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Den Protest auf die Straße tragen: Schüler demonstrieren in Berlin, 1969.
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Den Protest auf die Straße tragen: Schüler demonstrieren in Berlin, 1969.

Schülerproteste

"Sie staunen, dass Jugendliche so viel Power haben"

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Mathias Rösch hat mit Jugendlichen eine Ausstellung über Schülerproteste in den Jahren 1968 bis 1972 konzipiert. Ein Gespräch über das Aufbegehren im Klassenzimmer, kritische Abiturreden und wie Schüler heute auf die Revolte vor 50 Jahren blicken.

Herr Rösch, was war 1968 in den Klassenzimmern der Republik los?
Es gibt da Schüler, die lassen es sich nicht mehr gefallen, dass ihnen der Lehrer eine Ohrfeige verpassen will. Da steht dann in einem Nürnberger Gymnasium einer auf und sagt: Sie rühren mich nicht mehr an. Und das tut er urplötzlich. Ein anderer lässt seine Haare lang wachsen und geht auch nicht zum Friseur, obwohl ihm der Schulleiter dazu die Anweisung gibt. So etwas ist vorher nicht passiert.

1968 war hier in Frankfurt Karin Hechler, die später selbst eine bekannte Schulleiterin wurde, Abiturientin an der Schillerschule. Als sie damals von ihrem Mathematiklehrer auf die Frage, wozu sie eine bestimmte Formel lernen solle, keine Antwort bekam, ist sie aufgestanden, hat den Unterricht verlassen und später die Matheprüfung verweigert, wofür sie eine 6 bekommen hat.
Das sind die typischen Fälle, in denen es darum geht, sich Respekt zu erkämpfen, Antworten einzufordern, wo es bislang nur Anweisungen gegeben hat. Man muss ja sehen, dass Prügel damals noch durchaus zum Schulalltag gehörte, Ohrfeigen, an den Haaren reißen, mit der Faust ins Gesicht schlagen, Anschreien, all das gibt es, wenn auch nicht überall. In vielen Klassenzimmern müssen Tische und Bänke zentimetergenau in Reih und Glied stehen, wie auf dem Kasernenhof. Es gibt Lehrer wie jenen am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium in Frankfurt, die die Lage der Schulmöbel auf dem Millimeterpapier einzeichnen lassen und mit Strafen auf die Einhaltung dieser Ausrichtung achten. Vergehen dagegen werden mit Demütigungen und Strafarbeiten geahndet. Wir wissen von Fällen, da machten sich Schüler im Sportunterricht vor Angst in die Hosen und mussten dann noch bis Ende der Stunde in den nassen Sachen mitturnen.

Sind es einzelne, die sich dagegen auflehnen – oder zieht das Aufbegehren schnell Kreise?
Ganze Klassen fangen an, massiv gegen Unterrichtsmethoden zu protestieren, die als altbacken empfunden werden, etwa das wiederholte Rezitieren von Gedichten im Chor, im Takt, immer und immer wieder. Die machen da nicht mehr mit. Die solidarisieren sich mit jenen, die von den Lehrern schikaniert werden. Es werden Stinkbomben geworfen, Knaller gezündet, andere klauen das Klassenbuch, zerreißen die Seiten, zünden es an oder verbrennen ihre Zeugnisse. Es geht vom individuellen Protest über ständige Provokationen und Sticheleien bis hin zur Totalverweigerung. Gerade in Frankfurt haben ganze Klassen und Schulen den Unterricht verweigert, haben sich den Demonstrationen der Studenten gegen die Notstandsgesetze angeschlossen und sind durch die Straßen marschiert.

Und wie reagieren die Lehrerinnen und Lehrer?
Wir kennen das Tagebuch der Deutschlehrerin Wilma Werner, einer promovierten Lehrkraft am Nürnberger Martin-Behaim-Gymnasium , die ist einfach entsetzt. Den Lehrern fehlen einfach die Worte. Wie auch dem Lehrer von Karin Hechler. Weder er noch der damalige Schulleiter haben je mit ihr oder ihren Eltern über die Verweigerung in Mathematik gesprochen. Die waren einfach perplex, die waren es nicht gewohnt, dass ihnen jemand so massiv widerspricht.

Also waren die Fronten klar? Hier die aufsässigen Schüler, dort die hartleibigen Lehrer?
Nein, so war es nicht mehr. Der Betonklotz hatte ja längst Risse bekommen. In einem Nürnberger Gymnasium etwa protestierten Schüler so lange, bis der dortige Schulleiter alle zur Diskussion über die Notstandsgesetzgebung in die Schulturnhalle einlud. Es waren vor allem die älteren Lehrer, die 1968 schon vor der Pensionierung standen, die mit dem Neuen, was da kam, so gar nicht umzugehen vermochten. Die anderen, jüngeren, waren viel eher dazu bereit, sich mit den Schülern und deren Anliegen auseinander zu setzen. Und auch unter den Schulleitern gab es diese Bereitschaft. Sehr viele Schulleiter wiederum sind stark darüber verunsichert, wie sie mit prügelnden Lehrern und protestierenden Schülern umgehen sollen. Gerade in Hessen stoßen die Schüler auch bei der Kultusverwaltung in Frankfurt und im Land durchaus auf die Bereitschaft zu Reformen. Denn auch wenn der Protest so urplötzlich auftrat, lag er doch auch in der Luft.

