+
Sie kämpfen um die Macht: Parteigründer Bernd Lucke, mittlerweile Abgeordneter des Europaparlaments ...

Richtungsstreit

Wie die AfD sich zerlegt

  • schließen

Dubiose Nominierungsverfahren, gesperrte E-Mail-Zugänge: In der "Alternative für Deutschland" kämpfen Nationalkonservative und Liberale offenbar mit harten Bandagen um die Richtung der Partei.

Es musste alles schnell gehen. Schließlich heißt die Initiative „Weckruf“. Aber noch ist manches ein wenig ungeordnet am frühen Dienstagmorgen. „Es gibt nicht so richtig eine zentrale Position hier“, sagt Bernd Lucke und wundert sich über die Sitzanordnung im Kellergewölbe der altehrwürdigen Europäischen Parlamentarischen Versammlung in Straßburg. Dorthin haben der Parteigründer und vier weitere Europaabgeordnete der Alternative für Deutschland (AfD) geladen. Holzvertäfelte Wände, rote Tischdecken, ein bisschen erinnert alles hier unten an elsässische Weinstube.

Die Europaabgeordneten wollten eigentlich zu einer Pressekonferenz bitten; aber die Nachricht war schon am Vortag durchgesickert: Im Streit mit dem nationalkonservativen Flügel der AfD haben Lucke und seine Mitstreiter innerhalb der eigenen Partei den Verein „Weckruf 2015“ gegründet. 1000 Unterschriften hätten sie in den ersten zwölf Stunden gesammelt, heißt es. Aber die Frage nach der zentralen Position bleibt. Falls es die in der AfD gibt. Weil also der Weckruf schon ertönte, wird die Pressekonferenz flugs zum Hintergrundgespräch. Eine Art Vereinsausflug also. Dann folgt das offizielle Statement – eine Etage höher und im Schein der Fernsehkameras. Weckruf sei „der Versuch, die Partei zu retten“, sagt der 52-jährige Lucke. Er habe vor der Kursdebatte nur die Wahlen in Hamburg und Bremen abwarten wollen.

Lucke spricht schnell und präzise. Wie immer. Das ehemalige CDU-Mitglied hat die AfD 2013 initiiert: als Anti-Euro-Partei oder wie Lucke formuliert, als Heimat für ein „breites Bürgertum“. Die AfD ist seither ins Europaparlament und in fünf Landtage eingezogen, den Einzug in den Bundestag hat sie nur knapp verfehlt. Eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Doch stellt sich die Frage, was sich eher zerlegt, die AfD oder Griechenland. Denn Luckes Partei wuchs so schnell. Er wolle nicht, dass die Partei „an den Rändern ausfranst“, sagt Lucke.

Der Protestant Lucke predigt einen Freihandelsliberalismus. Seine Ko-Vorstandssprecherin Frauke Petry und die Landesverbände in Sachsen, Thüringen und Brandenburg machen auf nationalkonservativ. Die AfD als Protest- und Wutbürgerpartei – eine Anti-Partei: gegen Zuwanderung, gegen Islam, aber für Russland. Eine Art deutscher Front National, fürchtet der Weckruf.

Äquidistanz heißt das in den nationalen Kreisen rund um Brandenburgs AfD-Spitzenmann Alexander Gauland. Dort sieht man die Außenpolitik Bismarcks als Vorbild: das Bündnis des preußischen Junkertums mit den zaristischen Russland

In dem Konflikt soll die Vereinsgründung nun Klarheit bringen. Lucke sagt, es gebe keinen Plan B für eine Parteineugründung. „Wir kämpfen für Plan A, wir kämpfen für die AfD.“

Ko-Sprecherin Petry kontert am Dienstag in Dresden: Der Weckruf sei nicht geeignet, die widerstreitenden Flügel zu vereinen und verunsichere die Mitglieder, sagt die sächsische AfD-Landeschefin. Zudem sei fraglich, ob die Gründung des Vereins mit den AfD-Statuten vereinbar sei. Die Einheit der AfD stehe im Vordergrund, aber auf Basis von Parteitagsbeschlüssen. Sie begrüßt die Bereitschaft Luckes zu Konsensgesprächen, stellt aber dessen Einigungswillen infrage. Eine Kandidatur gegen Lucke bei der Wahl einer neuen Parteiführung im Juni schließt sie nicht aus.

Kampf mit allen Mitteln

Eigentlich hat sich die Partei auf einen Sprecher verständigt. Aber der nationalkonservative Flügel macht weiter mobil: Es ist die Rede von rätselhaften Parteieintritten vor dem Bundesparteitag, von dubiosen Verfahren bei der Nominierung von Delegierten und von gesperrten Zugängen zum E-Mail-Verzeichnis.

Petry und Konrad Adam, ebenfalls AfD-Sprecher, haben demnach Luckes Zugang zum Mail-Verteiler der Partei sperren lassen. Als sich dieser beim Administrator der AfD beschwert, blockiert der nach Angaben von Parteisprecher Christian Lüth bis auf weiteres für alle den Zugriff auf die Mitglieder-Datenbank.

Offenbar wird mit allen Mitteln gekämpft. Luckes Mitstreiter, der Europaabgeordnete Hans-Olaf Henkel, hat sich aus dem AfD-Vorstand zurückgezogen, weil er es „mit einzelnen Personen nicht mehr ausgehalten“ habe, so erzählt er am Dienstag in Straßburg. Er sei „noch nie in seiner Karriere so angefeindet“ worden. Henkel war einst Präsident des Bunds der deutschen Industrie.

Zwei der sieben Europaabgeordneten der AfD sind nicht erschienen zum Termin in Straßburg. Das zeigt, wie gespalten die Partei ist, weist aber auch darauf hin, wie sie mit dem europaparlamentarischen Alltag kämpft.„Wie stimmen wir gleich über Konfliktmineralien ab?“ will einer wissen. Dabei geht es um Rohstoffe aus Kriegs- und Konfliktgebieten. „Dann dürfen wir auch nichts aus Russland einführen“, raunt einer. „Das dürfen wir nicht sagen.“

In diesen Tagen zirkuliert in der AfD noch ein anderes ungewöhnliches Modell: Ostrakismos. So hieß im antiken Athen das Scherbengericht. Es sah Verbannung für die Unruhestifter vor. Ein Rückzug der Kombattanten also. Leeres Schlachtfeld, neue Krieger. In Athen folgte darauf der Untergang. (mit dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion