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Polizeikessel: Beamte fordern Flüchtlinge auf, ihr Zeltlager zu räumen.

Frankreich

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  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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Die französische Regierung hat erneut ein Lager mit Migranten im Norden von Paris räumen lassen.

Zwölf Stunden ab dem Plakatanschlag“: So lange gab Präfekt Didier Lallement den 1500 Äthiopiern, Tschadern, Sudanesen und Afghanen am Dienstagnachmittag Zeit, ihre Zeltburg in Aubervilliers zu verlassen. Am Mittwochmorgen um 4.30 Uhr fuhren die Polizeilaster vor. Hunderte von Ordnungshütern umzingelten das Lager zwischen Autobahn und Stadtkanal. Zwei Stunden später erfolgte der Räumungsbefehl.

Die meisten Migranten waren noch vor Ort; sie hatten gar keine Zeit gehabt, sich in Luft aufzulösen. Behördenvertreter forderten sie auf, in die ankommenden Fahrzeuge zu steigen. Zugleich erhielten sie Schutzmasken und Desinfektionsgel. Georges-François Leclerc, der Präfekt des Departementes Seine-Saint-Denis, in dem Aubervilliers liegt, ließ die Menschen mit möglichen Corona-Symptomen von den anderen trennen. Er kündigte „massive“ Tests für die meisten der 1500 Zeltbewohner an.

Der Abtransport der Familien verlief problemlos, im Männerlager auf der anderen Seite des Kanals gab es Pfiffe und Rangeleien, als der Polizeikordon Druck zu machen begann.

Die Aktion im armen Nordosten von Paris ist nicht die erste ihrer Art. Die Hauptstadt ist in den vergangenen Jahren zu einem Sammel- oder Treffpunkt von Migranten geworden. Einige sind auf dem Weg nach Calais am Ärmelkanal, von wo aus sie nach England übersetzen wollen. Andere hoffen im Großraum Paris – der wirtschaftliche Lunge Frankreichs mit zehn Millionen Einwohnern – auf Arbeit.

Die jüngste Räumung in Aubervilliers erfolgte auf Drängen von Anwohnern und der Bürgermeisterin. Sie beschwerten sich über die prekären Gesundheitsbedingungen und zunehmende Spannungen unter den einzelnen Nationalitäten. Präsident Emmanuel Macron konnte nicht länger zuschauen, nachdem er in der Flüchtlingsfrage einen härteren Kurs angekündigt hatte. Allerdings vermag er auch nicht anzugeben, was mit den 1500 Menschen passieren soll.

Die Rechtsparteien werfen Macron vor, er betreibe mit der Lagerräumung Schaumschlägerei. „Sehr gut“, kommentierte der Rechtsaußen Robert Ménard die Aktion gegen die Migranten. „Aber wohin mit ihnen?“

Auf der Linken tönt es ähnlich – wenngleich aus ganz anderen Motiven. Die Evakuierung des Lagers sei eine pure Menschenpflicht gewesen, erklärte die Partei „Unbeugsames Frankreich“. Auch eine Vertreterin des Hilfswerkes Terre d’Asile schüttelte den Kopf: „Wir wissen nicht mal, wo die Leute hingebracht werden.“ Auf einer Windschutzscheibe stand bloß: „Transfer Ile-de-France“, also etwa: „Transfer in die Region Paris.“

In früheren Fällen waren die Migranten in einem ersten Schritt häufig in Turnhallen untergebracht worden. Aber nur so lange, wie die dazu gehörige Schule geschlossen war. Die französischen Asylzentren sind überfüllt. Um Asyl hatten viele Migranten bereits anderswo ersucht. Nach dem Dublin-Abkommen der EU müssten sie eigentlich in ihr Ersteintrittsland – Griechenland oder Italien – zurückgeführt werden. In der Praxis wird das Prinzip aber kaum angewandt; und wenn, kehren die Migranten bald zurück.

Noch bevor die Räumung zu Ende war, begaben sich Vertreter mehrerer Hilfswerke bereits in das verlassene Lager, um die 600 leeren Zelte einzusammeln. Das stelle immerhin einen Wert von 9000 Euro dar, sagte eine Helferin, um vorherzusehen: „In einigen Wochen werden die jetzt abtransportierten Leute die Zelte wieder brauchen.“ Dann, wenn die Sisyphos-Migranten im Nordosten von Paris das nächste Lager aufbauen.

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