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Roland Jahn weiß, wie es sich anfühlt, in Haft zu sitzen, weil man sich für Menschenrechte engagiert.

Interview zur Türkei

"Signale von außen sind mitentscheidend"

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Der einstige DDR-Regimegegner Roland Jahn über Gebete für Häftlinge in der Türkei und die Einsamkeit in der Zelle als politischer Gefangener.

Am 5. Juli wurde der Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner in der Türkei verhaftet. Seither hält die Gethsemane-Gemeinde in Berlin-Prenzlauer Berg, der Steudtner angehört, täglich Gebete für ihn und die anderen politischen Gefangenen in der Türkei ab. Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, saß in der DDR selbst im Gefängnis und wohnt gegenüber der Kirche.

Herr Jahn, 30 Meter von Ihrem Haus entfernt wird neuerdings für den Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner und andere gebetet, die in der Türkei aus politischen Gründen im Gefängnis sitzen. Als jemand, der in der DDR selbst inhaftiert war: Was empfinden Sie?
Für mich ist das besonders emotional. Denn direkt aus meinem Arbeitszimmer blicke ich auf den Eingang der Kirche, ich sehe die Plakate und höre um sechs die Glocken. Und wenn ich die Glocken höre – egal, ob ich in der Kirche dabei bin oder nicht –, dann empfinde ich das als Signal. Das gibt Kraft und Hoffnung, auch wenn nur wenige zu den Gebeten kommen. Es geht ja im Übrigen auch nicht nur um Peter Steudtner, sondern um alle, die Menschenrechtsverletzungen erleben müssen. 

Die Gemeinde hat ihren Geist aus der DDR-Zeit nicht verloren.
Nein. Und mich hat sehr gefreut, dass sie sich hier in die Tradition von 1989 stellt. Wenn man um Traditionen weiß, dann fließt das ins Leben ein. Für mich ist es jedenfalls bedeutsam, dass genau an diesem Ort, an dem früher Protestaktionen gegen die Inhaftierung von DDR-Oppositionellen stattgefunden haben, jetzt Andachten, Fürbitten und damit auch in gewisser Weise eine Art Demonstration stattfindet. Das zeigt mir, dass es um grundsätzliche Fragen geht, wenn wir uns mit DDR-Geschichte beschäftigen.

Auch bei Ihnen war nicht klar, wie die Haft ausgeht. Wie fühlt man sich da?
Das ist ein Wechselbad. Die Gewissheit, dass sich Menschen außerhalb der Gefängnismauern um einen kümmern, ist ganz wichtig. Die Signale von außen sind mitentscheidend, ob man die Sache durchsteht oder nicht. Andererseits gibt es schon Momente, in denen man in der Zelle einsam verzweifelt. Die Faktoren Zeit und Einsamkeit und ihre Wirkung auf die Psyche sind nicht berechenbar. Deshalb ist die Sache so schwierig. Unser Alltag ist schnell und abwechslungsreich. Aber einsam in der Zelle kann man auch ganz schnell den Boden unter den Füßen verlieren.

Das heißt, man kann auch nach kurzer Haftzeit Traumata davon tragen.
Dass man im Gefängnis sitzt, weil man für Menschenrechte eingetreten ist, lässt einen schon manchmal zweifeln. Es gibt Kriminelle, die sitzen ihre Jahre – wie man so sagt – „mit der linken Arschbacke“ ab. Jemand, der aus politischen Gründen in Haft sitzt, braucht die Kraft, zu ertragen, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun können. Körperlichen Beschwerden kann man etwas entgegen setzen. Seelisch ist man verletzbar, weil man so ist, wie man ist – das heißt: sensibel. Das wissen die, die einsperren, und nutzen es auch.

Es sitzen weitere Deutsche in Haft, darunter die Journalistin Mesale Tolu mit ihrem zweijährigen Sohn. Und zwar in einem Land, das Nato-Partner ist und mit dem die EU offiziell weiterhin Beitrittsverhandlungen führt. Hätten Sie sich das vorstellen können?
Die Frage, wie man mit Diktaturen umgeht, stellt sich jederzeit – es geht darum, die Menschenrechte hoch zu halten und den einzelnen zu helfen. Und der Blick in die Vergangenheit schärft durchaus die Sinne für die Gegenwart. 1987 etwa wurde Erich Honecker von Helmut Kohl empfangen. War das richtig? Ein Treffen ist eine Anerkennung, aber auch ein Weg, sich auszutauschen. Wenn ich nur an Aktivisten denke wie Petra Kelly, die Honecker besuchte, ihn wegen Menschenrechtsverletzungen ermahnte und trotzdem Dialogbereitschaft gezeigt hat. Damals wie heute ist es für Menschen in Regierungsverantwortung wichtig, im Gespräch zu bleiben – gerade auch mit Vertretern des Systems, die reformbereit sein könnten.

Das heißt, es gibt aus Ihrer Sicht kein Entweder-Oder?
Richtig. Für mich haben die Erfahrungen mit der DDR gezeigt, dass es kein Entweder-Oder geben sollte. Mit Extrempositionen verbaut man sich alle Möglichkeiten. Hier ist Flexibilität angesagt. Aber man muss bei sich bleiben und darf Grundsätze nicht aufgeben. Dazu zählt die Einhaltung der Menschenrechte. Ein Blick in die Stasi-Akten lässt uns im Übrigen klarer sehen, was für Mechanismen auch in der Türkei dahinter stecken, warum Inhaftierungen und Propaganda stattfinden – zum Beispiel vor dem Referendum über das Präsidialsystem und Erdogans Machtausdehnung.

Inwiefern?
In der DDR gab es eine Volksabstimmung darüber, dass die führende Rolle der SED in der Verfassung festgeschrieben werden sollte. Dabei gab es 94 Prozent Zustimmung. Hinterher hat die SED gesagt: Seht doch, das Volk hat zugestimmt! Heute zeigen die Stasi-Akten, warum das so war. Weil man zum Beispiel Studenten gedroht hat, sie von der Uni zu werfen. Manche wurden auch eingesperrt. Man hat ein Klima der Angst erzeugt. Auch das ist in der Türkei zu beobachten, etwa durch die Inhaftierungen. Vielen DDR-Oppositionellen hat man später Agententätigkeit unterstellt und Kontakte mit westlichen Geheimdiensten. Es gab Propagandaartikel im Neuen Deutschland mit der Überschrift: „Wer steuert die DDR-Opposition?“ Gleiches erleben wir in der Türkei. Ich habe gerade viele Déjà-vu-Erlebnisse.

Kennen Sie Peter Steudtner eigentlich?
Ich kenne ihn nicht. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, ich kenne ihn trotzdem. Denn das, was er macht, ist stark verwandt jener Art und Weise, in der sich in der DDR-Menschenrechtsgruppen formiert haben. Es geht um Graswurzelarbeit und das Pochen auf Menschenrechte.

Haben Sie einen Rat für seine Frau?
Mit dem Rat ist das immer so eine Sache. Ich möchte ihr Mut machen. Es ist uns damals gelungen, die Verhältnisse in der DDR umzustoßen. Und wir haben die Zeit im Gefängnis überstanden. Daran kann man sich festhalten. Die Zeiten werden sich auch in der Türkei wieder ändern. Es ist wichtig, dass wir alle etwas dafür tun.

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