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Eine Schneiderin in Lagos näht gratis Nigeria-Fähnchen für die Protestbewegung.

Proteste in Nigeria

„Sie schossen direkt in die Menge“

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Bei Protesten gegen Polizeibrutalität in Nigeria soll es mehrere Tote gegeben haben.

Die seit mehr als zwei Wochen anhaltenden Proteste von Jugendlichen in Nigeria gegen die Brutalität der Polizei haben eine besorgniserregende neue Wende genommen, nachdem Soldaten am Dienstagabend in der Hafenstadt Lagos das Feuer mit scharfer Munition auf Demonstrierende eröffneten. Bei dem gewalttätigen Vorgehen der Militärs auf eine von Demonstrierenden blockierte Straßengebühr-Station in dem wohlhabenden Stadtteil Lekki wurden nach unterschiedlichen Angaben zwischen zwei und 20 Menschen erschossen. Über soziale Netzwerke wurden zahlreiche Videos von dem Vorfall verbreitet: Auf ihnen sind Soldaten zu sehen, die sich schießend auf die Demonstrierenden zubewegen. „Sie schossen direkt in die Menge “, zitiert die BBC einen Augenzeugen: „Chaos brach aus. Direkt neben mir wurde ein junger Mann tödlich getroffen.“

Wenige Stunden zuvor hatte der Gouverneur des Bundesstaates Lagos, Babajide Sanwo-Olu, eine 48-stündige Ausgangssperre über die Stadt verhängt, die von den Demonstrierenden allerdings nicht eingehalten wurde. Die zunächst friedlich verlaufenden Proteste der vergangenen zwei Wochen seien von Störenfrieden und Kriminellen gekapert worden, sagte Sanwo-Olu: „Die Proteste haben sich in ein Monster verwandelt.“

In einem Distrikt der Hafenstadt waren zuvor eine Polizeistation sowie mehrere Einsatzfahrzeuge in Brand gesteckt worden. Wie seit Tagen schon behinderten die Demonstrierenden auch wieder den Straßenverkehr und den Zugang zum Flughafen der mehr als 20 Millionen Menschen zählenden Hafenmetropole, um ihrem Unmut über die Brutalität der Polizei Ausdruck zu verleihen. Im Mittelpunkt der Klagen steht die „Special Anti-Robbery-Squad“ (Sars), eine in zivil gekleidete Spezialeinheit, der vorgeworfen wird, vor allem junge und relativ wohlhabende Nigerianerinnen und Nigerianer regelmäßig zu erpressen, zu misshandeln und nicht selten auch zu töten. Amnesty International will von 82 Opfern wissen, die allein seit 2018 von Mitgliedern der Spezialeinheit umgebracht wurden

Anfang der Woche hatte Staatspräsident Muammar Buhari die Auflösung der berüchtigten Einheit angekündigt: Ihre Mitglieder sollten umtrainiert und in „Special Weapons and Tactics Team“ (Swat) umbenannt werden. Etwas Ähnliches hatte die Regierung allerdings schon zuvor viermal versprochen, ohne ihr Versprechen einzulösen – die sich #Endsars nennenden Demonstrierenden setzten ihre Proteste deshalb fort. Am Dienstag meldete sich dann die Armeeführung zu Wort: Die Streitkräfte seien bereit, gegen die „Störenfriede und subversiven Elemente“ vorzugehen. Am Dienstagabend wurde die Drohung wahr gemacht.

Beobachtende drücken außerdem ihre Sorge über Berichte aus, wonach es im Zusammenhang mit den Protesten immer wieder zu bewaffneten Angriffen zivil gekleideter Männer auf die Demonstrierenden komme. Dabei soll es sich um Prügel- und Schießtruppen handeln, die von nigerianischen Politikern auch im Wahlkampf eingesetzt werden. Zahlreichen Berichten zufolge können die Ganoven ihre Angriffe ungestraft vor den Augen der Polizei ausführen: In der Hauptstadt Abuja schlugen sie vor einer Woche lediglich 500 Meter vom Hauptquartier der Polizei zu.

Die Demonstrierenden fordern außer der Freilassung der in den vergangenen zwei Wochen Festgenommenen auch die Einrichtung einer Untersuchungskommission sowie Entschädigung für die Opfer der Sars-Übergriffe. Ferner soll gesetzwidrigen Sicherheitskräften der Prozess gemacht, ihnen aber ein besseres Gehalt bezahlt werden. Damit sie sich nicht durch Schmiergeld über Wasser halten müssen.

Die von der weltweiten „Black Lives Matter“-Bewegung beeinflusste #Endsars-Kampagne hat längst in aller Welt Widerhall gefunden – und nicht nur bei Diaspora-Nigerianerinnen und -Nigerianern wie dem Manchester-United-Spieler Odion Jude Ighalo oder dem Afropop-Sänger Wizkid. Auch US-Rapper Kaney West stellte sich hinter die nigerianische Bewegung – wie der deutsch-türkische Fußballstar Mesut Özil.

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