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Steinmeier wird konkret – und das mit Ausrufezeichen.

Auschwitz-Gedenken

„Es sind nicht dieselben Täter. Aber es ist dasselbe Böse.“

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Bundespräsident Steinmeier warnt in Yad Vashem vor Autoritarismus und zieht eine Linie zu den heutigen Rechtsextremen.

Samuel Tytelman, genannt Samek, hätte ein erfolgreicher Sportler werden können. Der Warschauer Junge trat für den jüdischen Sportverein Makkabi bei Schwimmmeisterschaften an. Als die Deutschen seine Heimatstadt besetzten, war er 18 Jahre alt. Mit seiner Mutter Perla und seiner kleinen Schwester Rega wurde er ins Ghetto gesperrt und ermordet. Sein Vater Józef und seine Schwester Rachel überlebten und wanderten nach Israel aus.

In Yad Vashem ist die Erinnerung an das Schicksal der Familie Tytelman und die Millionen anderer Opfer des Holocaust für alle Zeiten gespeichert. In der israelischen Gedenk- und Forschungsstätte hielt am Donnerstag Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als erstes deutsches Staatsoberhaupt eine Gedenkrede. Er begann mit Samek und Rega Tytelman. „Hier in Yad Vashem wird ihnen – wie es im Buch des Propheten Jesaja heißt – „ein Denkmal und ein Name“ gegeben. „Sie waren Menschen“, sagt Steinmeier, „und auch die Täter waren Menschen. Sie waren Deutsche.“

Staats- und Regierungschefs aus fast 50 Ländern erinnerten in Yad Vashem in Jerusalem an die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren. Nach Angaben des israelischen Außenministeriums handelt es sich um das größte Staatsereignis seit der Gründung Israels 1948. Der Titel der Veranstaltung lautet „An den Holocaust erinnern, Antisemitismus bekämpfen“. Es sprachen auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, US-Vizepräsident Mike Pence und der britische Thronfolger Prince Charles. Er erwähnte die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch, die nach dem Krieg nach London übersiedelte. Die 94-Jährige wird am Mittwoch eine Gedenkrede vor dem Europaparlament in Brüssel halten.

Dass ein deutscher Bundespräsident in Yad Vashem spricht, ist schon für sich ein starkes Symbol. Steinmeier hält hier die wichtigste Rede seiner bisherigen Amtszeit. Er sagt, was von ihm erwartet wird: „Unsere deutsche Verantwortung vergeht nicht. An ihr sollt ihr uns messen.“

Sieben Minuten Redezeit bekommt der Bundespräsident im voll gepackten Programm, er hält sich als einziger Staatsgast fast an seine Redezeit. Mit dem Erwarteten ist es nicht getan. Denn dieses Gedenkjahr ist von einer heftigen geschichtspolitischen Kontroverse geprägt.

Seit Wochen eskaliert der Streit zwischen Russland und Polen über Kriegsschuld und Opferkonkurrenz. Der russische Präsident Wladimir Putin ist in Israel hochwillkommen, er spricht in Yad Vashem als erster internationaler Gast. Polens Präsident Andrzej Duda durfte nicht reden und blieb der Veranstaltung fern. Er wird am Montag bei der Gedenkfeier in Auschwitz antworten, dort wird Putin fehlen.

Am Donnerstag wies jener in einem Beitrag für internationale Medien darauf hin, dass von den im Holocaust ermordeten sechs Millionen Juden drei Millionen polnische Staatsbürger waren. Putin machte in Israel eine andere Rechnung auf: 40 Prozent der ermordeten Juden seien aus der Sowjetunion gewesen. Das geht tief in die Geschichte – in die Besetzung ostpolnischer Gebiete nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 – und zielt dennoch ins Heute.

Sowjetische Truppen waren es, die am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreiten. Putin will Russland als Erbe der Sowjetunion und damit als Hauptbefreier und Hauptopfer etablieren. Er spricht von den 27 Millionen sowjetischen Opfern, die nie vergessen werden dürften. „Heute wird das Thema politisiert – leider“, fügt Putin an. Er erwähnt die Auslöschung der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine, in Litauen und Lettland – und er spricht von Kollaborateuren, die das möglich gemacht haben.

