nicht nehmen – allen Warnungen zum Trotz. Doch die Befürworter eines Verzichts gewinnen an Einfluss.

Der Werbespruch hat sich ins Bewusstsein der Deutschen so eingeprägt wie Tempo und Tesa: „Brot statt Böller!“ Prägnanter geht es wohl kaum – aber trotzdem geben mehr Menschen in Deutschland jedes Jahr mehr Geld aus für Feuerwerk als sie für Entwicklungsprojekte des Sloganerfinders spenden. Das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“, Organisator von „Brot statt Böller“ seit 1981, nimmt bei seiner Spendenaktion jedes Jahr etwas weniger als 50 Prozent des Umsatzes der Pyrotechnik-Branche ein. Das waren dann zuletzt immer noch so 60 Millionen Euro, aber das Ungleichgewicht ergibt sich mehr aus den unterschiedlichen Zwecken denn aus den reinen Beträgen.

Fast 40 Jahre Rühren der Werbetrommeln gegen die Silvesterknallerei zeigt nun langsam seine Wirkung – allerdings nicht so sehr wegen plötzlich gestiegener Hilfsbereitschaft, sondern wegen gesteigerten Umweltbewusstseins. Die gängige Gleichung lautet: Feuerwerk = Feinstaub.

Zu Silvester werden 17 Prozent der Feinstaubmenge des Autoverkehrs eines Jahres freigesetzt

Das ist erst mal richtig. Aber dann doch nicht so einfach. Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes werden zu Silvester 17 Prozent der Feinstaubmenge des Autoverkehrs eines Jahres freigesetzt, vermerkt der Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk auf seiner Website. Gemessen an der gesamten Menge in die Atmosphäre geblasenen Feinstaubes aber seien das dann nur noch 2,2 Prozent. Und laut Marktführer Weco Feuerwerk soll der Anteil des beim Abbrennen von Feuerwerk entstehenden Klimakillers CO2 nur ein Millionstel der kompletten, in der Bundesrepublik ausgestoßenen Menge von jährlich an die 900 Millionen Tonnen betragen. Mithin sei Feuerwerk „nicht klimarelevant“.

Die immer wieder auftretenden Fälle von Atemnot oder Gefühlen der Beengung ergeben sich tatsächlich eher aus der – besonders in dicht bebauten Stadtumgebungen – konzentrierten Explosion des Feuerwerk-Treibmittels Schwarzpulver. Bis ins 19. Jahrhundert wurde das „Schießpulver“ zivil wie militärisch genutzt, die bei seiner Explosion frei werdenden Schwefel und Salpeter waren mithin ein „Alltagsgeruch“. Heute ist dieser relativ scharfe Duft tatsächlich auf das Feuerwerk beschränkt und also ungewohnt.

„Brot statt Böller“ hat nichts an der Knallfreude der Deutschen ausrichten können

Daran können kein Feuerwerker, kein Arzt und keine Kommune etwas ändern. So wie auch „Brot statt Böller“ nichts wirklich an der Knallfreude der Deutschen hat bisher ausrichten können. Auf „katholisch.de“ schrieb der Kirchenredakteur Felix Neumann 2017, „Brot statt Böller“ klinge doch „sehr nach Kirche. Hauptsache verbieten, Hauptsache schlechtes Gewissen“. Und das verfehle sein Ziel, denn, so Neumann, Milieustudien kirchlicher Zielgruppen legten den Schluss nahe, dass „die gutbürgerliche kirchliche Kernklientel zum Silvestergottesdienst und zum Konzert geht“, während „tendenziell eher Kirchenferne“ drauflosböllern.

Neumann – wie auch manche Entwicklungsinitiative, beispielsweise die „Aktion 3. Welt Saar“ – plädieren deshalb für eine Kurskorrektur hin zu „Brot und Böller“. De Bedeutung von „Brot“ – Hilfe für Schwächere – könne niemand ernsthaft infrage stellen, genauso wichtig aber sei, „wofür die Böller stehen: Lebensfreude, eine gemeinsame Tradition, gemeinsames Feiern“.

Geschmälert wird diese Tradition zuallererst, wenn etwas schiefgeht. Notaufnahmen und Unfallchirurgien sehen jedem Jahreswechsel mit ebenso viel Erfahrung wie Fassungslosigkeit ob der Fahrlässigkeit viel zu vieler Jahresend-Feuerwerker entgegen (siehe nebenstehenden Artikel). Von „knapp davongekommen“ kann man bei Fällen sprechen wie dem aus nordrhein-westfälischen Warstein von Anfang der Woche. Dort wurde in einer Tiefgarage mit Böllern gezündelt, sodann ein Feuer entfacht und zwei Autos komplett verbrannt – Sachschaden um die 25 000 Euro. Zeugen hörten das Knallen, sahen Jugendliche aus der Garage rennen und verständigten Polizei und Feuerwehr. Ermittelt wird nun wegen des Verdachts der Brandstiftung. Es wird wohl nicht der einzige solche Fall um die Jahreswende bleiben.

Nicht zuletzt auch weil die Bundespolizei just vor nicht-zertifizierten Raketen-Importen aus der Tschechischen Republik gewarnt hat: Lebensgefahr durch „Polenböller“ war mal, nun ist Prag im Visier. Bei Chemnitz fand man im Auto einiger Grenzgänger insgesamt fünf Kilo unsicheren Sprengstoff. Das in Deutschland handelsübliche Feuerwerk wird samt und sonders in Asien hergestellt; die rund 3000 Beschäftigten der pyrotechnischen Wirtschaft hierzulande befassen sich vornehmlich mit Lagerung, Vermarktung und Vertrieb.

