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Straßenhändler in Freetown verfolgt die Urteilsverkündung.

Liberias Ex-Präsident

Sierra Leone darf aufatmen

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Die Menschen in Sierra Leone sind erleichtert. Ihr ehemaliger Staatschef Charles Taylor verschwindet hinter Gittern. Wie lange, ist noch unklar. Ihm wird Mitwisserschaft und Beihilfe an einigen der schlimmsten Menschenrechtsverbrechen der jüngeren Geschichte vorgeworfen.

Sternstunden kommen zuweilen recht blass daher. Als der Vorsitzende der Zweiten Kammer des Tribunals für Sierra Leone am Donnerstagmittag in einem kahlen Gerichtsraum im Haager Vorort Leidschendam über zwei Stunden lang ein Urteil verlas, hätte man meinen können, es gehe um Versicherungsbetrug – so emotionslos hörten alle Beteiligten Richard Lussik zu. Nur wer dem leisen weißhaarigen Richter aus Samoa genau folgte, verstand, um was es in Wahrheit ging: Zum ersten Mal wurde vor einem internationalen Gericht das Urteil über einen einstigen Staatschef gesprochen, dem Mitwisserschaft und Beihilfe an einigen der schlimmsten Menschenrechtsverbrechen der jüngeren Geschichte vorgeworfen werden.

Der heute 64-jährige liberianische Ex-Präsident Charles Taylor habe zumindest indirekt dazu beigetragen, dass während des sierra-leonischen Bürgerkriegs zwischen 1991 und 2002 Zigtausende von Menschen ermordet, verstümmelt, vergewaltigt und anderweitig terrorisiert wurden, trug Lussik das von allen vier Richtern einhellig getragenen Urteil vor. Über das Strafmaß wird Ende Mai entschieden.

Keine Siegerjustiz

Das Tribunal war keine Siegerjustiz. Ein ums andere Mal bezeichneten die Richter Aspekte der Anklageschrift als „nicht über jeden Zweifel erhaben bewiesen“ – unter anderem befanden sie, dass Taylor die unfassbaren Gräuel der sierra-leonischen Rebellentruppe Revolutionäre Einheitsfront (RUF) nicht unbedingt selbst angeordnet habe. Er habe jedoch – entgegen seiner Beteuerungen – von ihnen gewusst und sie geduldet, und in einzelnen Fällen auch mitgeplant. Allein das reicht aus, Taylor zu langer Haft zu verurteilen, die er in Großbritannien absitzen wird.

In der sierra-leonischen Hauptstadt Freetown, wo die Bevölkerung die Verlesung des Urteils via TV mitverfolgte, wurde die Entscheidung erleichtert aufgenommen. Dort ging man schon immer davon aus, dass Taylor der eigentliche Verantwortliche für den Krieg war, der mindestens 30.000 Menschen das Leben und Hunderttausende den Verlust von Gliedmaßen kostete. Auch wenn er die Taten womöglich nicht selbst anordnete, habe Taylor Waffen und Munition geliefert, den RUF-Führern Unterschlupf sowie wichtige Informationen geboten und auch eigene Truppen ins Nachbarland geschickt, befanden die Richter. Und das habe er sich mit Roh-Diamanten bezahlen lassen.

Taylor kommt in Sierra Leone nicht vor Gericht

Das Urteil wurde von Menschenrechtlern in aller Welt begrüßt. Es sende eine wichtige Botschaft an hochrangige Staatsvertreter, lobte Amnesty International. „Wie hoch Eure Stellung auch immer sein mag, wenn Ihr Verbrechen begeht, dann kommt Ihr vor Gericht.“ Allerdings verweisen die einschlägigen Organisationen auch auf den beunruhigenden Umstand, dass Taylor in seiner Heimat trotz der auch dort begangenen Verbrechen nicht vor Gericht gestellt wird: Dort hat man sich, offenbar aus rein politischen Gründen, für eine zweifelhafte Wahrheitskommission statt einer strafrechtlichen Aufarbeitung der blutigen Vergangenheit entschieden. So kommt es, dass Taylors Frau und sein ehemaliger Kriegsfürst-Genosse Prince Johnson in Liberia noch immer höchste politische Ämter innehaben.

Überhaupt ist die jüngste Welle der Anklagen gegen ehemalige oder noch immer amtierende Staatschefs wie den sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir oder den ivorischen Ex-Präsidenten Laurent Gbagbo in Afrika umstritten. Die vom Westen dominierte Welt habe sich in ihrem Bemühen nach Gerechtigkeit einseitig auf den verfemten Kontinent gestürzt, wird häufig eingewendet: So werde dem Klischee von Afrika als „Herz des Finsternis“ nur weiter Vorschub geleistet. Solange Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Irak, in Afghanistan oder in Gaza nicht nachgegangen wird, haben diese Kritiker tatsächlich Munition. Doch als Vorwand, die Kriegsfürsten der afrikanischen Finsternis deshalb weiter unbehelligt zu lassen, ist der Einwand ungeeignet.

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