Die nationale Opferkonkurrenz spitzt sich zu – Putin machte seine Bemerkung ausgerechnet bei seiner Visite beim israelischen Präsidenten Reuven Rivlin, der gerade noch gewarnt hatte, dass Politiker „die Geschichte den Historikern überlassen sollen“.

Putin jedenfalls tat alles, um dem Gedenktag seinen Stempel aufzudrücken. Am Morgen fuhr der russische Präsident mit seiner eigens eingeflogenen „Aurus“-Staatskarosse auf der gesperrten Autobahn nach Jerusalem. 10 000 Polizei- und Armeeangehörige legten für die Staatsbesucher das halbe Land lahm.

Die Gedenkveranstaltung in Yad Vashem verzögerte sich um fast eine Stunde, weil Putin in Jerusalems Sacher-Park noch ein Denkmal für die Blockade seiner Heimatstadt Leningrad im Zweiten Weltkrieg einweihte.

Auch der Kampf gegen Antisemitismus eignet sich, um nationale Stärke zu demonstrieren. Niemand weiß das so gut wie Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der seine Rede nutzte, um gegen den Iran auszuteilen. Er nannte die Mullahs das „antisemitischste Regime der Welt“ und wandte sich an die versammelten Staatschefs: „Ich fordere Sie alle auf: Wir müssen den Iran konfrontieren!“

Steinmeier hält im zweiten Teil seiner Rede dagegen, ohne den hohen Ton zu verlassen: „Die bösen Geister zeigen sich heute im neuen Gewand. Sie präsentieren ihr antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit.“

Er spricht von Deutschland: „Manchmal scheint mir, als verstünden wir die Vergangenheit besser als die Gegenwart.“

Ähnliches wird Steinmeier sehr wahrscheinlich am kommenden Mittwoch ebenso deutlich in Richtung der AfD-Fraktion sagen, wenn er im Bundestag eine weitere Gedenkrede für die Holocaustopfer hält. Auch in Berlin wird Israels Präsident Reuven Rivlin als zweiter Gedenkredner an seiner Seite sein.

Doch in Yad Vashem trifft Steinmeiers Werbung für die liberale Gesellschaft eben auch auf Politiker wie Putin, auf den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, auf US-Vizepräsident Mike Pence, die alle vor Steinmeier ihre Reden hielten. Steinmeier wird konkret, spricht vom Attentäter von Halle, der am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur die Synagoge stürmen wollte.

„Unsere Zeit ist nicht dieselbe Zeit“, fährt der Bundespräsident fort. „Aber es ist dasselbe Böse.“ Wer „das Böse“ anruft, begibt sich auf gefährliches Terrain, nahe ans metaphysisch Unkonkrete.

Doch Steinmeier weiß das. Er wird konkret – und das mit Ausrufezeichen: „Wir bekämpfen den Antisemitismus! Wir trotzen dem Gift des Nationalismus! Wir schützen jüdisches Leben! Wir stehen an der Seite Israels!“

Steinmeier nutzte zum Beginn des Gedenkveranstaltungs-Dreiklangs in Israel, Auschwitz und Berlin die Chance, die er hatte. Mit Rivlin verbindet ihn inzwischen mehr als nur ein kollegiales Verhältnis der beiden Präsidenten. Sein bewegendes Treffen mit einer Gruppe teils sehr alter Holocaustüberlebender zeigte zum wiederholten Mal, dass ihm das Thema wirklich am Herzen liegt. Er hielt eine klare, unmissverständliche Rede, in der er die aktuellen Gefahren für Demokratie und Menschenrechte mit dem Gedenken an den industriellen Massenmord der Nazis verband.

Doch der Stargast war ein anderer Präsident mit einer anderen Auffassung vom Wert von Menschenrechten und Völkerrecht.

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