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Waldbrand in der Region Krasnojarsk in Sibirien.

Waldbrände

Sibirien hofft auf schlechtes Wetter

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Die Waldbrände im russischen Nordosten haben verheerende Auswirkungen auf Mensch, Tier und Klima.

Besonders gefährlich seien vom Wind geknickte Bäume. „Wenn man den Windbruch nicht fortschafft, verwandelt sich sein Fallholz regelrecht in Schießpulver“, warnt Umweltminister Dmitri Kobylkin. „Es reicht ein Blitz in der Trockenzeit, sogar Wind, damit ein Feuer ausbricht.“ Russlands Entscheidungsträger betrachten die kolossalen Waldbrände dieses Sommers als schicksalhaft, als unvermeidbar. Verantwortlich ist die Natur, der Wind halt.

Seit zwei Monaten brennt die Taiga. Greenpeace Russland meldet unter Berufung auf Angaben der Forstverwaltungen, 2019 seien in Sibirien und Jakutien bislang 14,9 Millionen Hektar Wald abgebrannt – eine Fläche knapp doppelt so groß wie Österreich. Laut Greenpeace haben die Feuer dort über 225 Tonnen Kohlendioxid freigesetzt, mehr als das Dreifache der jährlichen Treibhausemissionen der Alpenrepublik.

Aber: „Die erdrückende Mehrheit der Brände entsteht durch menschliche Schuld“, urteilt Konstantin Kobjakow, Waldexperte der Naturschutzorganisation WWF Russland. Und laut Greenpeace werden über 90 Prozent der sibirischen Brände von fahrlässigen Anglern, Touristen, Autofahrern und Landwirten verursacht – oder von Holzfällern. In Sibirien schwelt gar der Verdacht, korrupte Beamte verhinderten Löscharbeiten, um Holzräuber zu decken. „Dort, wo die Brände nicht gelöscht werden“, vermutet Tatjana Dawydenko, ehemalige Chefin des Krasnojarsker Rechnungshofes, „möchte jemand entweder den Diebstahl von Wald oder andere Verbrechen vertuschen.“

Marina Drosdowskaja, Forstexpertin von Greenpeace, hat da ihre Zweifel. „Gesetzlich ist es heute kein Problem, eine Genehmigung zu bekommen, auch große Flächen billig abzuholzen.“ Allerdings nutzten viele Holzunternehmer solche Genehmigungen, um nebenher auch illegal zu fällen. Ein „illegaler“ Forstwirt aus der Region Irkutsk beichtete unlängst im Internet, auf einen genehmigten Baumstamm kämen in der Regel zehn „schwarze“, die man dann einfach mit den Papieren für den erlaubten Holzeinschlag abtransportiere. Korrupte Beamte drücken beide Augen zu, das Geschäft mit dem Taigaholz läuft so gut, dass die Holzfäller immer tiefer in Sibiriens Urwälder vordringen. Dort entfachen schlampig gelöschte Lagerfeuer oder weggeworfene Kippen neue Feuer.

Deren Löschung scheitert oft an der Bürokratie. Die Waldschützer protestieren zurzeit gegen ein Gesetz, das es den regionalen Behörden erlaubt, „Kontrollzonen“ zu bestimmen, in denen sie Waldbrände nur beobachten müssen. „Regionale Katastrophenschutzkommissionen beschließen, Waldbrände dort nicht zu löschen, wenn das Feuer keine bewohnten Orte angreift und der geschätzte Schaden geringer als die Löschkosten ist“, schreibt das sibirische Nachrichtenportal tayga.info. Mangels Sprit für Löschflugzeuge und -züge neigten die Beamten dazu, mögliche Verluste extrem kleinzurechnen. So habe eine Kommission in Krasnojarsk beschlossen, Brände auf fast 900 Hektar im Bezirk Ewenkien zu ignorieren. Die Löschkosten bezifferte sie auf umgerechnet knapp zwei Millionen Euro, die Schäden auf nicht mal 70 000. Allerdings hätte allein der Holzeinschlag in Ewenkien nach den Marktpreisen fast fünfmal mehr gekostet.

Marina Drosdowskaja sagt, die Waldschutzbehörde Lesochrana sei praktisch ruiniert, während das Katastrophenschutzministerium (KSM) viel Geld habe, seine Feuerwehren in der Regel jedoch nur in geschlossenen Ortschaften operierten. „In den sibirischen Regionen, wo der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, kamen auch KSM-Löschflugzeuge zum Einsatz.“ Vom Staatsfernsehen gefilmt, hätten sie Großfeuer gelöscht und seien weggeflogen. „Wir nennen das ,Brandbekämpfung für die Psyche‘“, sagt Drosdowskaja. Aber es fehle danach sehr oft an Forstfeuerwehrleuten, die wie früher aus der Luft landeten, um die verbliebenen Brandherde zu unterdrücken.

Die Föderale Agentur für Forstwirtschaft schätzt den ökonomischen Schaden der Waldbrände seit Jahresbeginn auf knapp 100 Millionen Euro. Nach Ökologen-Ansicht sind die Verluste viel höher. Die Behörden ignorierten, dass die Brände auch Fauna und Ökosystem der Taiga vernichteten. Greenpeace-Experte Michail Kreindlin hat ausgerechnet, dass allein in der Region Krasnojarsk Bestand und Lebensraum des sibirischen Zobels um einen Geldwert von etwa 300 Millionen Euro geschädigt worden seien.

Noch brennen auch nach offiziellen Angaben über 1,1 Millionen Hektar. Laut dem Rechercheportal Projekt suchten zwei Bären sogar Zuflucht in dem Taigadorf Baikit. Mensch und Tier warten sehnsüchtig auf den Herbst, auf Regen und auf den sibirischen Frost.

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