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Vom Schuhputzer nicht zum Millionär: Dawit Shanko.
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Vom Schuhputzer nicht zum Millionär: Dawit Shanko.

Architekt Dawit Shanko

"Sie waren nicht neugierig"

Architekt Dawit Shanko über Stolz in der DDR, blattlose Bäume und schädliche Entwicklungshilfe.

In drei Kulturen haben Sie schon gelebt, in der äthiopischen, dann in der ostdeutschen, später in der gesamtdeutschen. Wie kriegt man diese unterschiedlichen Welten eigentlich im Kopf zusammen?

Indem man sich erst einmal an das anpasst, was man vorfindet. Zwar entstehen dabei immer Konflikte an der Schnittstelle zwischen eigenen Erfahrungen und anderen kulturellen Traditionen, aber da muss man durch. Irgendwann entsteht dann ein Brei. Heute, nach 20 Jahren in Deutschland, kann ich nicht mehr bestimmen, was in mir äthiopisch, DDR- oder gesamtdeutsch ist.

Was hat sich bei Ihnen geändert, als Sie im Alter von 17 Jahren nach Deutschland kamen?

Zunächst einmal musste ich weniger rennen. In Äthiopien hatte ich mir meine Schulausbildung als Schuhputzer verdient. Da rennt man von früh bis spät, um an seine Kunden zu kommen. Ich war in Addis Abeba immer unterwegs. Auch im übertragenen Sinn, denn mein Ziel war klar: Ich wollte unbedingt raus aus der Armut, womöglich sogar studieren.

Wie sind Sie damals zu diesem Job gekommen?

In meiner Familie fehlte das Geld für Schulmaterial. Mein Vater hat hat Körbe gemacht und Tische, Stühle, Kinderbetten, alles aus Bambus. Als ich ihn um die paar Cents für Schulbücher und Stifte bat, sagte er: "Frag doch mal die Mama." Die sagte: "Geh zu Papa". Das ging ein paar Tage lang hin und her. Bis ich begriff, dass sie das Geld nicht hatten. Ich musste selbst etwas verdienen, wenn ich in der Schule mithalten wollte.

Dann nahmen Sie das Heft selbst in die Hand?

Ich fragte mich, was ich als Kind tun kann. Ich kam per Zufall zu einer hölzernen Box mit einem Lappen, drei Bürsten und Farben. Das war der Start für mein Mini-Unternehmen. Ich habe als Elfjähriger angefangen, Schuhe zu putzen.

Wo war Ihr Einsatzgebiet?

Möglichst weit entfernt von meinen Eltern. Trotz der Armut hatten sie eine Haltung, wonach Schuheputzen eigentlich unter unserer Würde ist. Ich befürchtete, dass mein Vater mit mir schimpft, da wir schließlich nicht am Verhungern waren.

War Handwerker-Stolz im Spiel?

Ja, vor anderen auf der Erde knien, das macht man eigentlich nur in der Not. Aber mir war klar, wofür ich das machte. Wie viele Schuhe muss ich für einen Stift putzen, wie viele für einen College-Block? Das habe ich mir immer ausgerechnet. Und wenn ich wieder Geld zusammen hatte, stellte sich so etwas wie Zufriedenheit ein. Ein kleines Kapital kam zusammen. Ich legte mir ein paar Hühner zu und verkaufte Eier.

Was wussten Sie damals von Deutschland?

Fast nichts, nur dass dieses Land erfolgreich im Sport war und robuste Autos baut und in unerreichbarem Reichtum lebt. Da wir damals keine Weltkarte hatten, weder zuhause noch am Kolleg, wusste ich lediglich, dass die DDR in Europa lag.

Weshalb wollten Sie ausgerechnet in die DDR?

Das ergab sich einfach. Ich machte eine Art technisches Abitur und dachte gar nicht ans Ausland. Aber an meiner Schule gab es einen Aushang, in dem die äthiopische Mapping Agency ein Studium in der DDR angeboten hat. Dort sollte eine Karte im Maßstab 1:45 000 von Äthiopien erstellt werden.

Was fiel Ihnen als erstes auf?

Die vielen Verkehrszeichen. Das kam mir wie eine ganze Plantage von Schildern vor. Und dann am nächsten Tag lernte ich den Herbst kennen, Bäume mit bunten Blättern. Später, im Winter, war ich fasziniert davon, dass alle Blätter runterfielen. Die Äste waren nackt. Das kam mir wie ein Naturwunder vor.

Was wussten DDR-Bürger 1986, als Sie ankamen, von Äthiopien?

Die kannten vor allem die Probleme. Mein Land stand stellvertretend für alle Hungersnöte der Welt. Mir wurde oft die Frage gestellt, ob man bei uns überhaupt Schuhe kennt. Da musste ich angesichts meiner Schuhputzer-Vergangenheit natürlich lachen.

