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Sena Sadia und ihre Kinder mussten alles in ihrer Heimat zurücklassen, als Banden ihr Dorf abbrannten.

Flüchtlinge in Uganda

Sicher, aber geprägt von Angst

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Mehr als eine Million Südsudanesen sind vor Krieg und Gewalt nach Uganda geflohen. In Flüchtlingscamps finden sie Hilfe, fühlen sich sicher. Die traumatischen Erinnerungen aber bleiben. Peter Pauls hat sie besucht.

Die erschöpfte Frau hat sich mit ihren Kindern in eine Ecke des Schuppens zurückgezogen. Ihr Gesicht ist erstarrt. Leise berichtet sie vom Niederbrennen ihres Dorfes durch Banden, von der Erschießung ihres Mannes und der Flucht aus dem Südsudan in das ostafrikanische Ugunda. Sena Sadia sitzt trotz aller Entbehrung kerzengerade in der Sammelstelle für Flüchtlinge und versucht, ihren Kindern Halt zu geben. Außer den Kleidern, die sie und die Kleinen tragen, konnte sie nichts retten.

Der Südsudan ist der international jüngste Staat und seit 2011 unabhängig. Das hat den Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg mit dem Nordsudan beendet. Doch nun kämpfen die früheren Bundesgenossen im Südsudan gegeneinander. Die Mutter mit ihren Kindern und all die anderen ausgemergelten und stummen Gestalten, die hier müde auf dem staubigen Boden kauern, sind Opfer dieses Ringens.

Ende des Flüchtlingsstroms ist nicht abzusehen

Wer die Grenze Richtung Uganda überschritten hat, ist zwar dem Bürgerkrieg entronnen, nimmt die traumatischen Erlebnisse aber mit. 1,3 Millionen Flüchtlinge hat das Land bisher aufgenommen. In der Mehrzahl gehören sie zum Volk der Kakwa – wie auch Sena Sadia. Zwar kommen heute täglich nur noch etwa 250 der verängstigten Menschen und nicht mehr bis zu 10.000, wie vor einigen Monaten. Doch ein Ende des Flüchtlingsstroms ist nicht abzusehen.

Keine schlaflosen Nächte, weil Schüsse zu hören sind und der Feuerschein brennender Dörfer die Nacht erhellt. Keine Angst vor den Milizen, vor Vertreibung, Massenvergewaltigung und Mord. Lebensqualität bemisst sich für die Flüchtlinge in der Abwesenheit von Gräueltaten und einer sicheren Unterbringung. Missionare berichten von Selbstmorden und post-traumatischen Krankheitsbildern angesichts der seelischen Last.

Bereits in der einfachen Sammelstelle ist die Regierungspolitik der offenen Aufnahme spürbar. „Zeit fürs Mittagessen“, sagt ein Helfer freundlich und geht zu den Neuankömmlingen. Berührend ist weniger die bescheidene Mahlzeit – weißer Brei, der in einem gewaltigen Topf blubbert – als die Menschlichkeit, die hinter dieser Geste steht.

Ugandas Flüchtlingspolitik findet international Anerkennung wie jüngst, als Außenminister Sigmar Gabriel Hilfsprojekte und Flüchtlingslager im entlegenen Nordwesten besuchte. Im dünn besiedelten Buschland sieht man gelegentlich in der Ferne den Nil silbern inmitten des tiefen Grüns der Vegetation schimmern. Unterbringung und Versorgung der Geflüchteten sind hier eine Herkulesaufgabe.

„Malteser International“ aus Köln unterstützt Uganda seit 2013 in der Wasser- und Hygieneversorgung von Flüchtlingen wie auch schon zu Beginn der 90er Jahre. Regelmäßig besucht Roland Hansen, Afrika-Chef der Organisation, die Projekte, die auch aus dem Nothilfefonds des Berliner Außenministeriums gefördert werden. Malteser International kümmert sich ebenfalls um Wiederaufforstungen und um Gemüsegärten, die sich an den Wasserstellen der Organisation befinden.