Einige Kaufleute bei Rewe und Edeka verzichten auf das Geschäft mit Silvesterböllern

Feuerwerk benötigt wie viele andere Waren auch nebenstehendes Gütesiegel und Sicherheitszertifikat, wenn man damit gefahrlos in Europa umgehen will. Das „CE“ steht für „Conformité Européenne“ – ist konform mit Normen, die in der Europäischen Union gelten. Vorsicht ist aber trotzdem geboten. Denn – meist „günstige“ – Waren aus der Volksrepublik China tragen ein zum verwechseln ähnliches Zeichen. Der einzige Unterschied: Der Mittelstrich des „E“ ragt bis auf Höhe der beiden Bogenenden des stilisierten Buchstaben. Der kürzere Strich ist der sicherere Strich. 

Und die hat es dieses Jahr praktisch erstmals in ihrer Geschichte nicht mehr ganz so leicht, die Raketen an den Mann zu bringen: Eine ganze Reihe von Einzelhändlern verzichtet nämlich auf das lukrative Geschäft mit Krachern und Raketen, um einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. „Die Knallerei dauert eine Stunde, aber Tierschutz und saubere Luft wollen wir 365 Tage im Jahr. Das passt nicht zusammen“, sagt etwa Uli Budnik, der seine Rewe-Märkte im Dortmunder Süden als Böllerfreie Zone deklariert hat.

Budnik ist kein Einzelfall. Die Baumarktkette Hornbach hat jüngst angekündigt, von 2020 an in Deutschland kein Feuerwerk mehr anzubieten. Für 2019 war es zu spät, die Ware war schon geliefert. Einige Kaufleute bei Rewe und Edeka verzichten aber schon jetzt auf das Geschäft mit Silvesterböllern. Die Baumarktkette Bauhaus kündigte an, kommendes Jahr „das Sortiment an Feuerwerk und Böllern in Hinblick auf Nachhaltigkeit komplett zu überarbeiten“. Ein kompletter Verzicht ist eine Option.

Aldi, Lidl, Kaufland und Real aber wollen an der Knallerei festhalten – weil die Kunden es so wünschen. Uwe Krüger vom Kölner Institut für Handelsforschung geht auch davon aus, dass die Nachfrage weiter hoch bleibt. „Ich glaube nicht, dass die Konsumenten dieses Jahr weniger Geld für Feuerwerk ausgeben werden.“ Klimawandel hin, Feinstaub her.

Da konnte auch Renate Vacker, Sprecherin von „Brot für die Welt“, 2017 in einem Interview mit der Online-Station „domradio.de“ an positiven Alternativen aufzählen, was sie wollte: „Wenn man für zehn Bäuerinnen und Bauern in Äthiopien Gemüsesamen kaufen will, kostet das knapp 20 Euro.“ Die für dieses Jahr erwarteten Ausgaben von 133 Millionen für Böller und Raketen wären Hilfe für 6,7 Millionen Landwirte. Das ist eine Rechnung, die all die, die sich an den drei letzten Einkaufstagen des Jahres auf die Feuerwerksauslagen stürzen, nicht machen.

Selbst ein aktueller Aufruf durch den Deutschen Tierschutzbund dürfte weitgehend wirkungslos verhallen. Die Tierschützer wünschen sich weniger Böller, damit Tiere weniger Stress ausgesetzt sind. Hunde sollten zum Jahreswechsel draußen unbedingt an die Leine, Katzen sollte man gar nicht erst rauslassen. Und Schutzzonen komplett frei von Raketen, Kreischern, Donnerschlägen und Böllern wären auch gut: Innenstädte, Tierheime, Stallungen, Koppeln und Weiden sowie Waldränder, Parkanlagen und Uferregionen.

In Berlin gibt es an Silvester erstmals mehrere große Verbotszonen

Tatsächlich werden die Zonen, in denen nicht herumgeknallt werden darf, in Deutschland mehr. So gelten dieses Silvester in Berlin erstmals mehrere große Verbotszonen. Bislang war nur die Partymeile am Brandenburger Tor knallerfrei. Mit den neuen Verboten soll verhindert werden, dass Gruppen junger Männer wie in den vergangenen Jahren Polizisten und Feuerwehrleute mit Böllern und Raketen bewerfen und beschießen. Die Polizei kündigte an, Uneinsichtigen die Feuerwerkskörper auch „mit Zwang“ abzunehmen. Berlin ist nicht die erste deutsche Stadt mit lokalen Einschränkungen, sie ist auch nicht die letzte.

Denn manche Kommune scheut solche Verbote ebenso sehr wie „ein Feuerwerk für alle“, organisiert von der Kommune, sicher für Mensch, Tier, Haus und Auto, schön anzusehen von überall her. Bezahlen müsste das ja auch die öffentliche Hand. Und „Spaß-Posten“ machen sich nicht gut in der Haushaltsbilanz.

Da ist es dann sehr viel einfacher, einen Sondereinsatz von Straßenreinigung und Müllabfuhr zu Jahresbeginn zu verrechnen. Wenn die Menschen ihre Silvesterkater pflegen und die Straßen aussehen, als hätte eine sehr aktive Truppe der Raketenartillerie urplötzlich Reißaus nehmen und allerlei verschossenes Gerät zurücklassen müssen. (mit afp/dpa/epd)

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