Woher kam der Wandel?
Schon Mitte der 1950er Jahre beginnt es, dass Schüler in die Tische die Namen von Elvis oder James Dean ritzen, obwohl das strengstens verboten war. Einzelne tragen entweder offen oder nur angedeutet Kleidung wie Marlon Brando oder Haare wie James Dean und Elvis Presley. Das ist der erste, noch heimliche Protest. Im Laufe der Zeit werden die Schülerzeitungen kritischer, die Abiturreden aufsässiger. Die Schüler haben erlebt, wie die Älteren 1958 gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr auf die Straße gegangen sind. Man sieht im Fernsehen Martin Luther King, man sieht, wie erfolgreich die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten mit Massenprotesten ist. Man liest den Spiegel, die Frankfurter Rundschau. Es entsteht das Gefühl, es ist an der Zeit, etwas zu tun. Und dann gibt es zwei große Paukenschläge.

Welche Ereignisse meinen Sie damit?
Da sind zum einen die Trambahnproteste. Das fängt 1965/66 an, da ziehen Schüler vor die Straßenbahndepots und Verwaltungsämter und protestieren gegen Fahrpreiserhöhungen. In Nürnberg gab es eine der ersten Straßenbahnblockaden.

In Bremen eskalieren die Proteste im Januar 1968 zu regelrechten Straßenkämpfen mit der Polizei. Aber am Ende nimmt der Senat die Erhöhungen zurück. Was heißt das für die Schülerbewegung?
Das politisiert natürlich immens. Die Polizei schreitet brutalst ein, schlägt Schüler zusammen und wird dafür von den Medien wochenlang vorgeführt. Der Polizeipräsident muss offen bekennen, dass die Gewalt unverhältnismäßig war. Die Schüler sehen, man hört uns, man sieht uns, man nimmt uns wahr und wir haben Erfolg.

Und der zweite Paukenschlag?
Das war schon Anfang März 1967. An der Bettinaschule in Frankfurt haben die Schülerinnen der dortigen Schülerzeitung, der Bienenkorb-Gazette, einen Fragebogen zur Sexualität erstellt. Die Fragen sind wirklich harmlos, es geht darum, von wem die Schülerinnen aufgeklärt wurden, welche Informationen es dazu im Unterricht gab, ob sie schon Geschlechtsverkehr hatten, ob sie im Unterricht mehr über Sexualität lernen möchten. Das schlägt nicht nur in Frankfurt, sondern bundesweit Riesenwellen. Alle haben darüber berichtet, die Bild-Zeitung, der Spiegel, die Frauen und Freizeitmagazine und auch das Fernsehen. Eine der Initiatorinnen, die Abiturientin Christa Appel, bekommt Wäschekörbe voller Post, ist monatelang in ganz Deutschland zu Interviews unterwegs.

Was war so aufregend an diesem Fragebogen?
Es war die Offenheit der Jugendlichen Fragebogen-Ersteller und die Tatsache, dass da tatsächlich 13 bis 15 Jahre alte Jugendliche offen antworten und – wenn auch anonym – ein wenig in ihr Innerstes blicken lassen. Die Ernsthaftigkeit und die klugen Fragestellungen der Fragebögen sind erstaunlich und verweisen auf die Ernsthaftigkeit der gesamten Schülerbewegung.

Jetzt startet die Ausstellung „Klassenkämpfe“, die Sie zu der Schülerbewegung von 1968 bis 1972 erstellt haben, ebenfalls in Frankfurt. Warum gerade hier?
Zum einen ist Frankfurt die Stadt, in der die Kritische Theorie zuhause war, Horkheimer, Adorno, Habermas haben hier gelehrt. In dieser Stadt gab es den Auschwitz-Prozess und parallel den „Diplomaten“-Prozess, ein großes NS-Verbrechen-Strafverfahren, das auch den ehemaligen Frankfurter Polizeipräsidenten in den Blick nahm. Hier war eine der Hochburgen der Studentenrevolte, Frankfurt war neben Berlin der Hotspot. Entscheidende Gründe für den Start in Frankfurt war, dass von dieser Stadt aus die drei wichtigsten Impulse für den Start der Schülerbewegung in Westdeutschland ausgingen.