Trinkwasser-Versorgung eine zentrale Herausforderung

Die Versorgung mit Trinkwasser ist eine zentrale Herausforderung. Es mit Tankwagen heranzuschaffen, ist teuer, das Flusswasser oft lehmig und von Mensch und Tier verunreinigt. Umgerechnet 20 000 Euro kostet es, ein Bohrloch anzulegen, erläutert Hansen. Doch erst danach beginnt der wirkliche Aufwand. Bis zu 100 000 Euro werden für die mit Solarstrom betriebenen Pumpen, Zapfstellen, Speichertanks und Leitungen veranschlagt, will man hygienisch unbedenkliches Trinkwasser liefern. Die Zapfstellen, an denen jeweils vier Wasserkanister gleichzeitig gefüllt werden können, werden stark frequentiert und sind auch ein Treffpunkt für die Campbewohner. Ohne Wassergewinnung, die Ableitung von Schmutzwasser, den Bau von Latrinen und die Umsetzung von einfachen Hygieneregeln sowie den Nachschub an Seife hätten Seuchen leichtes Spiel bei den geschwächten Menschen.

„Es sind unsere Brüder und Schwestern, die hierherkommen,“ sagt Stephen Lumumba. Was nach einer Floskel klingt, beschreibt Wirklichkeit. Der 57 Jahre alte Ugander ist Malteser-Mitarbeiter und verkörpert selbst die wechselvolle Geschichte des Dreiländerecks Uganda, Demokratische Republik (DR) Kongo und Südsudan. Durch die Linealstriche der einstigen Kolonialherren wurde das Volk der Kakwa diesen drei Nationen zugeordnet. Sprache, Verwandtschaft, Sitten, Gebräuche und damit das Zusammengehörigkeitsgefühl aber gehen über die oftmals kaum sichtbaren Grenzen hinweg. Wer nur eine Straße überquert, steht bereits im Nachbarland.

Immer wieder flohen Kakwa aus dem Südsudan nach Uganda. 1980 aber, nach der Vertreibung des ugandischen Despoten Idi Amin, kam es zu einer Massenbewegung in die andere Richtung. Dieses Mal suchten Hunderttausende von Kakwa Schutz im Südsudan, da Amin einer der ihren gewesen war und sein eigenes Volk begünstigt hatte. „Als Amins Nachfolger Rache nahm, gingen wir zu unseren Verwandten in den Südsudan“, erinnert sich Stephen Lumumba, damals ein junger Mann. Die Eltern kehrten 1986 in die Heimat zurück. Der Sohn aber blieb und begann für internationale Hilfswerke zu arbeiten.

Unterschiedliche Flüchtlingspolitik

Ugandas Flüchtlingspolitik unterscheidet sich zentral von der deutschen. Nachdem die Neuankömmlinge biometrisch erfasst sind, genießen sie Freizügigkeit und können jederzeit eine Arbeit aufnehmen. Nach zehn Jahren Aufenthalt erhalten sie die Staatsbürgerschaft. Betreuung und Nahrungsmittelhilfe indes gibt es nur in den Flüchtlingscamps. Dort wird jeder Familie ein Stück Land zugewiesen, auf dem sie bauen und ein kleines Feld anlegen kann. So ist eine gewaltige Dorflandschaft entstanden. Im Rhino Camp etwa mit seinen verschiedenen Unterteilungen leben 100 000 Menschen auf einer Fläche, die der Größe Frankfurts entspricht. „Wir wollen die Flüchtlinge ermuntern, produktiv zu sein,“ sagt Solomon Osakan, der Camps in der Grenzregion mit einigen Hunderttausenden Flüchtlingen vorsteht.

Mit den Maltesern diskutiert der Regierungsbeamte gerade die Wiederaufforstung von Wäldern. Als Abertausende von Flüchtlingen in kurzer Zeit über die Grenze zogen, haben sie Schneisen der Verwüstung in die Mahagoni- und Teakholzwälder geschlagen. Osakan hadert damit nicht. Dies sei eben eine Tatsache, stellt er nüchtern fest. Die Menschen brauchten das Holz zum Hüttenbau oder zum Kochen, solange es noch keine Lager gab.

Fast 60 Jahre an Flucht, Vertreibung und Bürgerkrieg haben das Dreiländereck geprägt und stets trifft man auf das gleiche Muster: Zwei Parteien kämpfen um Macht und Geld – und die einfachen Menschen, Millionen an der Zahl, fliehen oder sterben. Doch längst ist Gut nicht mehr von Böse zu unterscheiden. Die Konfliktlinien verlaufen nicht mehr allein entlang ethnischer oder politischer Grenzen. Dafür wird schon zu lange gekämpft.