Spürten Sie Herablassung?

Ja, aber eher auf einer abstrakten, politischen Ebene. Persönlich fühlte mich sehr gut aufgenommen. Meine Eltern haben noch meine ersten Briefe aufgehoben. Die lesen sich sehr begeistert.

Legte sich die Begeisterung irgendwann?

Nun, die Gastfreundschaft bewegte mich wirklich sehr. Alle schienen wirklich etwas über meine Herkunft und das Leben in Äthiopien wissen zu wollen. Aber nach einigen Monaten lernte ich, dass die Neugierde meiner Gastgeber begrenzt war. Ich bemerkte in den Gesprächen mit vielen Deutschen eine Haltung nach dem Motto: Lass den mal reden...

Vorurteile?

Vor allem Missverständnisse. In der DDR sind wir oft von Privatleuten eingeladen worden, die uns erstmal in ihrem Haus herumgeführt und alles gezeigt haben: Die Toilette habe ich selber gemacht, den Teich habe ich selber angelegt. Sie waren stolz darauf, etwas selber gemacht zu haben, was bei uns völlig normal ist. Am Ende sagten sie immer: "Schön hier, nicht wahr?"

Wo ist das Missverständnis?

Sie waren in Wirklichkeit nicht neugierig. Wir sollten einfach nur sagen, dass es hier viel toller ist als dort, wo wir herkommen.

Sie gründeten in Berlin die Organisation Listros, um Äthiopien etwas zurückzugeben. Was macht diese Gruppe?

Listro ist das äthiopische Wort für Schuhputzer. Auf die Idee für dieses Kulturprojekt bin ich gekommen, als ich beim Deutschen Entwicklungsdienst arbeitete und Entwicklungshelfer auf einen Äthiopieneinsatz vorbereitete. Ich wollte wissen, was deren Motivation war. Da hieß es stets: Ich werde da unten gebraucht. Bei mir wuchsen die Zweifel, ob dem tatsächlich so war.

Was macht Listros anders?

Er versteht sich als Ideenwerkstatt für nachhaltigen sozialen Wandel und zur Entwicklung neuer Perspektiven. Wir versuchen zunächst einmal, das Afrika-Bild zu schärfen. Auf diesem Kontinent gibt es eben nicht nur Armut, sondern einen unglaublich starken Unternehmergeist. Ich habe viele kreative Menschen erlebt, die versuchen, ein besseres Leben aufzubauen. Entwicklungshilfe sollte die vorhandene Eigeninitiative unterstützen. Es geht darum, vorhandene Stärken auszubauen.

Wie machen Sie das?

Wir haben zum Beispiel einen Wettbewerb unter jungen Schuhputzern ausgeschrieben und wollten wissen: Was denken die Jugendlichen? Was wünschen sie sich? Es beginnt mit Respekt und mit Zuhören. Die Listros kamen mit jeder Menge Ideen, wie sie ihre Lage selbst verbessern können. Das bewerten wir und überlegen, welche Geschäftsvorhaben wir fördern können.

Ein Beispiel?

Deutsche Architekten haben für uns einen Schuhputzerstand entworfen, denn die Jungs baten fast alle um Schutz vor Regen und Sonne. Aus diesen "Stadtmöbeln" wurde dann aber mehr. Ein großer Getränkehersteller hat die Stände gesponsert und dafür sein Logo draufgemalt. So werden die Listros sichtbar, aber nicht als Dreckarbeiter, sondern als Kleinunternehmer.

Was kostet solch ein Stand?

Um die 1000 Euro. Bisher konnten wir in der Hauptstadt 130 solcher Stände aufstellen. Jetzt putzen Listros nicht mehr ausschließlich Schuhe, sondern verkaufen alte Bücher, Obst und Gemüse. Die Stände werden zu beliebten Treffpunkten. Dank dieses neuen Orts können die Listros nun nachdenken, was sie als nächstes unternehmen wollen.

Teilen Sie die Forderung einiger afrikanischer Intellektueller nach einem Stopp der Entwicklungshilfe, weil sie angeblich nur schade?

Nun, auf jeden Fall erzieht sie viele Menschen und manchmal ganze Länder zur Unmündigkeit. Wenn die Zuwendungen von vornherein vom Staat einkalkuliert werden, hemmt das den unternehmerischen Geist. Das Warten auf Hilfe rückt in den Mittelpunkt. Ein Listro zum Beispiel käme so nie auf einen grünen Zweig. Er weiß, er muss selbst losgehen, Kunden suchen, Verkaufsideen schmieden.

Interview: Michael Gleich, Hajo Schumacher

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