Welche Impulse waren das?
Es ist sicher kein Zufall, dass gerade hier von Willy Brandts Sohn Peter das AUSS gegründet wurde, das Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler, das von 1967 bis 1969 die zentrale Organisation der sozialistischen Schülerbewegung darstellte. Und in Frankfurt an der Elisabethenschule hielt die damalige Abiturientin Karin Storch eine wirklich fulminante und kluge Abiturrede, in der sie fragt, warum Polizisten Demonstranten verprügeln und sogar töten, die doch gerade für eine starke Demokratie auf die Straße gegangen sind. Die Rede hält sie 20 Tage nach den tödlichen Schüssen auf den Studenten Benno Ohnesorg in Berlin, der gegen den Besuch des Schah von Persien protestiert hatte. Sie mündet in der Aufforderung, dass es die zentrale Aufgabe von Schulen sein müsse, zu mündigen und vor allem kritischen Bürgern mit einem widerständigen Geist, zu echten Demokraten also, zu erziehen. Und der dritte Impuls war die bereits genannte Fragebogen-Aktion zum Thema Sexualität.

Haben die Schüler ein klares politisches Programm? Ein erheblicher Teil der protestierenden Studentenschaft hatte zum Ziel, den Staat komplett umzukrempeln. Die Demonstranten tragen auf ihren Fahnen die Utopie eines sozialistischen Gesellschaftssystems durch die Straßen.
Das war unter den Schülern nur eine recht kleine Gruppe. Aktiv in der Schülerbewegung ist rund ein Drittel der Schülerschaft, und nur ein verschwindend geringer Anteil davon ist links-sozialistisch engagiert und will den Systemwechsel. Die werden zunehmend dogmatisch und verlieren schon 1969 massiv an Zulauf. Die allermeisten wollen eine Schulreform. Sie wollen nicht den Staat zerstören, sondern die Demokratie verbessern und in ihrem Alltag mehr Freiraum, etwa auch bei der Mode, der Sexualität oder dem Rollenverständnis.

Also sind die Schülerinnen und Schüler nicht einfach den Studenten hinterher gelaufen?
Die Schülerproteste waren eine sehr eigenständige Bewegung. Ich denke, es ist eher so, dass es ohne Schülerbewegung die Studentenproteste nicht gegeben hätte als umgekehrt. Viele, die Anfang der 60er in der Schule aufmüpfig werden, sozialisieren sich dort und werden später bei den Studentenprotesten aktiv. Und bei den Demonstrationen 1968/1969 gehen immer wieder sehr viele Schüler mit. Die Bremer oder auch die Hamburger Straßenbahnkrawalle 1968 wurden von den Schülern initiiert. Es sind enorm viele Schüler, die damals sagen, wir sind gegen den Vietnam-Krieg und gegen die Notstandsgesetze, die sich selbst mit diesen Themen auseinandersetzen.

Und unterm Strich: Wie erfolgreich war die Schülerbewegung?
Die Bildungspolitik war längst in Bewegung geraten, bundesweit gab es Bestrebungen, das Bildungswesen zu verbessern. Da stoßen die Schüler mit ihren Protesten massiv hinein. Das ist Rückenwind für die Reformer wie Ludwig von Friedeburg in Hessen oder Hermann Glaser in Nürnberg. Der respektvolle Umgang mit Schülern und Schülerinnen, moderne Unterrichtsmethoden, Beteiligung von Schülern und Eltern bei Entscheidungen in der Schule, die Reform der Oberstufe mit der Möglichkeit, sich nach seinen Interessen zu bilden, die Einführung von Sexualkundeunterricht, die besseren Bildungschancen für Kinder aus ärmeren sozialen Schichten, all das ist auch ein Erfolg der Schülerbewegung, wie sie mit dem Einritzen der Namen von Rock-Stars angefangen hatte. Politische Alltagsfragen und auch der Nationalsozialismus werden Thema im Unterricht. Mitte der 70er Jahre kommen dann die ersten Zeitzeugen in die Schulen. Auch das war eine Forderung der Schüler von 1968.

An der Ausstellung „Klassenkämpfe“ haben auch heutige Schüler mitgearbeitet. Was wissen Jugendliche heute über 1968?
Sie wissen zumeist überhaupt nichts. Und wenn man damit anfängt, dann interessiert sie das nicht, dann sind das für sie einfach alte Geschichten. Und dann merken sie, wie sehr die Proteste von 1968 ihre Welt mitgeprägt haben. Sie erfahren, wie ihre Vorgänger gedemütigt und verprügelt wurden. Wie diese begonnen haben, sich zu wehren, wie pfiffig sie das gemacht haben, wie mutig und wie solidarisch. Dann fangen sie an zu lesen, selbst zu forschen und sehen, was man gemeinsam erreichen kann. Und wie viel Lebensfreude daraus entspringen kann, wenn man schlimme Verhältnisse überwindet. Und sie staunen, dass Jugendliche so viel Power haben, tatsächlich so viel bewegen können.

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