Die Täter von heute, die aus dem Dinka-Volk kommen, gehörten in den 90er Jahren selber zu den Opfern. Einer von ihnen ist Peter Thonlou. Er floh und ist nie aus Uganda in die Heimat zurückgekehrt. Seit mehr als 20 Jahren lebt er in einem Winkel des Rhino Camp. Mit einer Schankstube hat er sich eine kleine Existenz aufgebaut. Die Heimat seiner Kinder sei ohnehin Uganda geworden, sagt er. Er berichtet von Konflikten mit den Neuankömmlingen an Wasserstellen und im Alltag. Jüngst musste ein Taxifahrer seinen Dinka-Fahrgast vor einem Lynchmob schützen.

Den Verwaltungschef des Rhino Camp bringt so etwas in Rage. Die Camp-Bewohner sollten sich gefälligst als ein Volk begreifen – dass der Flüchtlinge nämlich, schimpft er. Es sei Arbeit genug, Hunderttausende Menschen in dieser entlegenen Region zu versorgen. „Lasst uns mit euren Konflikten in Ruhe“, sagt Armitage Basikania und zeigt auf den Geländewagen der ugandischen Polizei, der neben seinem Büro steht. Kriminelle über die Grenze zurückschicken? „Bei uns gilt die Genfer Konvention“, knurrt der kantige Ugander.

Regelmäßig veröffentlicht das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) ein Datenblatt mit den wichtigsten Kennziffern zur Flüchtlingssituation. 330 000 Menschen sind demnach allein in diesem Jahr aus dem Südsudan nach Uganda gekommen, 82 Prozent davon sind Frauen und Kinder. Jeden Samstag fährt Bik Lum, Büroleiterin in der Distrikthauptstadt Arua, durch die Flüchtlingscamps. „Die Straßen waren schlecht, als wir herkamen,“ seufzt sie. „Aber jetzt sind sie wirklich schlecht.“ In der Tat kann bereits ein Regenguss die zernarbten Pisten in tückische Seengebiete verwandeln und praktisch unpassierbar machen.

Die Macht der Politiker und Generäle

Die Asiatin beschreibt die Verantwortung, die auf ihrer Organisation lastet. Wenn Hunderttauende ihre Essensration eine Woche später bekommen, wie kann man das Menschen erklären, die nichts haben? Planung ist schwer geworden. Der Klimawandel ist in Uganda deutlich spürbar. Regenzeiten setzten später ein und endeten früher. Viele Flüchtlinge haben bereits eine Ernte verpasst. Bik Lum wirkt wie eine überbeschäftigte Managerin. Eigentlich hat sie auf jede Frage eine schnelle Antwort. Nur einmal bleibt ihr kurz die Sprache weg. Dem Flüchtlingshilfswerk fehlen laut eigener Statistik 470 Millionen Dollar. Es sind solche Finanzierungslücken, die immer wieder verzweifelte Menschen in Marsch gesetzt haben.

2015 etwa, als in der Türkei, Jordanien und dem Libanon in den Flüchtlingslagern die Rationen gekürzt wurden und die Menschen sich auf den Weg nach Deutschland machten. Bik Lum wählt beschwichtigende Formeln. Man käme auch mit weniger Geld aus. Nur sei die Planung ein Problem, wenn überraschend doch wieder mehr Menschen kämen. Das aber hängt direkt von den Kriegsherren im Südsudan ab. Wenn sie Mord und Vertreibung schüren, steigt die Zahl der Flüchtlinge. So reicht die Macht der Politiker und Generäle weit über ihr zerrüttetes Land hinaus.

An einer Wasserstelle steht Angillo in zerlöcherter Kleidung. In dem verwirrten Jungen bündelt sich die ganze Zerrissenheit der Situation. 14 Jahre sei er alt, berichtet er ungefragt, und komme aus einem Waisenhaus in Yei, einer Stadt im Südsudan. Angillo spricht mit breitem US-Akzent, den er offenbar von seinen Betreuern übernommen hat, von „Mama Lilly aus Wisconsin“. Seine Gefährten seien ermordet worden, deshalb sei er geflohen.

Die schönsten Jahre seines armseligen Lebens wird Angillo im Waisenhaus verbracht haben. Immer wieder sagt der Junge, dessen afrikanischer Name „der Traurige“ bedeutet, er müsse doch zur Schule gehen. Dann fasst er seinen Gesprächspartner am Arm und spricht laut und nachdrücklich, wie mit einem Begriffsstutzigen. Angillo wirkt wie jemand, der gewaltsam verschleppt wurde. Dabei ist er in Sicherheit – und doch zurück in einem verlorenen und einsamen Leben, von dem er wohl glaubte, es hinter sich gelassen zu haben.

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